K: Die Zukunftsvision

„Mom, wirklich?“, grüßte ihr Junge sie, als er aus der Schule trat. 

„Es ist dein allerletzter Tag“, entgegnete Jackie, „Und ich hatte dir zur Einschulung gesagt: Ich komme nur am ersten und letzten Tag her.“

Lachend schüttelte er den blonden Kopf. Die Haarfarbe hatte er von ihr und seinem Vater gleichermaßen. Genauso wie seine Größe. Seit zwei Jahren waren sie nahezu gleich groß. Ganz anders als damals, als sie ihn zum ersten Mal hierher gebracht hatte. Damals. Als der Rucksack fast genauso schwer wie ihr Junge gewesen war … Aber das war nun auch schon über zehn Jahre her.

„Pa kommt direkt nach Hause?“, flüsterte ihr viel zu großer Junge. 

„Das ist sicherer für ihn“, entgegnete Jackie, während ihr Blick über die restlichen Kinder und Jugendlichen schweifte, „Wir müssen nun alle vorsichtiger sein. Von hier an wird es brenzlig.“

Ein paar der Waisenkinder trafen sich lachend neben dem Schultor. Sie wurden von der Betreuerin und einer ehemaligen Waise abgeholt. FK und JM. Die zwei machten mit den Hutan und Ubriden einen so harmonischen Eindruck. Einen, den Jackie nicht zerstört wissen wollte. Den sie über die letzten Jahre immer wieder insgeheim gefördert hatte. Mit kleinen Spenden. Mit simplen Lügen. Mit magischen Ablenkungen, wenn sie das Gefühl hatte, dass der Stützpunkt der Macian zu neugierig wurde …

„Mom“, riss ihr Junge sie aus ihren Gedanken, „Wollen wir?“

„Ja“, sie würde es nicht ewig vor sich herschieben können.

Damit machten sie sich auf den Rückweg. Zu Fuß. Früher hatte ihr Junge immer eine Schnute gezogen, wenn er irgendwo hinlaufen sollte. Doch heute, an seinem letzten Tag im Dorf, schien er die Abwechslung zu genießen. Oder wünschte sich Jackie das nur? Er war immerhin nur auf ihren Wunsch hier aufgewachsen. Weil es in Kriegsheim sicherer für ihn war. Fernab von den Hushen, die Magieausbrüche nicht tolerierten. So konnte er seine Kontrolle wie ein Macian erlernen und sich besser festigen. Immerhin wussten sie nicht, wie lange sein oder gar ihr eigenes Leben erhalten bliebe …

Als sie wieder daheim an ihrer Mühle ankamen, lag eine Serviette auf dem alten Telefontisch. Jackie musste nicht hinschauen, um das Logo zu erkennen. Es war ein Zeichen. Eines, das ihr bedeutete, dass er in der Küche auf sie wartete. Dass sie sich nicht zu viel Zeit lassen sollten. Dass das Eis nicht lange kalt bliebe …

„Ich kümmere mich darum“, bot Jackie an und nahm ihrem Jungen die Hutanunterlagen ab, die er gerade erst bekommen hatte.

„Schon traurig, dass es nur noch besseres Zeitungspapier ist“, murmelte dieser. 

Zu gern hätte sie ihm widersprochen. Doch konnte sie ihm kaum die Wahrheit abstreiten. Auf den Inseln der Hushen waren die Zeugnisse der Nichtmagischen wertlos. Und heute sollte ihr Sohn dort hinziehen. Er sollte den Kopf einziehen. Sich als Assistent seines eigenen Vaters ausgeben. Einem Blinden, der sich selbst viel zu oft als senil aufspielte. Der nun Unterstützung bräuchte, ehe sich neue Fraktionen bildeten. Ehe AW von den neuen Konzilmitgliedern überrannt werden würde …

„Geh schon mal vor“, zwängte sie hervor, „Na los.“

Als Jackie das Zeugnis abheftete, überkam sie ein Anflug von Melancholie. Sie selbst hatte nie eine Schule besuchen können. Deswegen hatte sie vehement darauf bestanden, dass ihrem Sohn keine Bildung verwehrt bleiben würde. Er sollte sich nicht quälen müssen, wenn er die Buchstaben viel zu spät erlernte … Doch waren ihr seither alle Urkunden und Notenbescheinigungen wie ein tickender Wecker vorgekommen. 

