K: In wessen Verantwortung?

Es war bereits nach Mitternacht, als Sabine endlich durch die Haustür trat. Still verstaute sie ihre Schuhe, legte ihre Handtasche ab und hielt inne.

In der Küche brannte noch Licht.

Nachdenklich wanderte ihre Seele voraus und tastete die umliegenden Räume ab. Die meisten ihrer Stiefkinder schienen zu schlafen. Alle bis auf einen …

„Du hättest nicht auf mich warten müssen“, grüßte sie Benjamin, dessen Kopf müde auf dem Tisch lag, als sie hereinkam.

„Kathleen ist ein paar Mal schreiend aufgewacht. Alpträume. Bin irgendwann unten geblieben – dann konnte ich mir die Treppen sparen“, murrte der Junge und setzte sich gähnend auf.

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Alte Fotos

Alte Fotos sind schon sonderbar:
Vergilbt, zerkratzt – alles andere als klar.

Die Gesichter darauf wirken starr:
Eingefallen, blass – beinahe bizarr.

Nur die Augen blicken klar.
Nur diese Augen … tja …

Ob sie ihre Tode erahnten?
Ob sie Schicksalsschläge erwarteten?
Ob sie Hoffnungen hegten?
Ob sie diese wieder verlegten?

Auf diesen Bildern sieht man es nicht.
Die Toten lächeln zu schlicht.
Sie sind noch jung und klein,
Stehen vor der Hecke so fein.

Heute sind sie alle tot.
Das Mädchen da vorn? Tot.
Die Frau daneben? Tot.
Der Knabe am Rande? Tot.
Die drei dahinter? Tot. Tot. Tot!

Mit jedem Grab starb ein Zusammenhalt.
Mit jedem Marmor gewann ein Vorbehalt.

Entfremdung und Verleugnung,
Einsamkeit und Enteignung.
Als die Familie zerbrach …

Die Augen auf den Fotos wirken so traurig.
Die Augen auf den Fotos gucken so schaurig.

Beinahe … als wären sie wach?

Ach! Wem mache ich etwas vor?
Dass ich mich hier drin verlor …
Was für ein dummer Humor!

Ich gehe zu hart ins Gericht,
Gebe diesen Fotos zu viel Gewicht,
Ja, ich bin gar viel zu erpicht!

Meine Fotos kennen meine Zukunft ja auch nicht!
Oder …
Irre ich?

B: Von allen Seiten belagert

Liane war noch nicht einmal im Haus, als ihr Vater sie bereits an sich drückte. Starke Arme strichen über ihren Rücken. Er flüsterte einen Dank in ihre Haare. Es klang wie ein Gebet. Wie-

„Wo warst du?!“, abrupt schob er sie hinein und klammerte sich in ihren Schultern fest.

Das Mädchen schluckte. Noch immer fühlte sich ihre Tasche so schwer an. Diese neuen Zeichnungen schienen so viel mehr zu wiegen. Sie so viel mehr zu belasten …

„Entschuldige … Ich habe die Zeit vergessen“, erklärte sie leise.

„Die Zeit?“, eine seltene Strenge schlich sich auf sein Gesicht, „Liane. Bitte gib mir keine lächerlichen Ausreden. Ich habe mit deiner Klassenlehrerin gesprochen. Ich habe deine Freunde durchtelefoniert. Ich … Ich weiß, dass dein Unterricht heute Morgen ausfiel und dass du etwas verbirgst. Ich weiß es.“

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Timothy – Ich suchte dich, weil …

Ich habe keine Ahnung, wie ich Jane und ihren Vater trotz des Schneesturms verfolgen konnte. Ich wusste ja nicht einmal, wo das nächste Dorf lag! Mein Instinkt leitete mich. Er musste mich leiten. Denn der Tornado der riesigen Flocken raubte mir jede Sicht. Es fühlte sich wie eine krisselige Masse an. Ohne Gerüche. Ohne Wärme oder gar Kälte.

Es war einfach nur … leer?

Ein sanftes Flimmern tauchte unter mir auf und so schwebte ich hinab. Der Kirchturm zeichnete sich endlich in dem Weiß ab. Wie ein Leuchtturm konnte er mir den Weg hinab zur eingeschneiten Straße weisen. Um mich herum erkannte ich allmählich noch mehr Wohnhäuser. Hohe Gebäude, die mir so unbekannt erschienen. Die jedoch neben der vertrauten Kirche standen. Die bereits so alt und erschöpft wirkten …

Wann war ich zuletzt hier gewesen? Evangeline wollte sonst immer hierher! Sie wollte hierher, um … um …

Warum noch mal?

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M: Vom Tageslicht verschluckt II

„Auf dein Zimmer“, befahl das Kindermädchen, noch ehe die Tür ins Schloss fiel.

Sie nickte. Ihre Hand lag noch immer auf der schmerzenden Wange. Stumme Tränen hatten sie befeuchtet. Stumme Tränen, die einfach nicht enden wollten.

Stephanie hasste diese Frau!

Wortlos ging sie nach nebenan und warf sich auf ihr Bett. Sie kickte dabei die dämlichen Klamotten runter. Diese hässlichen Fummel, die doch für den ganzen Mist mit verantwortlich waren! Am liebsten wollte sie die Sachen verbrennen! Sie wollte sich von allem nur noch lossagen!

Von Becky. Von ihrem Kindermädchen. Ja, selbst von ihrem Vater!

Nur ihre Mutter hatte sie verstanden.

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