Der Blick zurück

Der Wind zupft an meinem Haar
Und erinnert mich ans vergangene Jahr.
An alles, was ich wollt‘ vergessen.
An alles, was mich wollt‘ stressen.

Der Wind will, dass ich mich umdreh‘.
Der Wind will, dass ich ihn versteh‘.
Der Wind will, dass ich zurückgeh‘.

Der Wind weht in die falsche Richtung.

Müde starre ich zum Horizont.
Ob die Sonne nun bald kommt?
Ob sie diesmal heller strahlt?
Ob sie mit mehr Farbe malt?

Und wieder zerrt der Wind an mir …

Nein! Ich darf mich nicht beugen!
Ich darf die Zukunft nicht verleugnen!
Ich muss nach vorn seh’n.
Ich muss weitergeh’n!

Dennoch schauen meine Augen zurück.
Kurz nur. Für einen winzigen Augenblick.
Sie sehen ein Lächeln, sie sehen Tränen.
Sie erkennen all diese Schemen.

Nostalgie schleicht sich stumm in mein Herz.
Sie zieht mich seitwärts, vorwärts, rückwärts.
Orientierungslos wanke ich hier.
Dennoch ist nun Wärme in mir.

Der Wind hat sich gelegt.

Gutes wie Schlechtes.
Schlechtes wie Gutes.

Jeder befindet sich irgendwo dazwischen.

Lachend begrüße ich die neue Sonne.
Diese zärtliche Wonne.
Dieses neue Jahr.

Das Neue wird genauso sonderbar.

B: Aus der Zeit gerissen

„Bis nachher“, rief Liane hastig in die Küche, während sie in ihre Schuhe schlüpfte.

„Alles gut?“, verwundert eilte ihr Vater herüber, „Ich dachte, wir frühstücken zusammen?“

„Ich muss noch etwas vor dem Unterricht erledigen. Wir sehen uns später!“, sie versuchte normal zu klingen. Als hätte sie einfach nicht genug Zeit, um zu quatschen. Als wäre alles in Ordnung.

Erst dann sprang sie raus und rannte die Straßen entlang.

Wenn sie länger geblieben wäre, wären die Fragen über sie hergefallen. Dann hätte sie ihn anlügen müssen. Aber das fühlte sich falsch an. Sie wollte nicht lügen. Sie konnte nicht …

Erst als sie die anderen Teenager sah, verlangsamte sie ihr Tempo und schlüpfte zwischen die fremden Gesichter. Kaum eines kam ihr bekannt vor. Wie auch? Ihre Mitschüler lagen ja noch selig im Bett, um ihre Ausfallstunden zu verschlafen.

Sie war viel zu früh dran …

Und dennoch war es vielleicht schon zu spät.

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Timothy – Siehst du mich?

Zuerst wusste ich nichts mit mir anzufangen. Alles fühlte sich falsch an. Alles fühlte sich so sinnlos an! Sollte ich hier bleiben? Hier, in den Ruinen meines Bettes? Oder sollte ich irgendwo hin? Aber wohin? Wo sollte ich lang? Was sollte ich tun? Nein. Was machte man generell, wenn man tot war? Musste man etwas Bestimmtes tun? Oder war alles egal, weil man eh tot war?

Und wo war eigentlich Evangeline?

Schwerelos hing ich in der Luft. Direkt über meinem Bett. Dort, wo ich verbrannt war. Mein Körper lag bestimmt noch immer unter dem Schutt begraben. Unter diesen verkohlten Holzbalken.

Ich wollte ihn nicht sehen. Er war nicht weiter wichtig. Er war nur eine Hülle. Eine leere Hülle, die sich einst von jeder Krankheit kontrollieren ließ.

Ja.

Etwas fiel von mir ab.

Mein Körper war nicht weiter wichtig. Nichts konnte mich mehr zurückhalten. Niemand kam, um mich zu sich zu rufen. Ich … Ich war frei.

Frei…

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M: Vom Tageslicht verschluckt I

„Steph! Kommst du bitte?“

„Ja!“, grinsend strich das Mädchen ihre Haare zurecht. Erst in die eine, dann in die andere Richtung. Mit dem Haargel ihres Dads sah das Schauspiel sogar recht lustig aus. So steif und schwerfällig!

Kichernd bürstete sie die Haare nach oben und ahmte ein Gitarrensolo nach.

„Steph! Wir müssen endlich los. Sonst kommen wir zu spät zu deiner Freundin“, diesmal klopfte ihr Kindermädchen an die Badezimmertür.

Das Mädchen zog eine Schnute. Sie hatte keine Lust, einzukaufen. Aber noch weniger freute sie sich auf die Geburtstagsparty ihrer Freundin. Becky war so eine eingebildete Ziege! Das Mädchen musste immerzu über alles und jeden lästern. Es war zum Kotzen! Es war-

„Steph!“

„Ich mach‘ ja schon“, brummte sie durch die geschlossene Tür zurück.

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Minki und der tropfende Wasserhahn

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

Minkis Ohren folgten unruhig dem Poltern. Erst kam es von links. Dann von rechts. Nun wieder von links.

Müde öffnete er ein Auge und beobachtete, wie sein Retter durch den Flur hetzte.

Huh. Das war neu. Sonst war er viel besonnener und vor allem leiser! Aber es schien auch reichlich spät zu sein. Später als sonst, wenn sein Zweibeiner die Wohnung verließ. Hatte es damit zu tun?

Der Kater schloss das Auge wieder und dachte an seinen Traum zurück. Es war ein schöner gewesen. Eine riesige Futterschale war darin vorgekommen. Und ein entspannendes Sonnenbad, das er ohne-

Polter!

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