K: Für unseren Sohn I

„Ein schönes Haus“, bewarb der Makler das Gebäude mit einem breiten Grinsen, „Groß, mit ausreichend Platz zum Spielen, stabil gebaut, wurde vorletztes Jahr größtenteils modernisiert und liegt genau am Waldrand. Damit werden Sie immer nahe der Natur leben können. Also: kein Straßenlärm, keine unnötigen Abgase, weniger lärmende Nachbarn …“

Thomas sah seine Frau unsicher an. Eigentlich war dieser Umzug einfach nur unpraktisch für sie. Aus der Hauptstadt in ein Dorf ziehen? Er und Selina waren den Straßentumult und die Buhrufe der anderen Mieter gewöhnt. Es gehörte zu ihrem Leben, wie für manch anderen ein nerviger Wecker. Ein Wecker, den man hasste und an den man sich doch gewöhnt hatte. Und hier …

Hier in diesem Dorf war es so still.

„Wem hatte es denn zuletzt gehört?“, fragte seine Frau den Makler und deutete nebenbei zur Seite. Thomas verstand sofort.

Sie wollte Zeit schinden, um zu überlegen. Es ging ihr nicht wirklich um die Antwort des älteren Mannes, der sich mit dem Namen Friedrich Luchs vorgestellt hatte. Sie wollte einzig auf der sicheren Seite stehen.

Nachdenklich betrachtete Thomas den Makler. Er sah ein wenig eigenartig aus … Er wirkte zwar wie ein typischer Verkäufer, aber irgendwie hatte sein Gesicht auch etwas von einem Nilpferd. Keinem schönen Nilpferd. Eher einem fetten Nilpferd, das zu lange in der Sonne gebadet hatte.

„Einer Samantha Maria Sanchez“, nickend strich der Mann über den Tresen, der Küche und Wohnzimmer trennte, „Bestes Eichenholz übrigens“, schob er nebenher ein, ehe sich seine Augen wieder auf sie richteten, „Samantha hat das Haus in den Siebzigern erworben. Vor einigen Jahren musste sie jedoch aus persönlichen Gründen ausziehen. Sie hat das Gebäude damals für fünf Jahre nach ihrem Auszug sperren lassen. Eine Vorkehrung für ihre Schwester – falls diese Ansprüche geltend machen wolle. Nur ist die Frist wortlos verstrichen“, Friedrich zuckte mit den Schultern, „Daraufhin wurden die Modernisierungsmaßnahmen eingeleitet und der fehlende Papierkram aufgearbeitet. Und das bringt uns zum heutigen Tage. Und heute sucht das Haus einen neuen Besitzer.“

Thomas warf Selina einen fragenden Blick zu. Die Unsicherheit in ihren klaren Augen war so greifbar, dass es schmerzte.

Wenn sie hierher ziehen würden, dann würden sie sich noch seltener sehen, als es ohnehin schon der Fall war. Immerhin war er als Pilot teilweise über mehrere Wochen weg, ehe er den Rückflug antreten konnte. Auf der einen Seite wollte er seine Frau und ihren kleinen Sohn immerzu bei sich haben. Auf der anderen Seite wollte er sie versorgt, glücklich und in Sicherheit wissen. Mit einem stabilen Lebensumfeld. Von Freunden umringt!

Deswegen wollten sie doch ursprünglich dieses Haus nahe des Naturschutzgebietes kaufen. Sie wollten ein Eigenheim, das nicht von Abgasen verpestet war. Sie wollten einen Ort, an dem ihr kleiner Sohn nicht mehr so viel husten musste …

„Aber warum ist die Vorbesitzerin ausgezogen?“, hakte er nochmal nach, als Janek von seiner Erkundungstour aus dem Garten zurückkam. Grashalme und Blätter verzierten seinen lockigen Schopf. Und war das Erde an seinen Fingern? Hatte er gebuddelt? Hoffentlich würden sie keine Probleme mit dem Nilpferd bekommen!

„Weil-“

„Usagi!“, unterbrach ihr Sohn den Makler lächelnd und streckte seine Hände dem Mann entgegen, „Usagi! Spielen!“

Irritiert blickte Thomas seinen Sohn an. Vorhin hatte ihr Kleiner nicht so auf den Typen reagiert. Nein. Da hatte er ihn eher ignoriert.

Was hatte diesen Wandel ausgelöst?

„Janek!“, entfloh es seiner Frau erschrocken, ehe sie aufsah, „Entschuldigen Sie bitte vielmals. Ich weiß nicht, was er damit sagen will oder wieso-“

„Usagi!“, das Kleinkind wurde quengliger, „Spielen!“

„Schon gut“, gelassen kniete sich der Mann zu ihrem Sohn herab, „Ich habe selber zwei Kinder. Fantasiewörter stören mich nicht im Geringsten.“

Die Reaktion des Mannes schien ihren Sohn wahrhaftig zu beruhigen. Erstaunt beobachtete Thomas, wie ihr sonst so schüchterner Junge vor dem Fremden sofort auftaute. Es war ein einzigartiger Anblick. Janek, der die Hände auf den Oberschenkeln des Mannes abgelegt hatte. Und dieses Nilpferd, das mit fester, ruhiger Stimme sprach. Dabei kam es Thomas so vor, als würde die Erscheinung des Mannes für einen Augenblick flackern.