Ein Wecker der nun klingelte. 

„Alles gut, Jessi?“, fragte ihr Besucher.

„Jackie“, korrigierte sie ihn, ehe ihre andere Seele von dem Namen geweckt werden konnte, „Du willst immerhin auch nicht, dass ich dich mit deinem alten Namen anspreche, oder?“

Blaue Augen lächelten sie an. Sie hatten einst ihr gehört. Sie hatten AW‘s Leben gerettet, als seine eigentlichen Seelen geboren wurden. 

Genauso, wie seine Seelenspiegel ihr Leben vor fünf Jahren gerettet hatten.

„Entschuldige“, er schob ihr einen Becher Eiscreme zu, „Hast du schon eine Einschätzung zur kleinen Floris?“

Jackie hasste es, wenn er sich nach ihrem persönlichen Alptraum erkundigte. Am liebsten wollte sie sich mit dieser Horrorperson gar nicht befassen! Selbst wenn sie noch nicht das Monster war, dass einst Jessicas und Nicoles Leben zerstört hatte – sie konnte es immer noch werden. Das Fundament war gelegt. Diese kleine Floris hatte bereits getötet. Ja, sie hatte dabei hauptsächlich Ragnaröks Leute vernichtet. Aber dennoch waren es Morde gewesen. Dennoch war es ein Massaker. Dennoch hatte der kleine Otou-san es unschlüssig hingenommen.

Und nun wollte ihr Freund, der Vater ihres Sohnes und ihr einstiger Feind diesen Abschaum auf die Waisenfamilie des Dorfes loslassen?!

„Du weißt schon, dass man kaum in den Wald kann“, murrte sie und schaufelte sich etwas Eis in den Mund. 

„Ja. Aber ich weiß auch, dass du viel gelauscht hast“, lachte AW leise. 

„Oh, und weißt du, wie anstrengend es ist, sich dabei nicht von den anderen Macian erwischen zu lassen?“

„Nicht ganz. Aber ich weiß, dass dich so etwas selten aufhält.“

„Und weißt du, dass-“

„Mom! Pa!“, unterbrach ihr Sohn nachdrücklich, „Muss das sein?“

Er trommelte sachte mit den Fingern über die Ablage neben dem Herd. Jedoch zeigte sich dabei keine Magie. Sein Eis blieb immer noch fest. Sein Äußerstes klar zu erkennen. Er hatte seine Magien über die letzten Jahre so sehr verstecken müssen, dass er wahrscheinlich eine bessere Kontrolle als die Generäle oder Konzilmitglieder besaß. Zumindest war sie größer als ihre eigene, die etwas schwankte, seitdem ihre andere Seele sich nach dem Massaker von Shanai zurückgezogen hatte.

Es schmerzte Nicole immer noch, ihren Vater zweimal verloren zu haben.

„Die kleine Floris ist anders als … jene, die ich kannte“, gab Jackie langsam zu, „Vielleicht wird sie ein besserer Mensch. Also-“, sie seufzte, „Ich weiß nicht! Sie ist viel zu still. Gefährlich still, meiner Meinung nach. Ein paar Mal habe ich gehört, wie sie mit dieser Yuki oder diesem Risu gesprochen hat. Da wirkte sie offener. Aber das kann auch nur gespielt sein. Das-“

„Auch sie hat einen schweren Verlust erlitten“, murmelte der Blinde, „Sie wird zu viel Zeit brauchen, wenn sie nicht langsam unter andere Menschen kommt. Deswegen muss sie zum Waisenhaus. Sie muss zu Ma. Ma kann ihr helfen. Und Ma ist wahrscheinlich die einzige, die dabei unbeschadet bleibt.“

