M: Leerer Paketdienst I

Raptioville wirkte auf Lucifer so unscheinbar. Es überraschte ihn, dass dieser Ort eine Kleinstadt sein sollte. Er war so mickrig. So … leer? Aber vielleicht lag das auch nur an Merichaven. Neben dieser Großstadt wirkte bestimmt jedes größere Kaff winzig.

„Das ist es“, er deutete auf ein Einfamilienhaus inmitten dutzend anderer.

Denn laut der Stadtverwaltung lebten hier die einzigen Stroms des Ortes.

„Meinetwegen“, murrte Kim und schnappte sich das leere Paket. Dennoch fuhr Lucifer noch weiter, um sicherheitshalber eine Querstraße entfernt zu parken.

Er wollte nicht, dass Angeline seinen Wagen erkannte.

Sie stiegen zeitversetzt aus. Er zuerst. Um die Umgebung zu scannen. Dann Kim, sobald er ihr mit einem schnellen Klopfen die erste Entwarnung zuspielte. Es wäre zu auffällig, wenn ein neugieriger Nachbar sie zu früh sah. Vor allem, da sie die gestohlene und viel zu große Jacke eines Versanddienstes trug, jedoch nicht aus einem entsprechenden Lieferwagen ausstieg.

Schweigend nickten sie sich zu, ehe Kim zum Haus lief. Lucifer selbst wechselte noch einmal die Straßenseite, um die gegenüberliegenden Häuser besser mustern zu können.

Sie sahen alle so friedlich aus. So … langweilig? Irgendwie beneidete er die Gebäude und ihre Bewohner um ihre Ruhe. Nein. Das war kein Neid. Verachtete er sie dafür?

Verachtete er Angeline dafür?

Zornig wandte er sich ab und sah, wie Kim sich streckte. Das war ihre Form der Entwarnung. Denn es war niemand daheim. Und da auf seiner Seite auch alles frei war …

Im Nu war er bei ihr. Er ignorierte dabei ihren Ausruf, dass die nicht-anwesenden Bewohner sich beeilen sollten. Das war eh nur Show. Show für Nachbarn, die gar nicht da waren.

„Keine Beobachter“, entgegnete er daher, sobald er hinter ihr stand und sie gerade das Schloss geknackt hatte.

„Ich weiß immer noch nicht, was du dir davon erhoffst“, murmelte sie und verschloss die Tür wieder.

Lucifer hätte sie nicht weniger beachten können. Während draußen die Sonne gebrütet hatte, war es im Haus angenehm kühl. Es war sauber. Ordentlich. Viel zu ordentlich für seinen Geschmack. Er musterte die leere Garderobe. Dann die hellen Wände. Es war so einladend gestaltet und dennoch wirkte es irgendwie … abweisend?

„Fein! Dann eben nicht. Musst nix sagen“, beschwerte sich Kim, als er gerade in die große Küche trat.

Lucifer sah nicht nach ihr. Er kannte seine Partnerin. Sie liebte es sich zu beschweren. Und er wollte erst sichergehen, dass Angeline auch hier war, ehe er ihr auflauern konnte. Die Küche würde ihm gewiss die besten Indizien dafür liefern. Deswegen peilte er diesen Raum auch als erstes an. Immerhin hatte sich Angeline ständig in ihren aufgehalten, um-

Eine Bewegung aus den Augenwinkeln ließ ihn herumfahren. Er starrte Kim an, die den leeren Karton fallen gelassen hatte. Die nun ein Messer umklammerte. Ein Messer, das sie fast nach einem fetten Kater warf!

Heulend blickte das Tier sie an.

„Zieh Leine, Sabbervieh!“, knurrte Kim und trat lieber das Paket nach ihm, welches bis unter den Esstisch schlitterte.

Stattdessen lief der Kater jedoch nur vier Schritte weiter und präsentierte ihr seinen leeren Napf.

Jaulend.

Lucifer konnte nicht anders. Ein Lächeln schlich sich auf sein Gesicht. Diese Seite seiner Partnerin kannte er noch gar nicht! In Merichaven hielten sich die meisten Leute nur Hunde. Und diesen Tieren schien Kim immer wohlgesonnen zu sein – so lange diese sie nicht direkt angriffen.

„Kein Katzenfreund?“

„Katzenfreund?“, wiederholte sie etwas zu schrill, „Die Kreaturen, die du füttern kannst, wie du willst und trotzdem gucken sie dich nicht mit dem Arsch an? Die dich beißen und kratzen, wenn du sie auch nur streicheln willst? Die sich in ihrem eigenen Speichelsabber baden?“

„Trauma?“

„Du hast ja keine Ahnung.“

„Dabei könnte man einen Teil deiner Beschreibung auch auf dich beziehen“, wagte er zu behaupten.

