B: Chem Waks erster Hinweis

Chem Wak starrte auf die Nachricht von Mr. Brume. Es kam ihm verkehrt vor, dass er Liliths Nachforschungen nicht erahnt hatte. Oder beeinflussten sie die Zukunft nicht? Wäre es egal, ob sie diesen Teil der Wahrheit erfuhr? Es war immerhin nur ein winziges Fragment. Kaum der Rede wert.

Oder vielleicht doch?

Erneut las er die zwei Zeilen auf seinem Handy. Zwei Zeilen aus dem einzigen Chatgespräch, das er je geführt hatte. Alles andere ließ er lieber über seinen Fahrer abwickeln. Oder per Telefonat. Das war direkter. Und er musste sich nicht um mögliche Rechtschreibfehler sorgen.

Ich bin mit Liane auf dem Weg zu Lucas Bach. Sie glaubt, den Mann zu kennen. Ich passe auf sie auf.

Dass er auf sie aufpasste, bezweifelte Chem Wak nicht. Dass sie diesen Lucas Bach erkennen würde, war auch nicht ausgeschlossen. Doch darüber hinaus?

Er ging an den Aktenschrank, den er in einer Nische im Flur verbarg und bedachte die Papiersammlungen darin. Unterlagen und Recherchen, die er wie besessen gesammelt hatte, ehe er Lilith gefunden hatte. Damals hatte er noch nach ihrem alten Geburtsnamen gesucht. So war auch er auf Lucas Bach gestoßen. Von diesem hatte er erstmalig von den Verbrechen der Bacheltern erfahren. Wie sie Lilith auf den Dachboden verbannt hatten. Wie sie sie dort verhungern lassen wollten. Wie aber die Haushälterin immer wieder Brot nach oben geschmuggelt hatte. Wie Lilith dann verschwunden war …

Zuerst hatten David und Abigail Bach die Existenz ihrer einzigen Tochter überspielen wollen. Sie hatten ihre Abwesenheit als Wegrennen betiteln wollen. Nur hatte diese Haushälterin die Polizei informiert.

Und deswegen hatten sie die arme Martha als Sündenbock dargestellt. Sie hatten die Polizisten bestochen. Hatten sich selbst als liebevolle Eltern ausgegeben, deren einzige Tochter ermordet worden wäre. Dann hatten sie Gerechtigkeit gefordert. Gerechtigkeit an der einzigen Person, die Lilith etwas hätte antun können.

Deswegen war die gute Frau hingerichtet worden.

Lucas hatte die Wahrheit erst erfahren, als sein Vater im Krieg verstorben war und er alles für dessen Beerdigung vorbereiten musste. Als er seine Mutter damit konfrontierte, hatte sie es nicht einmal abgestritten. Sie hatte Lilith sogar verflucht, da sie nur wegen dieser Tochter ein so enormes Bestechungsgeld an die Polizisten zahlen mussten. Dieses Kind sollte sich freuen, wo auch immer es wäre!

Danach hatte Lucas seine einzige Tochter nach seiner verschollenen Schwester benannt. Er hatte geweint, als er Chem Wak die Wahrheit offenbart hatte. Eine Wahrheit, die er nur von sich gegeben hatte, weil Chem Wak beweisen konnte, dass Lilith nicht verstorben war. Dass sie über mehrere Jahrzehnte in Sicherheit gewesen wäre. Dass er sie jedoch nun suche, weil sie getrennt worden wären. Dass er ihren Bruder daher darum bäte, die Augen nach ihr offenzuhalten.

Chem Wak seufzte, als er die Aufzeichnungen durchblätterte. Er hatte die Gespräche damals akribisch protokolliert. In der Hoffnung, dass sich darin eine Antwort versteckte. Ein Ort, den die alte Lilith besonders gern aufgesucht hatte. Einen Hinweis, wo er sie am ehesten finden konnte.

Stattdessen hatte er nur Hass ansammeln können. Hass für Liliths Eltern, die sie als Kind der Hölle bezeichneten. Hass für Liliths Eltern, die sie daheim stets auf dem Dachboden einsperrten. Hass für Liliths Eltern, die sie sonst einzig rausließen, um sie in die Kirche zu zwingen. Nur um Sünden zu gestehen, die das Kind nicht einmal begangen hatte. Die es nicht einmal begehen konnte. Um sie Demut zu lehren!

Wie konnte sich so etwas nur Mutter oder Vater schimpfen?!

Und wie konnten sie diese Martha, die einzige Person, die je für Lilith da war, zum Tode verurteilen lassen?

Er zog ein Foto der alten Haushälterin raus. Es war zerknickt. Vergilbt. Dieser Lucas hatte es in der dreckigsten Truhe bei sich daheim gefunden.

Genauso wie die Bilder von Lilith.

