
Das Leben in Frankreich war anders.
Noch am ersten Tag forderte Elisabeths Vater, dass sich Julie anpassen müsse. Sie habe die Sprache zu lernen. Habe ihren Namen zu ändern. Habe jegliche Benimmregeln zu verinnerlichen, wenn sie als Gefährtin für seine andere Tochter dienen wolle.
Und so wurde aus Julie Julia.
Am liebsten hätte ich sie gefragt, ob sie damit auch glücklich war. Ich wäre jederzeit bereit, sie dieser Hölle zu entreißen. Wenn sie es so wollte, verstand sich. Denn ich wollte ihr Leben nicht schon wieder auf den Kopf stellen. Nicht, wenn sie sich so entschlossen durch ihren Unterricht kämpfte. Wenn sie endlich wieder lächelte, während sie mit Maria spielte. Wenn sie zum ersten Mal in ihrem Leben immer drei warme Mahlzeiten bekam …
Sie musste keinen Hunger mehr leiden. Sie musste sich nicht mehr darum sorgen, dass ihr Haus zerfiel. Sie konnte tun, was sie wollte!
Solange sie jederzeit kam, wenn Maria sie rief.
Nachdenklich betrachtete ich die heraneilende Maria. Sie war ein stilles Kind gewesen. Eines, das innerhalb der letzten paar Jahre nie dem Schatten ihrer Schwester-Mutter entfliehen konnte. Denn nach dem Ableben ihrer Mutter, hatte sich Elisabeth um Maria gekümmert. Sie hatte ihre Schwester vor ihrem Vater in Schutz genommen. Sie hatte diesen stets daran erinnert, dass Maria nichts dafür könne, dass ihre Mutter nach deren Geburt verstorben war.
Dennoch schien der Mann Elisabeth nie zu hören. Es kam mir geradezu so vor, als könne er nur seine tote Frau in Elisabeth sehen. Ob er deswegen alle Männer abwimmelte, die ihn darum ersuchten, Zeit mit seiner ältesten Tochter zu verbringen? Stets bestellte er Elisabeth stattdessen zu sich. Deswegen hatte Maria ja schon zu Julia gemeint, dass sie sich nie von ihrem Vater erwünscht fühlte. Als wolle er sie nur loswerden-
-und Elisabeth dafür an sich ketten.
„Julia! Komm schnell!“, forderte Maria hektisch, während ich noch in Gedanken schwelgte.
„Moment“, antwortete diese und folgte dem anderen Mädchen.
Sie war groß geworden. Eine Frau. Vielleicht fünfzehn? Sechzehn? Ich wusste es nicht. Die Zeit eilte zu schnell an mir vorbei. Dennoch war ich nicht wieder eingeschlafen oder mit meinen Gedanken abgeschweift. Es hatte geholfen, mich nur auf Julia zu konzentrieren. Nur auf sie zu schauen.
Nie den Blick abzuwenden.
„Es kam eine Einladung. Ich habe sie abgefangen, ehe sie zu Vater konnte. Sie ist von meinem Cousin. Er wolle Elisabeth unbedingt treffen. Wenn er-“
„Wenn er was, Schwesterchen?“, wurde Maria unterbrochen.
„Da bist du!“, die Jüngere konnte ihre Aufregung kaum unterdrücken – dabei war sie sonst eine eher ruhigere Person, „Du musst hingehen. Bitte! Sonst kommen wir hier nie weg! Ich darf nicht heiraten, solange du nicht in den Bund der Ehe trittst. Und Julia darf ohne mich nicht hier fort. Komm schon. Alexander ist alles, was dein Herz begehren könnte. Er-“
„Er ist nicht der, den Vater für mich will. Vergiss es“, fordernd streckte Elisabeth die Hand nach dem Brief aus, „Du hast nicht über meine Zukunft zu entscheiden, Schwesterchen.“
Langsam reichte Maria ihr den Brief, doch ließ sie ihn nicht los, als die Ältere danach griff.
