Dieses Leben

Am Anfang steh ich da –
Ganz klein
Allein
Daheim.

Meine Taschen sind leer,
Ich hätte gern mehr,
Ich hätte gern nichts,
Entgegen des Gewichts.

Ist Verantwortung eine Bürde?
Eine viel zu große Hürde?
Eine Verletzung der eigenen Würde?

Ah, nein! Nun bin ich losgelaufen,
Während sich die Fragen raufen.
Sollte ich nicht lieber verschnaufen?

Ich stoppe sogleich wieder,
Senke meine Lider,
Schaue nieder.

Hinter mir liegen drei Schritte.
Drei endlos lange Schritte.
Drei winzig kleine Schritte.
Meine Schritte.

Vor mir liegt ein endloses Feld.
Kein Weg, kein Pfad,
Der mir gefällt.

Ich habe kein Geld,
Bin zu Fuß, nicht zu Rad
Unterwegs durch die Welt.

Also ziehe ich die Luft ein.
Ich mache mich nicht mehr klein.
Ich bin bald nicht mehr allein.
Ich gründe mein eigenes Heim!

Dieses Leben –
Das ist mein.

K: Für unseren Sohn I

„Ein schönes Haus“, bewarb der Makler das Gebäude mit einem breiten Grinsen, „Groß, mit ausreichend Platz zum Spielen, stabil gebaut, wurde vorletztes Jahr größtenteils modernisiert und liegt genau am Waldrand. Damit werden Sie immer nahe der Natur leben können. Also: kein Straßenlärm, keine unnötigen Abgase, weniger lärmende Nachbarn …“

Thomas sah seine Frau unsicher an. Eigentlich war dieser Umzug einfach nur unpraktisch für sie. Aus der Hauptstadt in ein Dorf ziehen? Er und Selina waren den Straßentumult und die Buhrufe der anderen Mieter gewöhnt. Es gehörte zu ihrem Leben, wie für manch anderen ein nerviger Wecker. Ein Wecker, den man hasste und an den man sich doch gewöhnt hatte. Und hier …

Hier in diesem Dorf war es so still.

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Fujis endloser Morgen

Mittlerweile hasste Fuji den Morgen.

Erschöpft flog die kleine Wolke dem dämmernden Horizont entgegen. Seine Augen fokussierten sich auf einen kleinen Fleck in der Ferne. Dort hinten, dort konnte er schon ihren Schimmer ausmachen. Genau dort hinten würde Sabine erneut erscheinen.

Und sie würde sich wieder an nichts erinnern.

Betrübt blieb die kleine Wolke stehen und atmete tief durch.

Nein. So durfte er nicht an die Sache herangehen! Er durfte es nicht! Er musste sich zusammenreißen! Für sie. Für die Sonne. Für seine Sabine!

Sie war doch seine Freundin …

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B: Der Brief

Liane starrte auf die Tabletten, die ihr der Arzt verordnet hatte. Irgendwelche Antidepressiva, die ihr laut dem alten Mann helfen sollten, keinen Unfug mehr zu zeichnen. Sie sollte sie täglich zweimal nehmen. Mittags und abends. Immer zu denselben Uhrzeiten. Immer direkt vor den Mahlzeiten.

Entschlossen nahm sie sich ihre paar Pillen und warf sie in den kleinen Karton, der in ihrem Zimmer als Sammelsurium für winzige Objekte diente. Büroklammern, ein paar Stifte, zwei Würfel und diverser Krimskrams tummelten sich darin mit den Tabletten der letzten Tage.

Es war der einzige Ort, der ihr als Versteck in den Sinn gekommen war.

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Minki und der Umzug

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

Seit Tagen waren die Zweibeiner … anders. Sie rannten umher. Packten Dinge in Kisten. Stapelten die Kisten. Verschwanden. Kamen wieder. Nahmen die eckigen Bäume auseinander. Stellten die Wände der Bäume fein säuberlich zusammen. Gingen dann wieder. Kamen mit mehr Kisten wieder.

Kisten über Kisten über Kisten.

Für Minki war es das reinste Paradies!

Zufrieden mit den neuen Klettermöglichkeiten ignorierte er sogar ihr ulkiges Verhalten. Denn so wichtig konnte es sicherlich nicht sein. Immerhin schienen sie es nicht für nötig zu befinden, ihn einzuweihen. Wahrscheinlich war es nur eine Phase der Zweibeiner. Nicht weiter tragisch.

Er bekam wie gewohnt Essen. Er konnte sich wie gewohnt in der Sonne aalen. Er schlief wie gewohnt auf dem Bett seines Retters, bis die Zweibeinerin ihn runterwarf.

Und dann kamen eines Tages noch weitere Zweibeiner in die Wohnung, die Minkis Schlafplätze wegtrugen.

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