
Die Fahrt im Auto verlief angespannt. Angespannt aber erleichtert. Chemy hatte sich zu Olivers Vater nach vorne gesetzt, während Tina, Shiloh und Oliver sich mit Lilith hinten ins Fahrzeug gequetscht hatten. Wahrscheinlich waren ihm die anderen Jugendlichen zu suspekt gewesen. Vielleicht waren sie und Oliver ihm zu nass. Oder er musste noch seine Gedanken ordnen. Vielleicht hatte er deswegen das Zwischenfenster der Limo nach oben gefahren?
„Du wärst fast gestorben …“, hauchte Tina nach einer Weile aus.
Unschlüssig sah Lilith zu ihr herüber. Dann nickte sie.
„Woher kennst du die Lehren von … Damus dem Gerechten?“
„Recherche“, wich sie aus.
„Aber seine Worte dürfen nicht niedergeschrieben werden. Sie werden nur von Mutter an Tochter. Von Vater an Sohn weitergegeben. Selbst mein Vat-“
„Tina Tinte?“, unterbrach Mr. Brume sie plötzlich, als er das Fenster runterfuhr, „Mr. Belial hat dir ein Zimmer im StarNight gebucht. Erstmal für zwei Monate. Bis die Sozialarbeiter deinen Fall grob durchgearbeitet haben.“
„Im-“, sie schüttelte sich abrupt, „Das ist doch viel zu viel! Das-“
„Sind leider nur vier Sterne. Der LotusFair hatte kein Zimmer für eine so lange Periode“, warf Chemy dazwischen.
Verdattert nickte Tina und spannte sich an: „Bei allem Respekt, ich kann das nicht-“
„Die Anhänger deines Vaters werden alle Zeugen ausschalten wollen. Dich eingeschlossen. Deswegen solltest du vielleicht lieber bis zum Ende seines Prozesses dort bleiben“, unterbrach er sie erneut, „In einem solchen Fall lasse ich die Buchung natürlich verlängern.“
Sie nickte mit offenem Mund.
„Und warum sollten Sie das tun?“, hinterfragte Shiloh, „Sie scheinen ja kaum Publicity zu wollen. Wieso also so ein Akt der Nächstenliebe?“
„Weil Tinas Vater nicht mehr auf die offene Straße darf“, entgegnete Lilith für ihn, „Er ist zu gefährlich. Für Tina. Für uns. Und für die Zukunft. Oder?“
Ihr Chemy nickte schwach.
„Ich habe uns auch einen Raum im StarNight gebucht. Dann können wir reden“, seine Stimme klang erschöpfter.
Leise stimmte sie ihm zu. Dabei ignorierte sie die fragenden Blicke ihrer Freunde. Oliver wartete, bis das Fenster wieder verschlossen war, ehe er loslegte: Was sie denn mit dem Mann zu bereden hätte. Ob sie sich nicht sorge. Ob sie noch in Gefahr wäre. Dieser Mr. Belial wäre zu seltsam. Was, wenn er sie benutze?
Erschöpft schob sie seine Bedenken fort. Es müsse sein. Mehr erklärte sie nicht. Denn obwohl sie Oliver und auch Shiloh vertraute, so war Tina eher eine Bekannte. Wie sollte sie also vor dieser die richtigen Worte finden, um ihre Beziehung zu Chemy zu erklären, wenn sie diese selbst noch nicht gänzlich verstand?!
Nachdenklich beobachtete Lilith, wie Mr. Brume das Einchecken übernahm. Erst danach bat Chemy Tina und sie, ihm zum Tresen zu folgen.
„Bis nachher“, hauchte sie ihren Freunden noch zu und küsste Oliver auf die Wange, ehe sie sich ins Hotel begab.
„Für das erste Zimmer muss eine Grundausstattung erfolgen. Anziehsachen, Kleidung und Alltagsgegenstände. Beziehen Sie es aus diesem Budget“, erklärte Chemy dem Mann am Check-In und ließ einen Check in dessen Hände wandern.
„Das ist-“, die Augenbrauen des Hotelangestellten schossen nach oben, „Natürlich! Mein herzlichstes Vergnügen!“
„Für das zweite Zimmer-“
„Bademantel und Waschdienst reichen“, unterbrach Lilith, als sie bereits den nächsten Check sah, „Es ist nur Seewasser. Wirklich.“
Viel zu langsam nickte Chemy. Er wandte sich an Mr. Brume. Befahl, dass dieser die anderen beiden Kinder heimfahren sollte. Dass er sich schon melden würde, wenn sie fertig waren. Und er solle Lianes Vater beschäftigt halten.
Liane …
Wenn Chemy ihren falschen Namen verwendete, hörte es sich nicht ganz so falsch an. Beinahe, als musste er sich zwingen sie so zu nennen. Als ob er die Lüge schon vor dem Aussprechen markierte.
