K: Ein neuer Bruder I

„Er wollte meine Zuneigung lieber bei euch wissen.“

Maggie bekam die Worte nicht mehr aus dem Kopf. Sie verfolgten sie. Ließen sie an ihre zweite Ma denken. An SR. An jenen Hushen, der nun in dem ganzen Chaos ihr Stiefbruder geworden war …

Und deswegen musste sie mit ihm reden.

Entschlossen blickte sie zum Gruselhaus. Es hatte sie drei Anläufe gekostet, ehe sie SveA und die Generäle von ihrem kurzen Ausflug überzeugen konnte. Und nur weil sich das Gebäude in der Nähe des Stützpunktes befand und General TaJu bereits dort gewesen war, gaben die Macian widerwillig nach. Dabei hatte Maggie darauf bestanden, dass nur SveA und Yuki sie begleiten durften. Selbst TJ sollte noch nichts wissen.

Maggie wollte nicht, dass ihr Freund SR zuerst ins Gewissen sprach. Deswegen hielt Yuki schon die ganze Fahrt über die Augen geschlossen und murmelte verschiedene Gerichte mit Schokolade vor sich her.

„Wir hätten noch jemanden mitnehmen sollen“, bemerkte ihre Auxilius, als sie den Wagen parkte.

„Nein. Hier passiert uns nichts. Mehr Macian würden nur für Mistrauen sorgen“, erklärte Maggie seufzend, „Denk bitte daran – wir möchten ein ruhiges Miteinander bewirken. Fragen, Beleidigungen und alles, was dir sonst noch respektlos vorkommt, werde entweder ich ansprechen oder es muss von dir ignoriert werden. Keine Ausnahmen.“

„Wie Ihr wünscht“, sie klang nicht sonderlich glücklich.

Wie auch? Sie weiß, dass wir uns mit dem Hushen treffen wollen, der für das größte Hin und Her der Zeit verantwortlich ist!, rief Valerie aus.

Meinst du, sie vermutet eine Falle? Würde sie hier noch ihrem eigenen Spiegelbild vertrauen?, überlegte Maggie, Ich möchte nicht, dass sie denkt, dass es sie selbst aus einer anderen Zeit oder eine Illusion oder-

Wären die Zeitsprünge so einfach, gäbe es mehr und die Hushen würden sie nicht selbst als Humbug abschieben, unterbrach Valerie sie, Nur für die Macian bleibt die Ungewissheit.

Eine Ungewissheit, die sie irgendwie abbauen mussten, ehe die Macian noch gegen SR vorgehen wollen würden und ihren wackligen Frieden zerstören könnten. Immerhin hatte Maggie gehört, wie sie nach dem Besuch der alten Semmelbeck miteinander geflüstert hatten.

Sie sahen eine Gefahr in dem siebten Chakra.

Erschöpft stieg sie aus dem Auto und führte SveA zum Gruselhaus. Dort klopfte sie ein paar Mal gegen die Tür. Nicht, weil sie gehört werden wollte, sondern weil sie dabei ihre Magie durch das Holz sandte. Sie tastete nach dem Schrank, der sonst vor der Tür stand. Erspürte die rissigen Dielen, die den Boden bedeckten. Fand die Gewichte, die das Holz niederdrückten.

Und die beiden Menschen, die sich darauf umherbewegten.

„Ich lass mich selbst rein“, verkündete sie sicherheitshalber, während sie den Schrank hinter der Tür Wurzeln wachsen ließ, die ihn zur Seite schoben und die Pforte öffnete. Sie wank SveA mit sich. Setzte Yuki dahinter ab. Ließ den Schrank seine ursprüngliche Position wieder einnehmen-

„Das sieht so krank aus“, bemerkte Jessica hinter ihr.

„Die Wurzeln?“, fragte Maggie lächelnd.

„Die sahen wie Beine aus!“, das Mädchen ruderte mit den Armen, „Also, schiefe Beine und- ich würde das nie hinkriegen.“

„Würdest du wirklich nie“, mischte sich SR mürrisch ein, ehe er Maggie zunickte, „Überraschungsbesuch?“

„So in etwa“, gab sie zu, „Ich wollte mit dir sprechen. Weil … Es ist wichtig.“

Nachdenklich musterte er sie: „Wegen der Zeitsache?“

Sie spürte, wie SveA näher an sie heranrückte. Doch schaute sie nicht zu ihrer Auxilius. Der Kloß in ihrem Bauch fühlte sich zu fest, zu erdrückend an.

Und die Antworten waren zu nah.

Wir schaffen das schon, sprach Alice ihr gut zu.

Wenigstens eine glaubte an sie.

„Soll ich TJ holen?“

„Nein! Es … Nein“, sie schüttelte sich, „Es wäre besser, wenn wir zwei uns erstmal unterhalten. Bitte.“

Er musterte sie. Beim letzten Wort hatte sich SR‘s Miene verzogen. Er hatte sich angespannt. Fast, als wollte er mit ihr schimpfen. Ja … Unter Hushen sollte man sich nicht entschuldigen. Das hatte er ihr selbst erklärt. Und die Diplomaten schienen Worten wie bitte und danke auch nicht zugetan zu sein.