Ja. Das hatte er schon einige Male behauptet. Es war sein Plan gewesen, ein gezieltes Chaos zu generieren, in dem die kleine Floris alles zerstören sollte. Er wollte sie an denselben Abgrund zerren, an dem Jackie sie auch einst gesehen hatte. Doch sollte die kleine Floris diesmal niemanden haben, den sie für ihre Taten verantwortlich machen konnte. Sie musste ihre Fehler eingestehen, um sich bessern zu wollen. Nur so könnte eine Änderung in der kleinen Floris stattfinden. Und damit sie nicht rückfällig werden würde, brauchte sie eine Mutterfigur, die sie nicht missbrauchen würde. Es musste jemand außerhalb der Macianränge sein. Jemand, deren Ansichten sie kannten. Jemand, den sie rechtzeitig stoppen konnten, wenn sich die Intentionen der Person änderten. 

Deswegen hatte AW seine einstige Mutter dafür durch die Zeit geschickt.

„FK hat als Sabine hat viel zu viele Kinder. Über die Hälfte davon habe ich selbst zu ihr gelotst, damit das Waisenhaus wachsen konnte. Meinst du nicht, dass sie mit der schieren Anzahl überfordert ist?“

„Sie hat JM und Borei“, er zuckte mit den Schultern, „Oder was denkt ihr? Lian? Lewis?“

Erschrocken regte sich die Mimik ihres Sohnes. Ein Schatten huschte über seine Züge. Am liebsten wollte Jackie den Blinden deswegen schellten! Er wusste doch, dass er die Namen ihres Sohnes nicht so offen aussprechen sollte! Dass er damit die Balance seiner Seelen herausforderte! Dass er nur dann mit seinen Magien kämpfen musste …

Mit seinen Magien, die so viel anders als ihre eigenen waren. 

„Die Knirpse schaffen das“, grinste ihr Sohn viel zu verbissen seinen Vater an, ehe er sich ihr zuwandte, „Mom, ich weiß, dass du in ihr jemand anderen siehst. Doch die Zukunft ist noch nicht eindeutig. Zum Glück!“

AW’s Nicken hätte eine Antwort zu den Worten sein können, wäre es nicht so nachdenklich gewesen. Langsam verstand Jackie, dass er ihren Sohn so getestet hatte. Um sicherzugehen, dass dieser sich auf Kumohoshi nicht verriet …

„Ich weiß. Ich weiß …“, sie löffelte schweigend ihr Eis aus. Sie wusste, dass der Blauäugige nach ihr lauschte. Dass er nur darauf wartete, das Schaben des Bestecks zu hören. Dass er sie nicht weiter bedrängen wollte. 

Nicht, wenn sie sich nur noch so selten treffen konnten. Alles andere würde zu viel Aufmerksamkeit erregen. 

„Du hast den nächsten Brief abgeschickt?“, fragte sie, als sie den leeren Becher endlich abstellte.

„Ja“, er zog bei ihrer Wortwahl eine Grimasse, „Ma weiß von der kleinen Floris. Sie hat die Anweisung, sie aufzunehmen und sie wie die anderen zu behandeln. Auch habe ich dafür gesorgt, dass die Tage ein anderes Kind am Waisenhaus abgegeben werden wird. Borei soll dafür sorgen, dass die kleine Floris alles beobachtet. Damit sie von selbst aus dem Wald tritt.“

„Können wir sie nicht einfach rauskicken?“

„Jackie. Bitte“, er lachte gutmütig, „Nichts ist von Dauer, wenn es nicht von den Leuten selbst kommt. Sie darf sich nicht in eine Richtung geschoben fühlen. Weder sie noch unser kleiner Otou-san.“

„Huh“, Jackie schloss die Augen und erinnerte sich an AW’s Freund, „Handelt er denn wenigstens auf der Insel so, wie du es dir gedacht hast? Oder sprengt er sein vorgegebenes Muster?“

„Meinst du, dass er das je könnte?“

„AW!“

„Keine Sorge. Ich kenne ihn“, ein trauriges Lächeln schlich sich auf die Züge des Blinden, „Es hat geholfen, dass LR sich von ihm distanziert hatte. Damit hat ihn der Tod des letzten Otou-sans nicht sonderlich getroffen. Nach Außen hin behauptet er zwar immer noch, er würde um seinen Vater trauern. Doch löst er kurz darauf immer den Bannkreis um Kriegsheim aus.“

„Aber nur weil er sich hier rumtreibt, bedeutet das nicht, dass er und die kleine Floris hier gut miteinander auskommen“, mischte sich ihr Sohn ein.

