B: Die stillen Worte II

Es war nach neun Uhr abends, als Lilith endlich nach Hause kam. Oliver hatte sie noch bis zum Tor gebracht. Er hatte darauf bestanden. Falls ihr Ziehvater wieder schimpfen würde, da sie zu spät käme. Doch hätte sie sich nicht sorgen müssen:

Das Haus war leer.

Nachdenklich ging Lilith auf ihr Zimmer und stellte ihre Tasche ab. Dann schleppte sie sich ins Bad, um sich etwas Wasser ins Gesicht zu werfen. Still starrte sie auf ihr Spiegelbild. Auf diese müden Züge, die so alt und jung zugleich auf sie wirkten.

„Ich bin ich und bin es doch nicht“, sie seufzte, „Macht voll Sinn, oder?“

Das Vibrieren ihres Handys riss sie aus ihren Gedanken. Es lag neben dem Waschbecken. Genau dort, wo sie es am Morgen abgelegt hatte, ehe sie runter geeilt war, weil Oliver zu früh gekommen war. Erst in der Schule hatte sie bemerkt, dass sie es vergessen hatte. Danach war es ihr jedoch wieder entfallen. Zu sehr hatten ihre eigenen Gedanken sie abgelenkt.

Und nun dankten mehrere verpasste Anrufe und ungelesene Nachrichten ihr für ihre Zerstreutheit.

Sie nahm das Gerät, um die ganzen Einträge durzusehen und lief zu ihrem Bett rüber. Die verpassten Anrufe waren als erstes erledigt. Drei von ihrem Ziehvater. Alle noch vor der ersten Schulklingel. Es überraschte sie, dass danach nichts mehr gekommen war. Doch sein Chat reichte die Erklärung nach:

Liane! Ist alles in Ordnung?!

Warum antwortest du mir nicht?!?!

Oh. Ich habe dein Handy gefunden und in der Schule angerufen. Sie haben mir bestätigt, dass du gut angekommen bist. Ich wollte dir vorhin nur sagen, dass es heute Abend später wird. Mr. Brume meinte gerade, dass du bei ihnen zum Abendbrot essen kannst. Wir sehen uns dann heute Abend. Liebe dich.

Lilith starrte auf die letzte Nachricht. Ihr Ziehvater hatte wirklich wieder im Sekretariat angerufen? Was käme als nächstes? Eine Volkszählung?!

Angestrengt schluckte sie ihren Zorn herunter. Dafür fokussierte sie sich nochmal auf den letzten Teil.

Er hatte keine Antwort von ihr gefordert. Nicht so wie früher. Sonst hatte sie sich immer melden sollen: Wenn sie daheim war. Wie das Essen auswärts war. Ob alles gut wäre. Oder ob etwas geschehen wäre …

Nachdenklich tippte sie ihm ein kurzes Bin jetzt auch daheim zurück.

Als zweites fiel ihr der Chat von Oliver ins Auge, weil er plötzlich nach oben gesprungen war. So schrieb ihr Freund, dass er wieder daheim wäre. Und er fragte, ob alles gut sei.

Zügig sandte sie ihm eine Antwort zurück. Sie behielt die Abwesenheit ihres Ziehvaters jedoch für sich. Wenn er wüsste, dass sie allein in diesem riesigen Haus wäre, würde er sich nur sorgen. Darauf hatte sie keine Lust. Er sollte sich auch mal ausruhen können!

Damit blieb nur noch ein Chat übrig. Shiloh. Sie hatte ihr über den Tag verteilt sieben Mal geschrieben. Fünfmal während sie noch in der Schule waren. Immer mit der Frage, wo Liane denn wäre oder ob sie noch wach wäre. Die letzten beiden Nachrichten waren nach dem Unterricht zugestellt worden. Erst hatte sie geschrieben, dass ihre Mutter sich nicht entscheiden könne und das Leben eine Qual wäre. Vier Stunden später berichtete sie endlich, dass sie das Hochzeitsgeschenk für ihre Eltern ausgesucht hätte.

Was ist es geworden?, schrieb Lilith amüsiert zurück.

Sie erwartete keine Antwort. Dafür war es schon zu spät. Dass Shiloh sich also direkt nach einem Telefonat erkundigte, überraschte sie.

