
Mortes harrte fast drei Stunden in der Dunkelheit aus, ehe die ersten Geräusche erklangen. Ein Schaben. Ein Kratzen. Dann stille Schritte.
Angespannt wartete er, bis er die andere nur noch wenige Meter von sich entfernt glaubte. Erst dann knipste er sein Feuerzeug an und präsentierte dabei seine – bis auf die mickrige Lichtquelle – leeren Hände.
Radius hatte ihre Waffe bereits auf ihn gerichtet. Ob sie ihn hier erahnt hatte oder sich einfach nur absichern wollte, wusste er nicht. Er wollte es gar nicht wissen. Immerhin hasste sie ihn, seitdem er ihre Kindheitsfreundin geschwängert hatte.
„Bitte. Wir müssen reden“, hauchte er leise aus.
Stumm steckte sie die Waffe ein und lief auf ihn zu. Für einen Moment hoffte Mortes, zu ihr durchgedrungen zu sein. Doch als sie sich stattdessen an ihm vorbeischob, zerplatzten all seine Hoffnungen.
„Bitte. Cherry- Sie ist verschwunden!“, versuchte er es direkter.
Endlich stockte Radius. Sie blieb stehen. Wandte sich um. Starrte ihn an.
Ihr Blick wirkte so leer …
„Vielleicht hat sie endlich verstanden, dass du ihr nicht guttust, Mörder“, hauchte sie aus.
„Sprach die Mörderin, die mit ihr befreundet ist“, schoss er zurück, „Radius. Bitte. Ich kenne sie. Sie würde nicht einfach so verschwinden. Sie hat gestern erst das Krippenbett für unser Baby ausgesucht. Und …“, er holte tief Luft, „Ich habe bereits Mona gefragt, ob sie etwas wüsste. Sie meinte nur, dass Cherry sich für meine Aufträge interessiert hätte. Die ganzen letzten Monate schon. Sie hatte Gemma mit Informationen versorgt, während ich eigentlich dachte, dass sie sich daheim ausruht. Sie … Ich mache mir Sorgen. Bitte. Wenn Cherry sich mit meinem neusten Auftrag beschäftigt hat, ist sie in Gefahr. Sie … Sie darf nicht …“, seine Stimme brach.
Eine Hand auf seiner Schulter ließ ihn aufblicken. In diese kühlen grauen Augen. Er kannte sie noch aus einer einfacheren Zeit. Damals, als er Radius draußen notfalls beschützen sollte. Als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war. Durch sie hatte er auch Cherry kennengelernt. Cherry, die damals noch Lisa hieß. Ein Mädchen, das Radius stets aus allem raushalten wollte.
Bis er einen Räuber vor ihr erschossen hatte, um sie zu beschützen. Sie hatte ihn anschließend mit Fragen durchlöchert. Fragen, denen er nicht ausweichen konnte. Fragen, die er wahrheitsgemäß beantwortete, damit sie ihn in Ruhe ließ. Fragen, durch die er sich in sie verliebte …
Das war nun schon vier Jahre her.
„Du hattest mir geschworen, sie zu beschützen“, flüsterte Radius und grub ihre Finger in seine Schulter.
„Ich habe es nicht gewusst. Sie … Du weißt, wie gut sie Dinge verheimlichen kann. Bitte“, flehte er.
„Mona wusste Bescheid?“
Er nickte schwach.
„Dann auch Vater, oder?“
„Wahrscheinlich?“, darüber hatte Mortes nicht nachdenken wollen.
Viel zu langsam ließ Radius von ihm ab. Erst dann erkundigte sie sich nach seinem neuesten Auftrag. Nach diesem Dominik Daques, der als neuer Drogenhändler eingestuft wurde. Der sich jedoch auch nicht wie ein typischer Drogenhändler verhielt. Dessen Klientel viel zu klein war …
„Wir gehen hin“, entschied Radius endlich.
