M: Im Auge des Schützen II

Es dauerte fast zwei Stunden, ehe Jennifer ein Zimmer in einem Hotel fand. Ausgelaugt bezahlte sie die teure Kaution und brachte Ann zum zweiten Mal in dieser Nacht ins Bett – doch dauerte es diesmal nicht so lange.

Ihr Kind war am Ende ihrer Kräfte.

Seufzend rollte sich Jennifer wieder von der Matratze und schlich zum Fenster. Von dort aus starrte sie auf die schlafende Stadt.

Ihre Mutter hatte sie so abrupt rausgeworfen. Sie hatten nichts mitnehmen können. Weder Anns Lieblingspuppe noch ihre Jacken. Es war gewiss ein Wunder, dass die Frau ihrer Flocke ein paar Schuhe zugestanden hatte, ehe sie das Mädchen durch die Nacht gezerrt hatte!

Wie sollte es nur weitergehen?

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M: Im Auge des Schützen I

„Sie schläft endlich“, seufzte Jennifer und ließ sich aufs Sofa fallen.

„Du pamperst sie zu sehr“, behauptete Jennifers Mutter sofort, „Ann ist alt genug, auch allein einzuschlafen.“

Die junge Mutter nickte nur stumm. Etwas anderes blieb ihr nicht übrig. Sonst würden ihre Eltern von der Affäre ihres Mannes erfahren. Und dann könnte sie sich auch gleich vor die Tür setzen!

Denn in einer gesunden Ehe dürfte es keine Affären geben.

„In ein paar Tagen sollte der Nachbar mit seinen Umbauten durch sein. Dann können wir wieder zurück, ohne jeden Morgen um fünf geweckt zu werden“, behauptete sie leise, „Zum Glück ist Marius eh unterwegs. Geschäftsreise. Wenn wir euch aber stören, kann ich gerne Miete für mein altes Kinderzimmer zah-“

„Papperlapap!“, unterbrach Jennifers Vater wie immer gutmütig, wenn sie Geld anbot, „Wir freuen uns, dass ihr hier seid. Ihr kommt so selten her! Was meinst du? Wollen wir morgen etwas unternehmen? Vielleicht ins Aquarium?“

„Etwas unternehmen? Ich bin morgen verabredet! Und Jennifer hat uns immer noch nicht erklärt, warum Ann zum Abendessen geweint hat! Also? Jennifer!“, warf ihre Mutter dazwischen.

Jennifer zuckte zusammen. Ihre Hände verkrampften sich. Erneut musste sie an ihre Tochter denken. Ann hatte sich so verzweifelt an sie geklammert. Immer wieder hatte sie nach ihrem Papa gefragt.

Und sie hatte einfach nichts sagen können.

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B: Konsequenzen

Chem Wak begutachtete das Haus unruhig. Es würde nie seinen Geschmack treffen, doch das musste es ja auch nicht. Es war nicht seines …

Ein Fenster im ersten Stock wurde geöffnet. Er konnte Umrisse dahinter ausmachen. Ein Mädchen. Allein.

Sachte klopfte er gegen den Beifahrersitz und sofort setzte sich das Auto in Bewegung.

Es war noch nicht soweit.

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Die plätschernde Melodie der Freiheit

© Katharina Kolata

Kevin Strauss ließ seinen Chef still gewähren, als dieser den nächsten Kunden übernahm, der in ihre Filiale marschierte. Eigentlich hätte Kevin ihm helfen müssen, aber ein einziger Blick des gepflegten Fremden hatte jedes Vorhaben im Keim erstickt. Die Abscheu war Kevin aus den blauen Augen geradezu entgegengesprungen und so zog er sich lieber zurück.

Er wusste, dass er nicht der ansehnlichste Zeitgenosse war. Als Bankangestellter von Brooks ‘n Coal aus der Hauptstadt Centy sollte er zwar ein ordentliches Erscheinungsbild an den Tag legen, doch wäre es einfacher, einen Löwen zu frisieren. Seine Haare glänzten mit jeder Dusche fettiger und seine Akne war ein Dämonenwerk für sich. Obwohl er bereits Mitte dreißig war, wollten die Pickel einfach nicht verschwinden! Zusätzlich dazu wirkte er in seinem Anzug eher wie ein formloser Kleiderständer und nicht wie ein menschliches Wesen. Selbst ein Blinder hätte erkannt, dass er hier nicht reinpasste!

Nachdenklich schielte er hinter sich aus dem Fenster des dritten Stockwerks und beobachtete einen umherfliegenden Vogel. Er war schwarz. Vielleicht eine Krähe? Das war selten zu dieser Jahreszeit. Sonst konnte er nur Möwen beobachten, die über dem glitzernden Fluss flogen. Die frei waren.

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B: Lianes erste Freundschaft

„Tschüss!“, rief Liane hastig durchs Haus.

„Soll ich dich nicht noch-“

Geflissentlich ignorierte sie ihren Vater und zog den überraschten Oliver mit sich zur Straße. So sehr sie ihren alten Herren auch liebte, wenn er erstmal Mutterhenne spielen würde, kämen sie garantiert nicht mehr rechtzeitig los!

„Komm schon“, drängte sie – nur um drei Schritte später ihre Richtung zu korrigieren.

Denn Oliver zeigte stumm nach links statt nach rechts.

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