M: Michaels Kette

Zischend lehnte Michael sich gegen die Mauer. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Er war so kurz davor gewesen, endlich Antworten zu bekommen! Und dann hatte er nur einen Moment nicht aufgepasst …

Er schloss die Augen und lauschte in sich hinein. Spürte, wie das Blut durch seine Ohren pochte. Obwohl er seinen rechten Arm noch bewegen konnte, so fielen die Bewegungen langsamer aus. Stockender. Schmerzhafter.

Michael presste die linke Hand auf seinen provisorischen Verband. Er hatte sein Shirt zerrissen und umständlich um seinen Oberkörper gebunden. Unter dem Mantel würde man es eh nicht sehen. Und solange der Durchschuss keine zu große Blutspur hinterließ, würde es hoffentlich niemanden auffallen.

Dabei hatte sich bereits eine kleine Pfütze dort gebildet, wo er sich so verrenkt verbunden hatte …

Genervt lehnte er den Kopf gegen die Mauer und blickte auf die kleinen Gärten. In den Häusern darauf war es noch still. Er konnte keine Bewegungen hinter den Fenstern ausmachen. Gewiss lebten die Leute hier friedlicher als in Merichaven. Ob sie sich den Horror der Großstadt gar ausmalen konnten? Ob sie ahnten, wie viel Leid und Elend dort als Alltag galt? Ob sie-

„Konzentriere dich“, murmelte Michael, als seine Gedanken abdrifteten.

Er durfte kein Trübsal blasen. Er musste Lucifer helfen. Seinem Bruder! Dafür hatte er sich Monas Unterstützung besorgt. Und diese hatte sogar zu einem relativ geringen Preis eingewilligt: Er solle ihren Jory mit befreien und ihr eine handschriftliche Liste der Todesopfer vom Feuer 1999 erstellen. Letzteres hatte er direkt vor Ort gemacht.

Denn an das Feuer, das ihm seine Kindheit geraubt hatte, wollte er danach nicht mehr erinnert werden. Deswegen hatte er ja auch seinen und Lucifers richtigen Namen unter den Opfern gelistet …

Im Gegenzug hatte sie ihn aus der Stadt geschmuggelt. Sie hatte ihm gesagt, wo er jene Polizisten finden würde, die meist die Transporte zum Wylston absicherten. Sie hatte ihn hierher geführt. Nach Raptioville. In eine Kleinstadt, in der er die Polizisten erst abfing und befragte, ehe alles schief gelaufen war.

Michael wusste nicht mal, warum der eine so ausgeflippt war! Er hatte vor den angeketteten Polizisten gesessen. Hatte sie zum Gefängnis, zu den Sicherheitsvorkehrungen befragt. Hatte gemeckert, dass Niklas das doch wissen sollte, dass er es Michael hätte sagen können und plötzlich war ihm der Brillenträger durchgedreht! Er hatte sich beide Daumen gebrochen. Hatte sich aus den Ketten befreit. Hatte sich wie ein Tier auf Michael gestürzt. Hatte ihm die Waffe abgenommen. Hatte erst seinen eigenen Kollegen erschossen. Hatte dann auf Michael gezielt-

Wäre es anders herum gewesen, wäre Michael wahrscheinlich gestorben.

Er hatte den Verrückten ins Land der Träume geschickt. Für einen Moment hatte er über diesen gestanden. Hatte überlegt, ob er diesen erschießen sollte. Doch brachte er es nicht über sich. Lieber hatte er den Mann mit dessen toten Kollegen im Haus eingesperrt und war nach draußen geflohen.

Seither beobachtete er das Grundstück.

Nachdenklich tastete Michael nach seiner Kette. Jene, die er von seiner Mutter geschenkt bekommen hatte. Es war sein Ritual. Eines, das ihm stets den Kopf klärte. Das ihm beim Nachdenken half. Das ihn an das Feuerzeug erinnerte …

Hastig riss er die linke Hand runter und tastete seine Taschen ab. Dort! Das alte Feuerzeug hatte sich in einer Falte versteckt. Mit verschwitzten Händen versuchte er es zu öffnen. Mona hatte es ihm mitgegeben. Sie meinte, es wäre das Codewort für eines ihrer Kinder. Er sollte sich nur an die Adresse darin halten. Dort würde er sich als Zigarettenverkäufer ausgeben. Wenn er Hilfe bräuchte, würde er sie von ihm bekommen.