Als ob sie deswegen nicht mehr schmerzen konnte.
Gedankenversunken lief sie mit den anderen beiden mit. Die edlen Teppiche und Möbel verschwammen in ihren Gedanken. Wichtiger wäre ihr Gespräch. Wichtiger-
„Sicher, dass der Typ nicht …“, flüsterte Tina ihr zu, als Chemy ihr Zimmer begutachtete.
„Hm?“, Liliths Gedanken schwirrten noch um ihren Namen und so konnte sie den Worten kaum folgen.
„Nur im Bademantel? Was, wenn er dir an die Wäsche geht? Wenn-“
„Ich habe nicht vor, Geschlechtsverkehr mit meiner Schwester zu haben. Besten Dank“, unterbrach er sie plötzlich.
„Ich meinte nur- Ehm, ihrer …“
„Wenn du etwas brauchst, rufst du Mr. Brume an“, er legte ihr eine Visitenkarte hin, „Besten Erfolg.“
„Wir reden ein anderes Mal“, verabschiedete sich Lilith eilig.
Denn Chemy war bereits wieder im Flur. Drei Zimmer weiter blieb er stehen. Er prüfte die Nummer auf der Tür. Entsperrte sie. Trat ein-
Und sofort sackten seine Schultern herab.
Lilith folgte ihm still. Sie schloss die Tür. Lehnte sich dagegen. Fragte sich, wie sie dieses Wesen nicht bereits bei ihrem letzten Treffen erkannt hatte. Damals, als sie mit dem Bus heimgefahren war. Als er sie angesprochen hatte. Als er von seiner alten Freundin gesprochen hatte. Als er sie Lilith genannt hatte …
Er hatte den Namen in ihr wieder aufgeweckt.
„Du wärst fast gestorben. Du … Ich hatte geschworen, dich zu beschützen. Dich wieder zurück zu bringen. Für ihn auf dich aufzupassen. Damit du wenigstens einmal frei sein kannst … Und dann …“, er wandte sich viel zu langsam zu ihr um, „Nicht nur habe ich dich bereits bei unserer Ankunft in dieser Welt verloren. Nein. Seither wärst du fast dreimal gestorben.
Und mit dir der einzige Schlüssel …“
Er fiel auf die Knie. Bebte. Erinnerte sie so sehr an früher. Ehe sie ihn in ihrer schiefen Familie aufgenommen hatten. Pico, Myra, Chemy und sie …
Er war ihr immer wie ein komischer Vater vorgekommen. Einer, der die Welt hasste. Der seine Familie jedoch liebte. Der stets für sie und Myra da war. Picos bester Freund. Ihr … Ihr sturer, hilfsbereiter, meckernder Vater …
„Aber ich lebe“, kämpfte sie hervor und zog ihren Talisman aus der Tasche, „Weil du mich beschützt hast. Du meintest, ich solle die Vergangenheit ruhen lassen. Nun, die Vergangenheit sucht uns alle heim. Deswegen brauche ich dich. Bitte. Erkläre mir, was wirklich vor sich geht. Wie kann es sein, dass ich mich zwischen drei Leben gefangen fühle. Wie kann es sein, dass ich dich kenne, dein Gesicht in meinem Kopf jedoch ein anderes ist. Eines, dessen Zeichnung du geklaut hast, oder?“
Erschöpft schüttelte er sich. Chemy setzte sich auf den nächsten Hocker, der eigentlich für Koffer gedacht war. Er öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Sackte tiefer in sich zusammen.
Als er erneut den Mund öffnete, klopfte es.
„Zimmerservice. Ich soll Wäsche abholen?“
Lilith betrachtete ihre nassen Sachen. Seufzte.
„Einen Moment!“, damit huschte sie ins Bad, um sich einen Bademantel zu suchen. Eilig zog sie sich um. Warf die Sachen zusammen auf ein Handtuch. Gab alles nach draußen, an den wartenden Herren.
„Vielen Dank“, entgegnete sie ihm.
„Nicht der Rede wert“, er deutete an ihr vorbei auf Chemy, der nun mit verschränkten Armen neben der Tür wartete, „Ihre Begleitung hat sich bereits um das Trinkgeld gekümmert. Ich werde in zwei Stunden mit allem zurück sein. Verlassen Sie sich darauf!“
Kopfschüttelnd schloss sie die Tür. Er hatte zu schnell gesprochen. Ängstlich gewirkt.
„Hast du ihm gedroht?“
Chemy sah beiseite, seine raue Art fiel von ihm ab, stattdessen wirkte er wieder so zerbrochen: „Ich habe nur klargestellt, dass wir nicht gestört werden wollen und gemeint, dass wir verwandt wären. Nicht, dass er genauso einen Mist erzählt, wie deine Klassenkameradin.“