Verwirrt huschte ich um die beiden herum. Es erschien mir so fremdartig, dass Maria sich nicht kampflos fügte. Dass sie sich stur gab. Dass ihr Blick so feurig wirkte. Fast so wie meine Flammen, wenn ich-
„Wenn es nach Vater ginge, würde er dich doch am liebsten selbst heiraten!“
Etwas in mir spannte sich an, als Elisabeths Augen sich verengten. Sie wirkte zu ruhig auf mich. Wie eine endlose Tiefe, die mich verschlingen würde, wenn ich nicht Abstand suchte.
„Verzeiht, Maria hat es gewiss nicht so gemeint“, mischte sich Julia eilig ein, wohlwissend, dass sie für ihre Einmischung Ärger bekommen konnte, „Bitte Madam, Maria ist nur frustriert, weil wir so selten in die Stadt können und kaum andere Leute treffen. Vielleicht könnten wir ja eine kleine Feier veranstalten? Oder ihr könntet zusammen ausreiten?“
„Ja … Vielleicht“, stimmte Elisabeth zu und riss den Brief an sich, „Ich werde nachher mit Vater darüber reden.“
Ich beobachtete, wie sie am Ende des Ganges verschwand. Erst dann wandte ich mich wieder nach den anderen um. Julia strich Maria behutsam über den Arm. Sie war so flüssig mit der französischen Sprache geworden, so vornehm, dass ich sie beinahe für Marias Schwester gehalten hätte.
Aber ihre Kleidung verriet ihre Stellung. Sie war nicht so extravagant. Und sie war abgetragener. Mit schwindenden Farben.
„Es ist doch wahr. Deswegen sieht er nur sie“, murmelte Maria still.
„Und wenn dem so ist – verärgere sie bitte nicht. Wenn deine Worte an den Hof gelangen, wirst du damit nur dein eigenes Leben vereiteln“, Julia führte die andere den Gang entlang, „Wollen wir ins Musikzimmer gehen? Oder in den Morgenraum? Was hältst du von dem Garten?“
„Der Garten klingt schön“, offenbarte Maria.
Still schwebte ich um beide herum. Es war Sommer und die Hitze brachte die beiden Mädchen direkt ins Schwitzen. Dennoch wollten sie draußen bleiben, um den bedrückten Gemäuern des Anwesens ein wenig zu entkommen. Hier draußen hatten sie einzig zwei Diener und Sir Stark als Gesellschaft.
Wobei letzterer einen großzügigen Abstand hielt.
„Es ist einfach nicht fair“, beschwerte sich Maria leise. Sie hielt die Stimme gesenkt, während sie darüber sprach, dass ihr Zuhause ein Käfig wäre. Dass sie nur noch weg wolle. Dass sie Julia dann mitnehmen wolle. Dass sie geliebt werden wolle. Oder zumindest gesehen!
Nicht so wie daheim.
„Sie … meint es … nicht so …“
Etwas an Julias Stimme ließ mich herumfahren. Sie wirkte zu schleppend. Auch war ihr Gesicht gerötet. Und ihr Atem … ging er zu hastig?
„Ich will doch nur …“
Ich hörte Maria nicht mehr. Lieber schwebte ich um Julia herum. Ihre Augenlider flatterten. Ihre Hände wirkten zu blass. Sie …
Es war ihr zu heiß!
Ohne darüber nachzudenken, glitt ich durch sie hindurch. Ich beobachtete, wie sie erschauderte. Wie sie sich umsah. Machte es dann noch einmal, um sicherzugehen, dass es sie auch wirklich ein wenig abkühlte. Dass sie sich nicht weiter übernahm!
„Tim… othy?“
Ich stockte. Starrte sie an. Doch konnte sie mich nicht sehen. Sie blickte an mir vorbei. Die Hand leicht erhoben.
„Hörst du mir überhaupt zu?“, fragte Maria ungehalten.
„Verzeihung. Ich …“, Julia schüttelte sich, „Die Hitze macht mir zu schaffen. Können wir bitte reingehen?“
Erschöpft kam die andere der Bitte nach. Sie ließ die Dienerschaft alles nach drinnen bringen. Schaute besorgt nach Julia.
Julia, die mich nach all den Jahren nie vergessen hatte.