Nachdem Chem Wak die Bilder und Papiere geordnet hatte, griff er nach seinem Telefon. Er wählte die Nummer vom Pflegeheim. Fragte nach Mr. Bach. Gab sich als Freund der Familie aus. Wartete.

Obwohl er mittlerweile an das Warten gewöhnt sein musste, reizte es ihn. Es reizte ihn, die Stimmen der Pflegekräfte zu hören. Ihr Lachen und Quatschen. Sie sollten ihn endlich verbinden! Nicht trödeln und-

„Wie, sagten Sie, ist Ihr Name?“, fragte eine schrille Stimme erneut.

„Enoch“, gab er an, „Lucas ist ein alter Freund.“

„Hm“, etwas surrte, „Moment. Ach, hier. Ich verbinde Sie.“

Damit klingelte es wieder. Super. Wenn sie das Telefon eh nicht weitergab, warum konnte er nicht direkt bei Liliths Bruder anrufen? Dabei galt das Pflegeheim als eines für die wohlhabendsten von Centy. Ein Platz war diesem Lucas nur dank der illegalen Geschäfte seiner Eltern vergönnt und-

Moment. Konnte er beim letzten Mal nicht direkt mit dem Mann sprechen? Ja, oder? Was hatte sich seither verändert? War er senil geworden? Nein. Dafür klang er zuletzt zu fit. Dann … Hatte seine Tochter diese Vorkehrung veranlasst?

„Ja?“, krächzte eine Stimme am anderen Ende.

Die Stimme war unverkennbar! Das jahrelange Rauchen hatte Lucas‘ Stimme in ein raues Etwas verwandelt. Aber eines, das Chem Wak dank ihrer vielen Gespräche nur zu vertraut war.

„Ich bin es. Enoch. Können wir sprechen?“

„Ha“, er klang zu trocken, „Bedingt. Mein Kopf ist wacher, als es aussieht. Auch wenn viele gerne anderer Meinung wären.“

„Und das bereitet dir Probleme?“, riet Chem Wak.

„Es isoliert“, gestand der Mann, „Dass ich auf meiner alten Tage so vorsichtig vor meinem eigenen Blut sein muss, ist lachhaft. Das war nicht so, als Amelie noch lebte und wir …“

Ehe er sich in den Gedanken an seine tote Ehefrau verlieren konnte, räusperte sich Chem Wak. Vielleicht war es ganz gut, dass er anrief. Und vielleicht konnte es ihm endlich helfen, dass Lilith wirklich mal ein normales Leben leben konnte.

Ohne von den Regeln des Schlüssels erdrückt zu werden.

„Ich habe sie gefunden“, erklärte er mit fester Stimme.

„Enoch. Diese Leitung-“

„Kann ich mir denken. Daher mache ich es knapp“, unterbrach er die Befürchtungen des anderen, „Du bist nicht mehr der Jüngste. Von daher wird dir maximal Zeit für ein Treffen bleiben. Und … Ich muss dich um etwas bitten, Freund“, er betonte das letzte Wort besonders.

Denn eigentlich hatten sie sich nie als Freunde gesehen. Als Bekannte, ja. Bekannte, die eine gemeinsame Schnittmenge besaßen. Lucas hatte sich gewünscht, Lilith zu treffen und sie um Verzeihung zu bitten. Chem Wak hatte sich gewünscht, Lilith zu finden und sich nicht entdecken zu lassen.

So ähnlich sie sich doch waren, so verschieden blieben ihre Ziele.

„Was willst du?“, die Stimme kam so leise aus dem Gerät, dass Chem Wak sie kaum vernahm.

Er schlug die Papiere vor sich zu. Blendete die vergilbten Gesichter aus. Dachte stattdessen an all jene Wesen, die er zurücklassen musste. Wahre Freunde und Familien, die er eigentlich schon längst wiedersehen wollte. Die er noch nicht wiedersehen konnte, weil er hier feststeckte. Weil er nicht wusste, wie sie den Rückweg antreten konnten. Weil sie noch nicht durften …

Aber er wusste, dass er hier sein musste. Dass er den Schlüssel beschützen musste. Dass sie eines Tages zurückkehren würden. Dass er nur darauf warten musste, dass Lilith den Weg freigab. Genauso, wie sie es das erste Mal geschafft hatte, als sie auf dem Dachboden ihres Elternhauses verschwunden war!

„Erinnerungen verzerren sich mit der Zeit. Und ich fühle mich als Schatten wohler“, offenbarte er sachte.

„Hm“, Lucas hustete, „Meinetwegen.“

Damit war das Gespräch beendet. Chem Wak starrte auf das Telefon. Er legte es wie in Trance zur Seite. Schaute auf ein Foto von Lucas, das den Ordner zierte. Auf diese runzeligen Züge, die sich nie auf Liliths Gesicht gebildet hatten.

„Lass die Vergangenheit doch ruhen, Lilith“, bat er leise.

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