
„Bist du dir wirklich sicher?“, fragte Oliver leise.
Liane nickte. Sie hatte sich noch nie so sicher bei etwas gefühlt. Und vor allem aufgeregt! Vielleicht war es doch ganz gut gewesen, dass Olivers Vater sie gefahren hatte. Ihre Gedanken waren immer noch so wirr, dass sie kaum klar denken konnte. Wie hätte sie ihre Umstiege mit dem Bus einhalten sollen? Wie sich nicht verlaufen? Denn immerzu hatten sich die Artikel über die Bachfamilie in ihre Gedanken geschlichen. Sie hatten vergessene Bilder in ihrem Kopf zum Leben erweckt. Bilder, die sich realer anfühlten als ihr Freund Oliver, der die ganze Zeit an ihrer Seite blieb und ihre Hand hielt.
„Die Schule weiß Bescheid. Weißt du schon, was du bei der Anmeldung sagen willst?“, mischte sich Mr. Brume ein, als er sein Handy wegsteckte.
Ja. Er hatte gerade noch telefoniert. Aber Liane hatte die Worte nicht wahrnehmen können. Dafür lag ihr Fokus zu sehr auf ihrem Ziel. Auf dem alten Mann, den sie besuchen wollte. Der sie vielleicht für einen Geist halten würde. Der sie vielleicht nicht erkannte. Der sie vielleicht verrückt schimpfen würde!
„Ich wollte … einfach fragen. Ob ich zu Lucas kann. Das sollte doch gehen, oder?“, murmelte sie unschlüssig.
„Liane, das ist eines der besten Pflegeheime in ganz Centy. Die werden dich nicht einfach so reinlassen, weil du mit jemanden sprechen möchtest, den du für deinen Bruder hältst“, Oliver massierte sich die Schläfen, „Ich dachte, du hast einen Plan? Irgendeine Idee?“
„Habe ich doch auch. Ich gehe rein und frage nach Lucas. Das-“
„Das wird nicht klappen, Liane. Du bist eine Fremde für die Leute dort.“
„Aber ich muss doch-“
„Und du wirst“, bestimmte Mr. Brume und drückte ihre Schulter.
Unschlüssig schaute sie zu Olivers Vater auf. Er klang so sicher. Und die Art, wie er sie voran schob, verdrängte alle Sorgen, die Olivers Zweifel ausgelöst hatten.
„Ja … aber …“
„Ich war beruflich ein paar Mal hier“, unterbrach der Mann Oliver knapp, „Und da drinnen schulden mir ein paar Damen noch was. Na komm schon.“
Vorsichtig nickte Liane. Sie griff dabei nach Olivers Hand. Einfach, um eine Stütze zu haben. Um sich etwas mehr im Hier und Jetzt zu verankern. Jener Realität, die mit jedem Schritt mehr zu verschwimmen schien …
„Guten Morgen, Polly“, grüßte Mr. Brume heiter die Frau an der Anmeldung, „Lange nicht gesehen.“
„Bennett, oder?“, sie sich etwas vor, „Das ich dich nochmal hier sehe. Ich dachte, du wolltest Einrichtungen wie unsere nie wieder von innen sehen? Oder hat dich dein Boss wieder her geschliffen?“
„Nah. Die Zeiten ändern sich“, er deutete auf Oliver und Liane, „Ich mache es knapp. Du und deine beiden Kolleginnen von damals schulden mir noch was. Und die beiden hier sollen nächste Woche einen Vortrag über die Hürden und Herausforderungen eines Pflegeheimes halten.“
Zum ersten Mal fühlte sich Liane in Mr. Brumes Anwesenheit unwohl. Sie wusste das er log. Und sie spürte es. Es war wie ein schrilles Klingeln, das ihren Kopf schmerzen ließ. Das sie zusammenzucken ließ …
„Meinetwegen“, murrte die Pflegerin mit dem Rücken zu ihnen, „Aber die Besucherausweise kann ich nur bis mittags ausstellen. Dann müsst ihr draußen sein, weil das monatliche Kontrollteam kommt.“
„Sollte klappen“, dankend nahm er die Sticker entgegen und zog Liane ein paar Schritte weiter, „Du siehst zu bleich aus. Magst du was trinken?“
Seine Stimme war leiser. Olivers Blick besorgter. Ihre Gedanken-
Entschlossen schüttelte sie den Kopf. Sie atmete durch. Zählte langsam bis zehn. Nahm den Sticker entgegen. Las den Namen des Pflegeheims darauf. Das GUEST darunter. Datum und Uhrzeit waren darunter aufgedruckt worden.
Still zog sie ihn ab und presste die Folie auf ihre linke Brust. Genauso, wie Oliver und sein Vater es getan hatten.
„Die Dinger kleben nur einmal. Wenn ihr sie abzieht, könnt ihr sie direkt wegwerfen, ja?“, erklärte Mr. Brume.
Er ging nicht weiter auf ihren Zustand ein. Etwas, was Liane mit Dankbarkeit erfüllte. Es reichte schon aus, dass Oliver sie ständig kritisch musterte. Sie wusste, dass er es nur gut meinte. Dass er sich sorgte.
Dass sie sich noch weiter zusammenreißen musste.
„Wird schon“, ihre Augen flogen zu den Beschilderungen – doch hätten diese auch in Hieroglyphen geschrieben sein können!