Aber würde dieser ihm wirklich helfen? Immerhin war Mona ja mit Niklas verfeindet …

Nachdenklich versuchte er das Feuerzeug zu öffnen, nur rutschte er dabei immer wieder ab. Der Deckel sprang auf. Allerdings nicht das Gehäuse, in dem die Informationen verborgen lagen. Mürrisch stand Michael auf und lief ein paar Schritte an der Mauer entlang. Es schmerzte. Aber der Schmerz war gut. Er lenkte ihn von seiner Frustration ab. Von seiner-

Schritte.

Abrupt verharrte er. Die Geräusche kamen von der anderen Seite der Mauer. Dann knirschte es leise. Als würde-

Ein Mädchen tauchte auf der Mauer auf. Sie blickte ihn nicht direkt an, doch wusste Michael, dass er ihr auffallen würde. Er stand zu offen. Passte nicht in diese Kleinstadt. Er musste etwas tun. Er musste sich als normal ausgeben! Damit sie ihn nicht für gefährlich hielt. Damit sie ihn nicht der Polizei meldete. Damit diese nicht die eingesperrten Cops zu schnell fanden …

„Fall nicht“, grüßte er unverbindlich.

Sie zuckte zusammen. Taumelte. Stürzte. Fiel schräg vor ihm herunter.

Michael fing sie reflexartig auf. Er konnte nicht anders. Seine Schuldgefühle trieben ihn an. Er ignorierte seine schmerzende Wunde. Ebenso die Feuchtigkeit, die seinen Bauch entlanglief. Er schluckte die Pein herunter. Durfte nicht zu auffällig sein. Nicht wieder nach seiner Kette greifen. Nicht den Blick auf seinen provisorischen Verband preisgeben!

„Da-anke“, ihre Stimme war leise. Stotternd. Und so wie sie sich umsah – hatte er sie bei etwas erwischt? Oder hatte sie bemerkt, dass er kein ehrlicher Bürger war? Würde er noch fliehen können, wenn man ihn fand?

Er musste sich normal geben, verdammt!

„Alles in Ordnung?“

Endlich schien sie sich wieder zu fangen. Sie blinzelte. Zog ihre Unterlippe ein. Kaute darauf rum. Sah dann, dass er sie noch immer stützte.

„Danke!“, hastig sprang sie zurück und wirkte dabei wie ein aufgescheuchtes Reh mit viel zu rosigen Wangen.

„Kein Grund, rot zu werden“, lachte Michael leise und hob das Feuerzeug auf. Es musste ihm runtergefallen sein, als er ihr geholfen hatte. Er hatte kaum gespürt, wie es ihm entglitten war. Ob das ein schlechtes Omen war?

„Was?“, obwohl sie empört wirkte, klang keine Beleidigung in ihrer Stimme mit. Es war ein herzlicher Unterschied zu den Leuten aus Merichaven, die sich bei jedem zweiten Wort angegriffen fühlten.

„Schon gut“, Michael konnte sein Lachen nicht weiter zurückhalten. Er wollte es auch gar nicht. So konnte er sehen, wie sie reagierte. Wie sie sich ängstlich nach den umliegenden Häusern umsah, während er, ein gesuchter Verbrecher, wahrscheinlich von keinem weiter beachtet werden würde, solange er sich offen und freundlich gab.

Die seltensten Menschen verdächtigten die sympathischen.

Ihre umherhuschenden Augen lösten erneut Schuldgefühle in ihm aus. Dabei hatte er nur sehen wollen, ob sie hierher gehörte. Ob sie ruhig bliebe. Ob sie ihn des Einbruchs verdächtigte. Ob ihr Über-die-Mauer-Klettern gerechtfertigt war …

Als ob er letzteres beurteilen könnte!

„Du darfst auch nicht hier sein, was?“, fragte er ruhiger und rutschte mit den Fingern wieder über die Lücke des Feuerzeuges, die er doch öffnen wollte. Verdammt! Er glitt immer an dem Teil ab! Ob er das Mädchen um Hilfe bitten könnte? Aber würde das nicht als zu komisch erscheinen? Schon jetzt hatte sie mehrfach auf seine linke Hand geschielt. Hatte ihn zu intensiv gemustert …

Viel zu langsam nickte sie.

