
Nia rührte wütend ihr Essen um. Diesen Brei, den ihr die Nacktaffen vorsetzten. Reine Luft hätte besser geschmeckt! Immerhin war das hier nur Wasser mit irgendwelchen Krümeln. Ohne Geschmack. Dafür mit dieser kantigen Textur. Als wären Sandkörner eingerührt worden.
„Es ist widerlich“, erklärte sie ihrem Ehegatten ungehalten.
„Das sagst du jedes Mal. Dennoch behältst du nichts anderes bei dir“, erwiderte der König mit einem leichten Lächeln.
„Nein. Wir brauchen einfach mehr Obst. Mehr-“, sie wank mit dem Löffel, „Mehr richtiges Essen halt!“
„Ich werde es weitergeben“, er setzte sich zu ihr aufs Bett und strich über ihre andere Hand, „Wie geht es dir?“
„Wie soll es mir schon gehen?!“, Nia warf den Löffel hin, „Ich bin ein aufgeplustertes Segel, dessen Bauch alle paar Stunden von jemanden betätschelt wird. Ich bekomme nur noch Pampe vorgesetzt. Und meine Füße sind ein Mythos geworden!“
Sie hasste es, wenn sie ihre eigenen Zehen nicht mehr sehen konnte.
„Die Ärzte wollen nur sichergehen, dass-“
„Ich brauche sie nicht. Nur Aurora.“
Der König seufzte. Sie hatten diesen Streit oft genug geführt. Doch waren die Räume der Königin zu eng, als dass das Vogelwesen hineingepasst hätte. Und so schwanger ließ ihr Gemahl sie ungern allein hinausgehen. Zumal Aurora zur letzten Entbindung gar nicht auffindbar war.
„Ich kenne noch zwei, die dich brauchen. Notos und Boreas vermissen dich. Sie haben den ganzen Morgen nach dir geschrien“, erwiderte er leise, „Sie passen in deine Gemächer. Sie sind deine Söhne. Dennoch hast du sie weder heute noch die letzten Tage eintreten lassen … Warum?“
Nia schloss die Augen. Sie hatte erwartet, dass der König sie darauf ansprechen würde. Schon seit Tagen. Dass er bis nun jedoch durchgehalten hatte …
Sie bewunderte ihn dafür, wie viele Freiheiten er ihr ließ.
„Ich weiß, es ist falsch“, flüsterte sie, „Ich weiß, dass sie nichts für meine Gedanken können. Aber jedes Mal, wenn ich sie sehe, ist da diese Stimme in meinem Kopf. Eine Stimme, die behauptet, dass auch unser nächstes Kind ein Junge wird.“
Schweigend nickte er. Sie war ihm dankbar, dass er sie nicht weiter darauf ansprach. Dass er ihr nicht ins Gewissen sprach. Dass er ihre Worte genauso akzeptierte, wie sie sie äußerte.
Und dafür liebte sie ihn insgeheim.
„Ich habe den beiden erklärt, dass du erschöpft bist. Und dass du dich viel ausruhen musst. Nun, soweit sie es verstehen konnten“, ihr Gemahl lachte sanft, „Aber vielleicht könntest du dich morgen dazu durchringen, aus dem Fenster zu sehen, wenn sie spielen. Sie scheinen sich wirklich um dich zu sorgen. Und vielleicht kann euch das alle drei etwas mehr beruhigen.“
„Ich. Bin. Ruhig!“, spuckte sie ihm entgegen.
„Natürlich. Mein Fehler“, lachend drückte er ihre Hand und küsste ihre Stirn, „Ruh dich aus. Du wirst bald all deine Kraft brauchen.“
Damit zog er sich in sein eigenes Schlafgemach zurück. Denn darauf hatte Nia direkt am Anfang ihrer Ehe bestanden: Sie wollte ihre Ruhe haben können. Sie brauchte den Abstand. Nicht nur, um gelegentlich die Boten ihres Zirkels zu empfangen. Sondern auch, um ihren Gatten nachts nicht versehentlich zu verletzen.
Und so hatten sie sich in getrennten Zimmern einquartiert.
Wütend stellte sie den Brei auf dem Nachttisch ab und stapfte zum Fenster. Sie atmete die kühle Nachtluft ein. Erschauderte. Sammelte sich dabei.
„Gab es Neuigkeiten?“, fragte sie in die Nacht.
„Culas Boten kamen heute Nachmittag“, antwortete Aurora vom Dach aus und ließ einen kleinen Brief in Nias wartende Hand fallen.
Darin standen nur zwei krakelige Zeilen. Mittlerweile gab es wohl schon vier Zirkel. Und Cula fragte, ob ihre Tochter bereits auf die Welt gekommen war.
Tochter.
„Cula lag schon die letzten beiden Male falsch. Warum schreibt sie dann immer noch so sicher?“
„Weil sie Angst vor ihrer eigenen Unsicherheit hat“, entgegnete Aurora, „Zu Versagen bedeutet für sie, wieder ein Nacktaffe zu sein.“
Nia steckte den Brief ein. Sie lehnte sich gegen die Brüstung, um zum Dach sehen zu können . Um ihre Schwester besser sehen zu können. Diesen gewaltigen schwarzen Raben, der sie unter den Nacktaffen stets beschützte.
Und der als einziges wusste, wie sehr sie ihr eigentliches Zuhause vermisste.
„Sie macht uns zu viel Druck“, murrte sie, „Als ob ich den nicht schon hätte.“
„Nicht mit Absicht. Oder vielleicht hat sie auch nur Sorge, dass sie selbst keine Kinder bekommt?“
„Kannst du sie dir etwa als Mutter vorstellen?“
Nia musste Lachen. Sie lehnte sich zurück. Wollte etwas erwidern. Hielt inne, als sie ein Knacken vernahm. Als das Geländer hinter ihr nachgab …
Erschrocken drehte Nia sich um. Sie reagierte instinktiv. Spuckte einen Luftstoß aus. Wurde nach oben geschleudert-
-direkt in Auroras Klaue.
„Alles gut? Das-“
Das Vogelwesen stockte. Ihre Augen hatten sich geweitet. Im Nu flog sie zum Turm herüber, um Nia in ihrem Nest abzusetzen.
„Mein Wasser …“, die Königin tastete zittrig nach ihren feuchten Beinen.
„Die Wehen werden gleich einsetzen. Aber diesmal bleibe ich bei dir. Versprochen“, erklärte Aurora bestimmt.
„Ich habe Angst …“
„Ich weiß“, Nia spürte, wie Auroras Flügel sie bedeckten, „Aber wir stehen das zusammen durch. Versprochen.“
