
Es dauerte mehrere Tage, ehe Linda unbeaufsichtigt war. Erst hatte ihre Mutter sie pausenlos in Beschlag genommen. Dann war sie mit CiLu und Generälin VaVi’s Schülerinnen ständig oben gewesen, um ihre Windmanipulationen zu verbessern. Auch hatte sie wieder in den Benimmunterricht gemusst, der für die Kinder des Stützpunktes verpflichtend war. Nur hatte sie eine andere Mentorin bekommen, da sie laut den Generälen nun öfter mit der Floris zu tun hätte.
Sie sollte sich nicht im Tonfall vergreifen. Niemals.
Still schlich sie sich an ihrer schlafenden Mutter vorbei. Eigentlich sollte sie sich ausruhen. Wie jeden Nachmittag zu dieser Zeit.
Nur hatte sie andere Pläne.
Und wenn es nicht klappt? Wenn-
Zarina!, wies sie ihre andere Seele zurecht.
Ich meine ja nur. Was, wenn der Auxilius uns nicht durchlässt?
Der von der Floris? Der ist lieber als er aussieht. Wir machen es einfach so, wie geübt, ja?
Es musste klappen!
Still öffnete sie die Kommode neben der Tür und zog einen Zettel hervor. Sie hatte ihn bemalt, nachdem sie gehört hatte, wie CiLu ihrer Mutter von der Floris berichtet hatte. Und von dem Buch, das diese gemalt und beschrieben haben sollte. Um Erinnerungen darin zu sammeln. Die Hutan taten es wohl öfter. Deren Kinder beschränkten sich zwar meist auf Bilder, die sie verschenkten. Ältere nahmen sich jedoch auch Leinwände und größere Projekte vor.
Damit fiele es leichter, irgendein Eis zu brechen und sich anfreunden. Die Hutankinder aus der Schule taten es wohl häufiger.
Und Linda hatte vor, es sich daran ein Beispiel zu nehmen.
Wir können immer noch umdrehen und-
Zarina! Es. Reicht!, damit drängte sie ihre andere Seele fort.
Es hatte eh keine Funken gegeben. Also musste sie insgeheim Lindas Meinung sein, oder? Zarina musste wissen, dass es klappte!
Es sei denn, Linda zweifelte insgeheim doch …
Ehe sie es sich anders überlegen konnte, trat sie auf den dunklen Flur und schloss die Tür hinter ihr. Sie ertastete die Erde mit ihren Füßen. Spürte, wie der große Auxilius sie beobachtete. Oliver Pascal, oder? Ja. Das war der Auxilius der Floris. Der Riese. Der Stille. Der Unscheinbare.
Sie atmete tief durch, ehe sie an ihn herantrat.
„Entschuldigung? Ich habe etwas für unsere Gäste gemalt. Darf ich es ihnen bringen?“, fragte sie.
Ihre Stimme fühlte sich schief an. Stockend. Beinahe quietschend! Hatte sie nun doch Angst? War das ein Fehler? Sollte sie lieber zu ihrer Mama flüchten und-
Nein! Sie wollte das weiche Fell anfassen! Das Fell von diesem Fuchsdesson!
Damit streckte Linda ihren Rücken durch und präsentierte das Papier in tiefster Dunkelheit. Wenn der Macian das Bild sehen wollen würde, würde er sich schon sein eigenes Licht anmachen. Wenn nicht, würde er sie gewiss eh abweisen.
Und dann würde sie nach Trish fragen.
„Wieso kommst du nicht zur Sprechzeit?“, erkundigte er sich gelassen.
„Welche Sprechzeit?“, sie ließ das Papier sinken, „Mama hat keine erwähnt.“
Der Auxilius seufzte. Er schien sie zu mustern. Sie spürte, wie sich die Erde unter ihr anders anfühlte. Als würde sich etwas durch sie schlängeln. Es musste seine Magie sein! Seine Magie, die sie aushorchte, ehe er eine Entscheidung fällen würde.
„Die Floris schläft … Ich würde sie ungern hiermit behelligen. Aber ohne deine Mutter könnte es gefährlich für dich sein“, riet er ihr, „Ein einziger Funken unbeabsichtigte Magie könnten die Hushen bereits als Angriff verstehen.“
„Könnten“, wiederholte sie, „Also denkst du, dass sie nicht angreifen wollen?“, fragte Linda und spürte, wie Zarina zurückkehrte und ihr sanft zustimmte.
„Ich weiß nicht, was sie wollen. Meine Aufgabe ist es, den Willen der Floris zu vertreten“, erklärte er.
„Und die Floris wollte, dass ich eine Hushen kennenlerne. Warum nicht ein paar mehr? Wenn du dich um mich sorgst, so komme doch mit“, schlug sie vor.
Ein gutmütiges Lachen entfloh ihm. Die Lampen um sie herum leuchteten dumpf auf. Der Auxilius hatte ihr Feuer entfacht. Er wartete, bis sie sich die Augen gerieben hatte. Bis sie sich an das schummrige Licht gewöhnt hatte, ehe er sie zu der Tür der Diplomaten führte.
„Ich werde hier an der Tür auf dich warten. Mehr kann ich dir nicht zugestehen.“
Linda nickte dankbar. Dann wandte sie sich dem Holz zu. Sie atmete tief durch. Klopfte.
Stille.
