M: Nebeneffekt

So war das nicht geplant gewesen.

Überrascht beobachtete Dr. Devison II das Heben und Senken des Brustkorbs vor ihm. Er schwebte zwischen Begeisterung und Schrecken. Eine zittrige Vermischung von Gefühlen. Alle ausgelöst von dem eigenartigen medizinischen Zustand seiner Patientin.

Sie hing regelrecht am Leben.

Erst letzte Woche war ihm die junge Dame als unfreiwillige Freiwillige für seine Forschungen überlassen worden. Er sollte eine Droge an ihr testen. Ein letzter klinischer Versuch, ehe er das Mittel für Niklas freigeben konnte. Also hatte er ihr absichtlich eine dreifache Überdosis verabreicht. Dadurch hätte ihr Kreislauf eigentlich kollabieren sollen. Vor allem bei dem Flüssigkeitsverlust! Sie hatte so viel geschwitzt, dass sich eine riesige Pfütze unter ihr gebildet hatte. Darin konnte der Arzt die Spiegelung des Stahltisches und der Ketten erkennen, die sie hielten. Er müsste sich später Judith zum Putzen holen …

Seine Augen wanderten wieder zu seiner Patientin zurück. Wild flatterten ihre Augenlider hin und her. Ihre Finger zuckten. Gelegentlich spannten sich ihre Beine an. Und ihr Herz …

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DSdP: Prolog – Farbenspiel

Kräftiger. Heller. Lebhafter. Bunter. Ja. Bunter. Sie mussten bunter werden!

Seine linke Hand packte fester zu. Er spürte, wie ihn Gefühle einnehmen wollten. Doch zwang er sie fort. Diese Gefühle zählten nicht. Sie durften nicht zählen. Nein. Denn …

Er strich über das Heiligtum in seinen Händen.

Er musste vorsichtig sein. Wenn er es vermasselte –

Der Faden färbte sich grün.

Beziehung lächelte müde.

Leben drehte sich seufzend um. Ihre violetten Augen wanderten über ihn. Noch immer meckerte sie über die zerstörten Betten. Sie reparierte gerade das zweite. Richtete gelegentlich das Wort an ihn.

Nur vermochte Beziehung kaum, sich darauf zu konzentrieren.

Sie hatte noch zwei Betten vor sich.

Er jedoch noch dutzende Fäden.

Vorsichtig ergriff der Gewandelte die nächste Verbindung, die die Schöpferin mit einem der anderen verband.

Neugier tauchte vor seinem inneren Auge auf.

Ihre leeren Augenhöhlen.

Tod.

Beziehung zögerte, ehe er diesen Faden begutachtete.

Nein.

Daran durfte er jetzt nicht denken!

Der Frust überkam ihn so plötzlich und so nachdrücklich, dass er diesen Faden beinahe zerquetscht hätte. Er atmete tief durch.

Nur er konnte die Fäden sehen. Nur er konnte sie verändern. Nur er konnte ETWAS verändern.

Also musste er es doch tun?

Für die anderen im Tal.

Für seine Kinder.

Für Zeit.

Dieses Jahr

Die Sohlen durchgelaufen,
Mit Masken zu Haufen
War ich Nudeln kaufen,
Nerven ersaufen.

Letztes-

Die Farben wurden fahl.
Sie waren einst meine erste Wahl.
Sie waren einst in kleiner Zahl.
Sie sind nun ganz kahl.

Letztes Jahr-

Fühlst du dich eingesperrt,
Wurdest du verstärkt
Aufgeklärt –
Nein. Belehrt?

Letztes Jahr ist-

Jeder gehört beschützt.
Jeder gehört unterstützt.
Jeder gehört gestützt.
Sodass es allen nützt!

Letztes Jahr ist vorbei.

Aber nicht unser Kampf.

Herausforderungen wird es immer geben.
Auch wenn wir nach keinen streben.
Denn unser Leben
Ist ein Segen.
Wir müssen es pflegen.
Nicht zur Ruhe legen
Und eben gegen
Jene reden
Die mit Bestreben
An Lügen kleben.

Letztes Jahr ist vorbei.
Dieses Jahr sei
– Bitte –
Keine Hetzerei.

Bitte.

K: Nur ein Traum I

Der Staub hinterließ einen toten Geschmack auf Nadjas Zunge. Er schmuggelte ein Gefühl der Einsamkeit in ihr beengtes Zimmer. Und selbst der stete Luftzug ihres kaputten Fensters wusste die Fusseln nicht zu vertreiben. Lieber entlockte er ihrem Windspiel ein schwerfälliges Lied. Dieses echote gepeinigt durch den Raum. Es sang mit seinen tristen Klängen von Kummer. Von Sorgen. Von Qualen.

So wie jede Nacht …

Zügig ignorierte Nadja die Töne. Stattdessen bemühte sie sich, die Schemen ihrer Möbel auszumachen. Ein schwieriges Unterfangen, da sie ohne den Mond die Ecken und Kanten nur erahnen konnte. Sie nahmen geisterhafte Konturen an, die stumm miteinander zu verschmelzen schienen.

„Gute Nacht und träum was Schönes. Wir sind zurück, ehe der Morgen anbricht“, hatte ihre Mutter vorhin noch gesagt.

Worte, die nun so weit entfernt wirkten.

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Fujis zweite Sabine

„Du … Du kannst ja sprechen“, verdattert starrte Fuji auf den Mond.

„Natürlich“, antwortete der Stein erneut mit Sabines Stimme, „Du doch auch.“

„Ja, aber …“, Fuji sah sich hilfesuchend um – aber außer dem Mond und den entfernten bunten Lichtern, war niemand zu sehen, „Du bist ein Stein!“

„Und du eine Wolke“, erwiderte der Mond gelassen.

„Aber du hast sonst auch nicht gesprochen. Du hast noch nie gesprochen!“

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