Als Antwort rief Lilith sie an und lauschte, wie bereits beim ersten Klingeln abgenommen wurde.

„Nie. Wieder.“

„Abend?“, fragte sie die verzerrte Stimme, die kaum Ähnlichkeit mit der ihrer Freundin hatte.

„Weißt du, wie viele Rottöne es gibt? Und wie viele Violetttöne?“, erklang es aus dem Handy.

„Je einen mit zig Nuancen?“, riet Lilith.

Stille. Dann erklang erschöpftes Lachen. Dazwischen konnte sie ein „Das muss ich mir merken“ ausmachen. Es klang fast so, als ob ihre Freundin zuvor ihre Augen verflucht hätte.

„Was war los?“

„Krawatten“, antwortete Shiloh nach einer Weile, „Es ging um Krawatten. Erst war es nicht das richtige Material. Dann nicht der richtige Schnitt. Dann stimmte die Länge nicht. Zuletzt hat meine Mutter eine Ewigkeit über die Farben diskutiert. Weil die eine Krawatte ihr nicht rot genug und die andere nicht violett genug war. Sie wollte irgendeinen Farbton dazwischen. Keinen Schimmer, warum sie mich bereits am Anfang für den Kuckuck überhaupt dabei haben wollte. Ich meine, ich durfte eh nichts sagen, bis es fast eskalierte. Und wenn ich was gesagt habe, war es falsch. Das war ein reiner Tunnelblick!“

Lilith konnte regelrecht spüren, wie die Frustration aus dem Handy schwappte.

„Vielleicht war sie nur aufgeregt?“, fragte sie.

„Huh. So ist sie jedes Jahr drauf. Ich war ja schon überrascht, dass sie diesmal nicht ewig überlegt hat, was es zum Abendessen geben soll!“, Shiloh schien abzuwinken, „Ich habe mir heute den Mund fusselig geredet und brauche mal etwas Input. Also, sag lieber, warum du bei Oliver auf Lilith reagiert hast, aber nicht, wenn ich dich mit deinem Namen anspreche, Liane.“

Sofort fühlte sie sich in den Schulflur zurückgeworfen. Shiloh vor ihr. Oliver schräg dahinter. Er hatte geflüstert, oder? Wieso hatte sie es dann trotzdem gehört? Sollte sie die Wahrheit sagen? Alles? Oder nur einen Teil?

Immerhin wusste Shiloh doch von den Bildern …

„Einfach gesagt, ist es wie mein … anderer Name?“, Lilith konnte ihre Freundin vor ihrem inneren Auge sehen – und wie sie eine Augenbraue hochzog, „Ich bin noch dabei, die Fetzen in meinem Kopf zu ordnen. Können wir nicht einfach sagen, dass der Name viel eher mit mir verbunden ist als Liane?“

„Klar. Aber nicht jeder ist sofort mit seinem neuen Nicknamen ansprechbar und blendet automatisch den alten aus. Das dauert meist ein paar Jahre.“

„Und wenn es eigentlich anders herum ist? Wenn Liane für mich der ungewohnte Nickname ist?“

Sobald Lilith die Worte entflohen waren, wollte sie diese wieder zurücknehmen. Sie würden Shiloh gewiss zu viel verraten, oder? Vielleicht sollte sie sich lieber in Schweigen hüllen. Oder die Wahrheit so zurechtbiegen, dass sie normaler klang?

„Aber du heißt seit sechzehn Jahren Liane …“

Neben dem Unglauben spürte Lilith auch offene Neugier. Keine Verurteilung. Keinen Hass. Unschlüssig schaute sie zum Fenster. Dann ließ sie sich aufs Bett fallen.

„Wenn mein Bauchgefühl stimmt, war ich davor keine-Ahnung-wie-viele Jahrzehnte Lilith. Lilith Bach“, sie atmete durch, „Klingt das zu schräg?“

„Nein. Eher … Ich weiß nicht. Seltsam, ja. Aber auch ehrlich?“, bei Shiloh raschelte es, „Wie bist du auf den Namen gekommen?“

„Erinnerungen?“, sie rollte sich auf die Seite und hielt sich dabei an ihrem Kissen fest, „Zumindest denke ich, dass es welche sind.“

„Hm … Hat es was mit den Bildern zu tun?“

Unbewusst ließ Lilith das Kissen los und griff nach ihrem Talisman. Sie starrte auf das einlaminierte Stück Papier. Dieser Zettel, der gegen ihre Skizzen eingetauscht wurde. Und jener, der ihr seither Seelenfrieden bescherte.