Erschrocken schüttelte er den Kopf. Seine Augen mussten ihm Streiche spielen. Es lag bestimmt am Licht. Ja. Das Licht fiel eh in einem eigenartigen Winkel in die Küche. Bestimmt lag es daran!

„Usagi! Shizen! Shizen! Spielen!“

„Spielen?“, wiederholte Friedrich und schnitt eine Grimasse, „Aber es ist doch noch viel zu früh, für einen so kleinen Knaben wie dich. Musst du nicht bald Mittagsschlaf machen?“

Beleidigt zog Janek eine Schnute und rannte zu seiner Mutter zurück.

„Hier schlafen, dann spielen? Spielen?“, fragte der Junge nun sie.

„Hier schlafen?“, wiederholte Selina seine Worte, „Wieso hier?“

„Muss nicht husten. Ist toll hier!“, Janek strahlte übers ganze Gesicht, „Hier schlafen? Ja? Ja?“

Thomas rieb sich die Schläfen. Er wusste, was seine Frau nun sagen würde. Er wusste es. Immerhin hatten sie so lange zu kämpfen gehabt. Sie waren von einem Doktor zum nächsten gehetzt, um ihren Sohn heilen zu lassen. Sie hatten an Studien teilgenommen, Medikamente und Heilsteine und so einen Unsinn ausprobiert.

Immer erfolglos. Immer wirkungslos. Manchmal machten diese Mittel Janeks Zustand sogar noch schlimmer!

Sein Blick huschte wieder zu dem Mann und für einen Augenblick glaubte er zwei glühend rote Punkte hinter dem Makler zu sehen. Sie starrten ihn an. Sie wirkten wie Augen auf ihn. Sie wirkten wie Augen, die-

Er blinzelte und die Punkte waren wieder verschwunden.

„Nun denn, Mr. Luchs“, begann Thomas langsamer als gewollt, „Nur damit wir auf demselben Nenner sind: Für wie viele Gehälter würden Sie uns dieses Haus überlassen?“

„Keine Sorge, Sie werden sich nicht dumm und dämlich zahlen“, bemerkte das Nilpferd lächelnd und winkte zum Tresen herüber, auf dem eine Mappe lag, „Sie würden immerhin ein Paradies kaufen. Das sage ich Ihnen! Da ist Geld doch keine Rede wert!“

Ja. Das war es dankbarer Weise wirklich nicht. Als Pilot verdiente Thomas nicht schlecht. Nein. Er verdiente sogar so gut, dass er mit seinem Gehalt den Lebensunterhalt ihrer Familie und den seiner extravaganten Eltern finanzieren konnte.

„Wir müssten uns darüber erst noch-“

„Wir nehmen es“, unterbrach Selina ihn und erschrocken bemerkte er, dass sie nun neben ihm stand, „Thomas. So eine Chance bekommen wir kein zweites Mal. Und guck dir unseren Sohn an. Guck dir Janek an! Wann hast du ihn zuletzt rennen sehen, ohne dass er von einem Hustenanfall niedergerungen wurde?“

Geschlagen nickte er.

Ja. Das war ihm auch schon aufgefallen. Jedoch hatte er es eigentlich nicht ansprechen wollen. Nicht, dass dieses Nilpferd seine Meinung noch ändern würde. Immerhin verkaufte der Makler ein Haus und kein abgelaufenes Obst auf dem Marktplatz. Sie spielten hier in einer etwas anderen Preisklasse!

„Bist du dir sicher?“, versuchte er den Unsicheren zu spielen, „Kämst du hier notfalls auch alleine klar, wenn ich länger weg sein sollte? Was ist mit den ganzen Räumen oben? Ist es dir nicht zu groß? Du wolltest doch eigentlich etwas Überschaubares …“

„Es ist perfekt“, entgegnete sie jedoch nur, „Notfalls zieht Mom bestimmt her und hilft aus. Sie wollte doch schon immer einen kleinen Gemüsegarten anlegen, erinnerst du dich?“

„Aber ein Umzug in ihrem Alter-“

„Ist nichts, was sie nicht bewältigen könnte“, wank Selina ab und sah wieder zum Makler herüber, „Wir nehmen’s.“

Geschlagen nickte Thomas: „Was die Frau sagt.“

Es hatte keinen Sinn mit ihr darüber zu diskutieren. Sie hatte ein gutes Gefühl bei der Sache. Sie fühlte sich hier wohl. Janek fühlte sich hier wohl.

Wer war er also, wenn er dem widersprechen würde?

Sie taten es immerhin für ihren Sohn …

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