„Hier lang“, Olivers Vater führte sie durch die ersten Korridore und nickte den umherirrenden Pflegekräften kurz zu, ehe er sich wieder an sie wandte, „Die wichtigen Leute sind weiter hinten. Dort müsst ihr hin. Aber nicht direkt. Sonst werdet ihr zu viele Fragen aufwerfen. Geht es langsam an, ja?“
„Deswegen der Vortrag?“, erkundigte sich Oliver für sie.
„Nun, hättet ihr Schulkinder einen besseren Grund?“
Dem konnte sie kaum widersprechen. Dennoch störte sich Liane an der Notlüge. Sie fühlte sich zu falsch an. Ihr ganzes Sein wollte sich jedes Mal verkrampfen, wenn sie sich kurz mit einigen der Pflegekräften austauschten. Erst recht bei dem alten Großväterchen, das jeden fragte, wo er denn sein Zugticket kaufen könne. Er müsse seine Frau abholen!
Sie mochte diesen Ort nicht.
„Nächste Tür links. Ich warte draußen, damit ihr nicht überrascht werdet.“
„Überrascht?“, fragte Liane unschlüssig.
„Die Bachs sind alles andere als unbekannt. Man könnte dich schnell für eine Opportunistin halten, die hinter dem Vermögen eines alten Mannes her ist“, erklärte Olivers Vater.
So hatte Liane ihr Vorhaben noch gar nicht betrachtet. Vielleicht war es doch ganz gut gewesen, dass Mr. Brume sie gehört hatte und nun begleitete. Dank ihm war sie zum und ins Pflegeheim gekommen. Er passte auf sie auf. Er …
Er fühlte sich väterlicher an als der überfürsorgliche Kühlschrank von daheim.
Aber nicht als David Bach. Leider.
„Danke“, sie umarmte Mr. Brume, „Sie- Du bist wirklich der Beste. Danke!“
„Schon gut“, er klopfte ihr zweimal auf den Rücken und wandte sich dann an seinen Sohn, „Und du passt mir ja auf deine Freundin auf, ja?“
„Natürlich“, Oliver klang fast empört.
Damit griff Liane nach der Klinke. Sie klopfte nicht an. Das konnte sie nicht. Es war noch so früh am Morgen. Sie wollte den Mann, den sie für ihren Bruder hielt, nicht wecken. Das durfte sie doch nicht. Martha hatte deswegen mehrfach mit ihr geschimpft. Lilith war doch eine große Schwester. Sie musste auf ihren Bruder aufpassen auf ihn achten. Ihn-
Benommen drängte sie die Gedanken fort und zwang ihre ganze Kraft dazu, die Tür angespannt zu öffnen.
Der Raum war düster. Die Rollos waren unten. Nikotingeruch hing in der Luft. Irgendwo piepte ein Gerät. Oder zwei. Sie sah einen Monitor blinken. Und zwei Augen, die aus der Dunkelheit in ihre Richtung blickten.
Augen, die sie kannte.
Der erste Schritt fühlte sich wie ein Kampf an. Der zweite fiel ihr leichter. Ab dem dritten rannte sie fast auf den alten Mann zu und konnte sich vor dem Bett nur angespannt zurückhalten, ihn nicht anzuspringen.
„Ehm- Ich-“
„Hallo, Lilith.“
Seine Stimme war heiser. Kratzig. Fast so als würde er sie kaum noch benutzen. Als wäre sie zertrampelt und verzerrt worden. Aufgebraucht von der Zeit.
Dennoch rief sie Erinnerungen wach. Sie ähnelte der ihres Vaters zu sehr. David Bach hatte so ähnlich gesprochen. So tief. So langsam. Doch flüssiger. Nicht ganz so kratzig. Eher öliger?
„Du bist … groß geworden, Lucas“, kämpfte sie hervor.
Er lachte.
„Groß. Ja …“, ein Husten schüttelte seinen gesamten Körper, „So kann man es auch sagen, oder?“
Die Tränen bildeten sich ungefragt in ihren Augen. Sie wusste nicht, wo sie herkamen. Sie wusste nur, dass sie die Gefühle des alten Mannes spürte. Diesem alten Mann, der in ihrer Erinnerung ein kleines Baby war. Ein Baby, das gerade laufen lernte. Das von ihren Eltern geliebt wurde. Das von allen geliebt wurde!
Während sie vergessen und verdammt wurde.
„Ehm, Verzeihung“, Oliver schloss die Tür und gesellte sich zu ihnen, „Ich weiß, das klingt seltsam, aber-“
„Und wer bist du?“, unterbrach Lucas ihn.
„Oliver. Und das ist Liane. Wir-“
„Nein“, unterbrach der alte Mann erneut.
„Was-“
„Du bist Oliver. Ja. Aber das hier“, er wies zu ihr und lächelte sanft, „Dieses Mädchen heißt nicht Liane, Junge. Ich erkenne meine Schwester, wenn ich sie sehe. Dafür habe ich sie zu lange gesucht. Ich weiß, was ihr angetan wurde. Ich weiß, was mit ihr geschehen ist. Und ich weiß, warum man sie für jemand anderen halten kann“, er schaute ihr fest in die Augen, „Aber du erinnerst dich nicht mehr richtig, oder?“