„Irgendwie schon. Jedes Mal, wenn ich an die Gestalten denke, die ich gemalt habe, kommen die Erinnerungsfetzen. Vorhin war es auch so, als ich gesehen habe, wie Tina sich gegen die Mülltonnen gelehnt hatte. Sie sah so erschöpft aus … Das war genauso wie … Wie …“

Erneut baute sich ein Bild vor ihrem inneren Auge auf. Es sah nun mehr wie ein kleines Mädchen aus. Ihre Haare tanzten wild. Dabei fiel Lilith auf, dass sie dicker waren. Dass sie … lebten?

„Lilith?“

„Ja?“

„Wow. Auf Liane reagierst du echt nicht mehr, oder?“, fragte Shiloh.

Schuldbewusst zuckte sie zusammen. Sie spürte, dass ihre Freundin es nicht harsch meinte. Dennoch schmerzten die Worte ein wenig. Fast, als hätte sie Chemys Rat damit weggeworfen.

„Tut mir leid. Es lässt mich einfach nicht mehr los. Ich habe auch ein wenig mit Oli darüber gesprochen. Er hat mir dann die Nachrichten von diesem Phil gezeigt. Der hat gemeint, dass sie homosexuell wäre. Sonst habe ich aber keinen Schimmer, was mit ihr los ist und … das bereitet mir Sorgen.“

Lilith legte ihren Talisman beiseite und starrte die Zimmerdecke an.

„Das meinst du nicht ernst, oder?“

„Hm?“

„Na. Phil nutzt nur echte Infos. Und wenn es von ihm kommt. Scheiße!“

Noch nie zuvor hatte sie Shiloh so laut fluchen gehört. Es war, als würde das Mädchen durchs Telefon springen.

„Ja?“

„Warte, ich tippe gerade noch eine Nachricht an Phil zu Ende. Dass der Kerl auch nicht mitdenkt! Kein Wunder, dass sie Montag immer wieder fehlt …“, die Tastengeräusche ihrer Freundin klangen so zornig, dass Lilith das Handy etwas auf Abstand hielt.

„Soll ich dich mit ihm telefonieren lassen?“

„Nein. Der Kerl schläft schon“, sie seufzte, „Tinas Vater ist extrem gläubig und hat sich schon mehrfach gegen Schwule, Lesben und alles, was irgendwie anders ist, ausgesprochen. Er hat die Bürgerwehr vor zehn, fünfzehn Jahren gegründet, die sich offiziell gegen die Sekte richtete, aber auch alles, was anders war auf den Kicker hatte. Generell meint er, dass man den Menschen alles Schlechte ausprügeln müsse.“

„Warte“, Lilith runzelte die Stirn, „Du meinst, ihr Vater verprügelt sie jedes Wochenende?“

„Wenn ich seinen eigenen Worten Glauben schenken kann“, gab sie zurück.

„Aber …“, ihre Gedanken rasten, „Wusste Phil das nicht?“

„Keine Ahnung. Ich bin mit der Zeitung und dem Klatsch der letzten drei Jahrzehnte groß geworden. Etwas, was nicht jedem aus unserer Generation vergönnt ist“, gab Shiloh zu.

Lilith schloss die Augen und dachte erneut an Tina. Waren ihr deswegen ihre Worte wie ein Hilferuf erschienen? Und wenn sie bedachte, wie sie auf die Frage nach dem Wochenende reagiert hatte …

„Was kann ich tun?“, fragte sie Shiloh leise, als diese anfing, von Zeitungsartikeln zu sprechen, die sich mit Tinas Vater befassten.

„Wie bitte?“

„Um ihr zu helfen, ohne ihr zu helfen? Sie hatte ja keine direkte Hilfe gewollt. Aber irgendetwas müssen wir doch tun können, oder?“

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