Unschlüssig schaute sie zum Auxilius zurück. Ob sie nochmal klopfen sollte? War sie zu leise gewesen? Oder klopften Hushen nicht? War das eher ein Hutanding? Wie sollte sie sich sonst bemerkbar machen? Wie sollte sie-
Ehe ihre Gedanken weiterrasen konnten, ging die Pforte auf. Ein Desson stand vor ihr. Das Schwanenwesen. Es musterte erst den Auxilius. Dann sie. Zuletzt wieder den Auxilius.
„Hallo. Ich … Also ich wollte hallo sagen. Ich wohne gegenüber“, grüßte sie stockend und wischte sich eilig die verschwitzten Hände ab, um nicht ihr Bild zu beschädigen, „Linda Zarina. Also. Das bin ich. Hallo?“
Der Desson legte den Kopf schief und trabte tiefer ins Zimmer. Er setzte sich neben einen kleinen Tisch. Direkt vor die Hushen, die sie stirnrunzelnd musterte. Doch konnte sich Linda kaum darauf konzentrieren. Es war ihr viel zu hell erleuchtet! Hatte der Auxilius ihr deswegen das Licht auf dem Flur angemacht? Damit sie nicht komplett geblendet werden würde?
„Ein Kind?“, fragte nun der Hushen, der plötzlich seitlich von ihr auftauchte.
Er blieb noch mehrere Schritte entfernt. Eine angenehme Entfernung. Aber Linda war sich sicher, dass er zuvor nicht dort gewesen war. Dass er erschienen war, als sie sich auf die Frau konzentriert hatte.
„Die Floris hat sie mit als ihre Schülerin deklariert. Und nun wollte das Kind Euch treffen“, erklärte OPa für sie.
Er klang angespannt. Angespannt, aber nah. Als würde er ihr damit eine innere Sicherheit schenken wollen. Eine Sicherheit, der Linda im Stillen dankte. Vor allem nun, da sie der Hushen genauer zu mustern schien.
Und nun bemerkte sie auch, dass das Fuchswesen um seine Beine schlich. Es musste sein Vertrauter sein, oder?
„Ja. Also … Das ist für euch“, sie hielt ihnen den Zettel hin und trat näher, „Er … Also, er sieht so flauschig aus. Wie Yuki … Ich dachte …“
Der stechende Blick der Hushen ließ ihren Entschluss wanken. Vor allem die Frau wirkte angewidert! Warum? Hatte sie sich falsch verhalten? War das hier ein Fehler? Sollte sie das Papier lieber fallen lassen und fliehen? Ja, oder? Warum sonst sah der Mann sie so grummelig aus? Er wirkte fast schon böse! Und die Frau war auch nicht freundlicher. Fast wie die Monster, als die ihre Mutter sie die Hushen immer bezeichnet hatte und-
„Soll das Kitsune sein?“, fragte der Mann sachte, als er den Zettel musterte.
„Der Desson … Also ich habe versucht, ihn zu malen. Ich hatte euch leider nur kurz gesehen. Deswegen-“, sie schloss die Augen.
Wieso lief das nicht so, wie gedacht?! Sie hatte sich alles vorgestellt! Dass die Leute nicht so gruselig wären. Dass sie herzlicher wären. Dass sie lachen und scherzen würden. Dass sie menschlich wären!
Wie Trish …
„PE“, der warnende Tonfall des Auxilius ließ sie ihre Augen wieder öffnen. Nur das diesmal der Fuchsdesson direkt vor ihr stand. Er starrte auf das Bild. Schnupperte. Öffnete dabei leicht den Mund und-
Der Auxilius sorgt sich deswegen um uns!, erkannte Zarina.
„Schon gut!“, behauptete Linda eilig, „Es ist ja für sie. Also, wenn du es haben möchtest, nimm es ruhig. Dafür ist es ja da.“
Pure Erleichterung durchflutete sie, als das Wesen es sachte zwischen seine Zähne nahm. Es presste seine Schnute sanft gegen ihre Hände. Ließ diese über das Fell an der Nase streichen. Fell, das sie sofort an Yukis erinnerte!
Ehe sie etwas sagen konnte, wandte sich der Desson ab und lief zu seinem Hushen zurück, um das Geschenk zu präsentieren. Linda rieb ihre Augen. Bildete sie es sich nur ein oder hüpfte sein Schwanz dabei?
Hatte sie ihn glücklich gemacht?
„Es sieht gut aus“, bemerkte der Hushen, als er das Gemalte musterte.
„Danke! Oh, ich wollte nicht so laut-“, sie wippte auf ihren Füßen auf und ab und knetete ihre Hände durch, ehe sie näher auf ihn zutrat, „Es freut mich“, erklärte sie nochmal ruhiger.
„Du scheinst mir ein Energiebündel zu sein“, merkte der Hushen an.
„Ich bin …“, sie biss sich auf die Lippen, „Eher neugierig?“
„In Ordnung. Dann eben eher neugierig“, stimmte er ihr lächelnd zu.
„Und du bist nur dafür gekommen?“, mischte sich die andere Hushen ein.
„Ehm. Ja. Also“, Linda biss sich auf die Zunge.
„Sie hatte einen schlechten Tag. Wenn es dir nichts ausmacht?“, erwiderte der Mann und wies zur Tür.
Sie nickte und wandte sich ab. Jedoch nicht, ohne nochmal einen Blick auf den Desson zu werfen. Auf dieses Fuchswesen, das sie grinsend musterte.
„Ich darf doch bestimmt noch mehr Bilder vorbeibringen“, bemerkte sie, als würde sie laut denken. Genauso, wie es im Benimmunterricht gelehrt wurde.
„Wenn es wieder solche Kunstwerke sind, bitte ich darum“, entgegnete der Hushen zum Abschied.