„Danke! Ich-“
„Du hältst die Klappe“, zischte sie ihn an, „Ich will nix von dir hören.“
Damit schritt sie in die Dunkelheit und Mortes steckte das Feuerzeug ein. Es war leichter, ihr durch die stickige Dunkelheit zu folgen, als ihre enttäuschten Schultern zu betrachten. Denn dass er sie enttäuscht hatte, stand außer Frage. Cherry war ihre einzige Freundin gewesen. Für sie hatte sie sich bereits mehrfach mit ihrem Vater angelegt. Und als Mortes Cherry geheiratet hatte, hatte sie ihm ein Versprechen gegeben:
Würden Mortes‘ Feinde ihre Freundin anrühren, würde sie Mortes persönlich in die Tiefen der Hölle zerren.
Und nun hatten seine Aufträge Cherry in Gefahr gebracht.
Es dauerte eine Dreiviertelstunde, ehe Mortes hörte, dass Radius eine Leiter nach oben kletterte. Still strich er über die Wand, bis er die eingeritzten Symbole darin ertastete. Erst danach folgte er ihr nach oben. Durch eine verborgene Luke gelangten sie in die alte Parkwacht des Industriegebiets. Daneben reihten sich Lagerhallen an Lagerhallen.
Radius verschloss die Luke wieder und öffnete eine Streichholzschachtel, die an der Unterseite des Schreibtischs klebte.
Ein Schlüssel fiel in ihre Hand.
„Ich gehe vorne rein, du hinten. Lagerhalle 8.4C sollte es sein“, sie wies auf einen Plan an der Wand, „Lautloser Zugriff.“
„Ich kenne mich hierin aus“, bemerkte Mortes mürrisch.
„Und dennoch hast du vorhin geweint. Ich kann die Spuren deiner Tränen immer noch sehen, Mortes.“
Überrascht strich er über seine Wange. Ja. Das war vorhin gewesen. Als er noch auf Radius gewartet hatte und gehofft hatte, dass sie bald käme. Doch hatte er eigentlich alle Spuren beseitigt, ehe sie kam …
„Ich liebe sie“, murmelte er leise, „Ich … Ich kann nicht anders …“
Radius nickte. Dann wies sie ihn zur Tür und schloss hinter ihnen wieder ab. Er hatte nicht mitbekommen, wie sie aufgesperrt hatte. Verdammt! Er musste sich konzentrieren …
Nur ein Fehler könnte Cherrys Tod bedeuten.
Kurz vor der entsprechenden Lagerhalle teilten sie sich auf. Er eilte um den großen Kasten herum, während Radius sich den Eingang vorknöpfte. Sie würde sich dort auf die ein oder andere Art hineinlassen. Mit oder ohne Blutspur konnte Mortes egal sein. Gemma würde sie schon vor jeglichen Konsequenzen beschützen …
Als er endlich auf der Rückseite angekommen war, begutachtete Mortes die dunklen Fenster. Sie waren klein. Und weiter oben. Wie Toilettenfenster. Etwas weiter die Hintertür mit einem handelsüblichen Schloss. Kein extra Riegel. Dünnes Holz.
Er lauschte in den Nachmittag hinein. Ob Radius schon drinnen war? Ob sie schon mehrere Bereiche übernommen hatte? Zögerlich war sie nicht. Aber die Tür einzutreten würde eine Menge Krach machen und-
Ein dumpfer Schuss auf der anderen Seite nahm ihm jegliche Überlegungen ab. Zügig trat er gegen die Tür und verschaffte sich Eintritt. Damit sollte er erstmal eh nicht auffallen. Sein Revolver glitt von allein in Mortes Hand. Er schlich sich durch die unbekannten Gänge. Gänge, die in einer Lagerhalle nicht existieren sollten. Die-
Käfige.
Erschrocken keuchte er auf, als er das Metall sah. Dahinter seelenlose Blicke. Frauen. Kinder. Auch einige Männer. Sie alle standen angekettet in diesen Gefängnissen. Zitternd. Wie Vieh!
Und dann noch der Gestank …
Das war selbst für Merichavens Verhältnisse zu viel des Guten …