Sein Blick fiel auf eine kleine Dose mit der Aufschrift Zimt. Dasselbe Gewürz, das Angeline immer wieder verwendet hatte. Das hier so wartend neben dem Herd stand, als wäre es erst am Morgen benutzt worden …

Er ignorierte Kim wieder, als er zurück in den Flur trat. Er wusste, dass sie höchstwahrscheinlich den Kater in der Küche einsperren würde, damit dieser sie nicht mehr stören könnte. Und dass er selbst eh ein anderes Ziel viel eher verfolgen sollte …

Damit schaute er noch einmal durch den Flur. Lucifer erwartete eigentlich irgendwo Familienfotos zu entdecken. Bilder, durch die er die Gesichter den Familienmitgliedern zuordnen könnte. Doch starrten ihn nur langweilige Tiere oder Landschaften an. Also musterte er noch einmal die Stube.

Keine Fotos.

„Ich verstehe nicht, warum Menschen sich Katzen besorgen. Ich meine – was wollen sie mit den Viechern? Sie kosten nur Geld, machen Dreck und wollen ständig Fressen. Voll die Verschwendung.“, meckerte Kim weiter.

Lucifer konnte ihre Worte zwar hören, doch kümmerten sie ihn nicht weiter. Er musste sich vorstellen, wie Angeline sich hier auf das Sofa warf und genüsslich fernsah, während sein Bruder daheim litt. Wie Angeline die Füße hochlegte. Wie sie ein Buch las. Wie sie vielleicht auch nur vor sich hindöste – ohne gar einen einzigen Gedanken an Michael zu vergeuden!

„Glaubst du, dass ich überreagieren werde?“, kämpfte er hervor.

„Wahrscheinlich“, offenbarte sie ihm.

Die Wahrheit schmerzte. Doch tat sie auch gut. Das war meistens so mit Kims Worten. Sie waren harsch. Direkt. Und klar.

Eigenschaften, die er brauchte.

Lucifer wandte sich ab und schritt die Treppe hoch. Hier unten wären sie zu sichtbar. Und er wollte auf keinen Fall, dass Angeline ihre Anwesenheit hier vermutete und dann das Haus mied!

Erst im oberen Stockwerk ließ sich nun eine persönliche Note erkennen. So waren Zettel oder Schilder an drei von fünf Türen befestigt worden. Jedes von ihnen präsentierte einen Namen: Tyler. Marie. Sophie.

Sophie …

Lucifer überkam ein pochender Zorn, als er sich dieser Tür näherte. Dennoch trat er vorsichtig an das Holz heran. Er drückte es sachte auf. Erwartete, dass ihn etwas anspringen könnte. Dass etwas herunterfallen oder zerbrechen könnte. Ein Haar für ersteres. Eine Bleistiftmiene für zweiteres. Gewiss hatte Angeline ihr Zimmer irgendwie gesichert!

Doch passierte nichts.

Stattdessen präsentierte sich ihm nur ein stinknormaler Teenagerraum. Etwas klein vielleicht. Mit einer Dachschräge. Und etwas unordentlicher, als er erwartet hätte. Aber an sich?

Zwei Bücher lagen vergessen auf dem Tisch. Das Bett war schief gemacht. Auch hing das Laken an der einen Seite etwas raus. Über dem Stuhl hing ein Shirt. Auf dem Boden lagen ein paar Zettel herum.

Es … Der Raum passte zu Angeline, ja. Aber irgendwie auch nicht …

„Ist wohl doch nicht so ein Vorzeigemädchen, huh?“, lachte Kim aus und zog mit dem Fuß einen Zettel zu sich heran.

Lucifer nickte unschlüssig. Er wollte sich gerade die Bücher genauer ansehen, als er etwas hörte. Zügig trat er an das Fenster und spähte durch die Lücken der Jalousien. So konnte er beobachten, wie Angeline und ein Junge aus einem Polizeiwagen stiegen. Er spannte sich an. Wollte am liebsten nach unten sprinten. Sie direkt in die Mangel nehmen!

Dann sah er die Schwangere, die sich auch aus dem Auto schob. Die mit zum Haus kam. Genauso wie die Polizistin …

„Tür ran“, hauchte er Kim entgegen.

„Wegen der Polizistin?“, murrte sie, während sie vom Fenster wegtrat und der Aufforderung nachkam.

„Nicht nur …“, Lucifer musste an seine Mutter denken. Als sie mit Michael schwanger gewesen war. Und auch das zweite Mal.

Kurz bevor sie starb …

„Ich werde mir Angeline vorknöpfen. Aber die Schwangere wird in Ruhe gelassen.“

„Das kann nicht-“

„Samthandschuhe, Kim. Samthandschuhe“, bestand er jedoch, „Ungeborene können sich nicht aussuchen, in wem sie stecken …“

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