„Würden sie sich streiten, würden wir es bemerken“, konterte Jackie still.

„Genau“, AW beugte sich vor, „Was die beiden angeht, müssen wir uns nun erstmal gedulden. Die beiden brauchen Zeit. Ein paar Jahre auf jeden Fall. Und kurz vor TJ’s Einweihung, müssen wir den eigentlichen Ball ins Rollen bringen. Die beiden müssen in einem kleinen Rahmen auffliegen. Damit sie sich ihrer Standpunkte sicher sind. Damit wir die Lage peilen können. Erst dann können wir es ausweiten.“

Jackie nickte. Ja. Erst wollten sie ihre eigenen jüngeren Seelen nach Kriegsheim führen. Diese konnten sie am besten einschätzen. Dafür würde AW die Missionsberichte manipulieren müssen, um RS herschicken zu lassen. Sie würde ihre Großmutter umbringen und deren Testament anpassen müssen, um ihre Hutanfamilie herzulocken. Für die Ausweitung würden sie als nächstes TJ’s Team mir RT vervollständigen müssen. Dann bräuchten sie die Duria der kleinen Floris, die derzeit unter diversen Bannkreisen auf Kumohoshi gelagert wurde. So konnten sie die kleine Floris wieder zurück zu den Macian schicken. Sie konnten dafür sorgen, dass der Radix sie nicht später von ihren Überzeugungen wegriss, wie es bei den ersten Floras der Fall gewesen war. Sie konnten einen Frieden erreichen!

„Mir gefällt es trotzdem nicht, dass der Frieden das Gesicht eines Monsters trägt“, murmelte Jackie, als AW mit ihrem Sohn aufbrechen wollte. 

„Mo-“

„Gehst du kurz vor?“, unterbrach der Blinde, „Dauert nicht lange.“

Erst als ihr Sohn sich nach einer knappen Verabschiedung fortgeblinzelt hatte, zog AW Jackie an sich. Er presste sie an sich, als würde er sie das letzte Mal sehen. Als würde er ohne sie dem Tod entgegentreten. Und sofort erwiderte sie die Umarmung. Ihr war, als wäre sie endlich wieder komplett. Als hatte ihr die ganze Zeit etwas gefehlt. Als wäre es nun zurück. Als-

Ich will nicht, dass wir uns nur so selten sehen, murmelte eine andere Stimme verschlafen aus ihrem Kopf, Jessi. Bitte!

Nein. Es muss sein. Sicherheit geht vor, damit zwang sie sich, ihren Griff zu lockern und von AW abzulassen. Sie schob ihre andere Seele von sich. Atmete durch. Lächelte schwach.

„Es wird in unserer Welt keine Monster geben, wenn wir alles richtig machen“, hauchte AW ihr entgegen, „Du siehst den Schatten eines vergessenen Alptraums vor dir. Aber wenn wir alles richtig machen, wird niemand dieses Leid je teilen. Wir werden die einzigen sein, die sich daran noch erinnern können. Und wir werden es schaffen, ja?“

„Aber zu welchem Preis?“, flüsterte sie ihm entgegen, „So wie die Dinge liegen, könnten wir uns in elf Jahren auflösen. Wer weiß, was mit Liam und Lewis passieren wird? Wer weiß-“

„Deswegen nehme ich ihn mit, Jackie“, die blauen Augen blickten so fest in ihre, als ob er sie sehen konnte, „Wir werden eine Lösung finden, ja? Du musst nur sichergehen, dass die kleine Floris den Frieden zu lieben lernt. Ich halte den Konzil zurück und ich finde eine Lösung für uns drei. Wir schaffen das, ja?“

„Wir müssen“, stimmte sie zu und küsste ihn, „Und ihr zwei kommt mich mindestens einmal im Monat besuchen, ja?“

Er nickte sachte, ehe er verschwand.

Ehe er Jackie allein in der Mühle zurückließ.

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