„Ich kann der zukünftigen Okaa-san schlecht ein Gespräch abschlagen, oder?“

„Ich bin nicht als zukünftige Okaa-san hier. Nicht als Floris. Deswegen auch … Einfach nur Mag, ja? Nur für ein paar Minuten …“

Schweigend betrachtete er sie. Dann schaute er zu Yuki herüber, die noch immer ihre Augen geschlossen hielt und nun von einem Schokoladenkuchen murmelte. Zuletzt blickte er zu SveA herüber.

„Meinetwegen. Wenn du aber mit mir schimpfen willst – das hat TJ schon übernommen. Ich durfte nichts sagen. Weder ihm noch dir. Ich wusste ja nicht mal, wer mein älteres Ich war und wie er immer zu wissen schien, wann ich auch nur aufs Klo gehe …“

„Ich möchte nicht urteilen. Nicht über dich“, gestand Maggie leise.

„Alles gut?“, fragte Jessica zögerlich und trat näher, „Wenn du-“

Hinter ihr krachte etwas und fluchend rannte sie in Richtung Küche. Sofort stand SveA schräg vor ihr. Die Arme erhoben. Die Ketten ihrer Armbänder umklammert-

„Flatterrisu macht in letzter Zeit nur Mist“, erklärte SR, ohne sie anzusehen, „Er wollte gerade eine Nuss mit seinem Feueratem aufbrechen, als er uns von wässrigem Besuch erzählte. Damit warst du gemeint, oder?“

„Denke“, Maggie drückte die Arme ihrer Auxilius sachte runter, „Wie geht es dem Phönix?“

„Ganz gut“, er seufzte und nickte zu SveA, „Wenn dein Anhang mir nicht vertraut, warum ist sie dann hier?“

„Weil jeder erst Vertrauen fassen muss“, antwortete sie, als sie die angespannte Miene ihrer Auxilius bemerkte, „Und ich möchte gerne, dass kein Macian meinen Stiefbruder angreift, ja?“

„Wie Ihr wünscht“, stockend trat SveA einen Schritt zurück.

Dafür konnte Maggie nun die Überraschung in den Augen des Hushen sehen.

Ehm, wollten wir es nicht vorsichtiger ansprechen?

Wollten wir den Frieden nicht schneller erwirken?, schoss sie zurück, Al, wir haben nur noch knappe zwei Jahre Zeit. Was, wenn wir einen Fehler begehen? Wenn dann alles umsonst war? Oder wenn sich dann diese alte Zukunft mit der neuen vermischt und-

Mag? Wir schaffen das, unterbrach Valerie sie, Wir schaffen das, weil wir es schon immer schaffen mussten. Das ist unser Weg, ja?

„Ich weiß nicht, ob ich viel als Brüderchen tauge oder-“

„Sven, bitte. Ich habe sehr viel darüber nachgedacht. Ma hat gemeint, dass du ihre Zuneigung lieber bei mir und Janine und all den Hutanwaisen wissen wolltest statt bei dir. Du hast dadurch über Jahre den Frust ihres Verschwindens mit dir geschleppt. Dabei hast du am meisten unter ihrem Verschwinden gelitten, oder? Weil …“, sie atmete tief durch, „TJ‘s Ma hat mir erzählt, wie Hushenmütter sonst mit ihren Kindern umgehen. Doch Ma, unsere Ma, war ganz anders. Wäre sie bei dir geblieben, hättest du ihre alleinige Aufmerksamkeit genossen. Du hättest dich nie einsam gefühlt. Aber du hast dich lieber zurückgenommen und diese Herzlichkeit verschenkt. Du bist der Bruder eines jeden Kindes, das je im Waisenhaus lebte. Du … dadurch bist du auch mein Bruder.“

„Irgendwie schon. Doch solltest du es lieber ignorieren. Es könnte unser Kartenhaus nur verkomplizieren. Es wäre leichter, wenn du mich links liegen lassen würdest und-“

„Nein“, unterbrach Maggie ihn harsch, „Leichter bedeutet nicht besser. Leichter bedeutet nicht richtig. Leichter ist nur ein fauler Ausweg.“

SR schüttelte müde den Kopf: „So meinte ich das nicht. Du bist die Floris. Dein Bruder ist dir unter den Macian unterstellt. Unter den Hushen wäre es anders herum. Während man da zwar argumentieren kann, dass dein Bruder selbst ein Macian ist und unsere Regelungen bei ihm keine Anwendung finden – wie soll es da mit mir aussehen? Als zukünftige Okaa-san bist du den meisten Hushen überstellt. Als meine Schwester wärst du jedoch mir wieder unterstellt. Doch über mir selbst gibt es noch mehrere Ebenen denen ich unterstellt bin, die dich durch mich befehligen könnten und-“

„Das kriegen wir hin“, unterbrach sie ihn.

„Klar. Genauso wie damals, als Ryan dich einfach nach Kumohoshi gezerrt hat, oder wie?“

SveA riss den Kopf herum, doch ließ Maggie einzig eine gerade Sonnenblume erblühen, um sie zum Innehalten zu bewegen. Überrascht bemerkte sie, dass SR durch die hastigen Bewegungen nicht zusammengezuckt war.

Weil er ihr vertraute?

„Damals war Yuki nicht dabei. Und ich habe mich seither in den Griff bekommen. Nun sogar noch mehr, seitdem Valerie sich nicht mehr vor mir verschließt.“

„Das meinte ich nicht. Eher-“, SR klappte hastig den Mund zu und wank ab, „Nicht so wichtig.“

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