„Dann wären wir wohl zu zweit“, gab er still zu und erlaubte sich ein Lächeln. Er musste die Situation irgendwie retten. Das hier war eine Kleinstadt, verdammt! Wenn das Mädchen irgendwem von ihm erzählte, würde es jeder innerhalb von einer Stunde wissen, oder? Man konnte nicht in der Menge untertauchen!

Man konnte nicht in der Menge untertauchen … Ja! Er genauso wenig wie sein Kontakt. Also konnte dieser sich nicht an die Hauptstraße stellen, um ein paar Zigaretten zu verkaufen! Und selbst wenn das Mädchen ihn in die falsche Richtung lenkte – solange er seinen wackligen Zustand auf einen kleinen Nikotinentzug schieben konnte, würde sie seine Eigenarten schon nicht weiter hinterfragen, oder?

„Wie wär’s? Ich verrate dich nicht und du sagst mir, wo ich den nächsten Zigarettenverkäufer finde, okay?“, schlug Michael vor.

Für einen Augenblick schien sie ihn genauer zu mustern. Ihr Blick glitt über sein Gesicht. Über seinen Mantel. Über die rechte Hand, die er vergessen auf die Wunde gepresst hatte.

Michael zwang sich, sich entspannter zu geben. Sich zu lockern. Lieber nur stumm zu beten, dass das Blut nicht zu schnell auf den Rasen tropfte. Dass es-

„Oi! Ich möchte nur eine rauchen. Selbst wenn du also die komplette Nachbarschaft ausgeraubt hättest, würde es mich nicht kümmern“, behauptete er eilig.

Endlich schien sie ihren Argwohn abzulegen. Sie blinzelte. Deutete zur Mauer: „Entweder Sie klettern über die Mauer und gehen am Ende der Gasse links oder Sie folgen der Mauer auf dieser Seite für etwa 700 Meter. Dann können Sie über die Hauptstraße zurück laufen.“

Michael nickte. Letzteres wäre keine Option. Und wenn er mit ersterem zu lange wartete, könnte dem Mädchen das Blut auffallen. Dann blieb ihm wohl nichts anderes übrig.

„Thanks, lil‘ angel“, murmelte er und kämpfte sich zügig die Mauer hoch. Ehe er sich auf der anderen Seite herab ließ, lächelte er sie nochmal kurz an. Es war ein eiliges Lächeln, da seine rechte Hand fast den Halt verlor.

Doch musste er sich normal geben!

Für einen Moment lehnte er sich von der anderen Seite gegen die Mauer. Michael atmete durch. Er musste weiter. Zu diesem Zigarettenverkäufer, der hoffentlich sein Kontakt war.

Wenn nicht, hätte er ein weiteres Problem.

„Oi, verloof’n oda wat?“, grüßte ihn ein blonder Kerl, der eine Straße weiter neben einer Stange Zigaretten kniete.

„Deins?“, presste Michael hervor, während er das Feuerzeug präsentierte.

Die Augen des Mannes weiteten sich kurz. Dann musterte er Michael genauer. Er hob eine Augenbraue. Nickte etwas die Gasse entlang, während er die Zigaretten mitnahm.

„Was brauchst du?“, fragte er leise.

Michael öffnete seinen Mantel ein Stück, um den Fremden auf das vollgeblutete Shirt sehen zu lassen. Doch überkam ihm dabei ein übles Gefühl. Es war nicht die Wunde. Nicht der Kontakt. Da … Fehlte da etwas?

Mit geübten Fingern tastete er seinen Hals ab, während der Blonde von einer Ärztin sprach, zu der er ihn bringen wollte.

„Noch nicht“, Michael schüttelte den Kopf, „Hast du ein paar Schmerzmittel? Ich muss noch kurz was holen.“

„Bist du wahnsinnig? Du-“

„Ich. Muss. Etwas. Holen“, wiederholte Michael bestimmt, „Jetzt.“

Der Mann runzelte die Stirn. Nickte jedoch. Dann gab er ihm eine kleine Pillendose und eine Münze, die sich wie Gummi anfühlte: „Eh du zusammenbrichst: Drück rauf. Ich hol dich dann ab, ja? Kann aber ein paar Minuten dauern und klappt außerhalb der Stadt nicht.“

Michael nickte stumm.

Er würde den Sensor erst anrühren, wenn er seine Kette wiederhatte.

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