
Die Madam entpuppte sich als Elisabeth. Sie war das älteste Kind und die Lieblingstochter eines Fürsten hinter der Meerenge. Und sie war es auch gewesen, die Sir Stark angewiesen hatte, nicht ohne Timmys Schwester aus den Wäldern zurückzukehren.
Nicht ohne Julie.
Denn sie wäre kein Teil des Dorfes. Sie müsse vom Befehl ihres Vaters verschont werden. Und sie müsse die Madam nach Hause begleiten, damit sich der Fürst selbst von der Wahrheit überzeugen könne.
All das erfuhr Julie jedoch erst, als sie Elisabeth traf. Dabei behauptete diese, dass Timmy von den Piraten erwischt worden wäre. Dass er gestorben war, um ihr das Leben zu retten. Dass sie deswegen von nun an auf Julie Acht geben wolle. Dass deswegen ihr Arzt auch für Julies Verletzung mit verantwortlich wäre und sie sofort zu behandeln habe!
Und Julie? Julie glaubte ihr, nachdem sie Timmys kalten Körper gesehen hatte, der extra für sie aufgebahrt worden war.
Ich beobachtete, wie sie Elisabeth dankte. Ich beobachtete, wie sie sich in die Arme dieser Madam flüchtete. Wie sie zustimmte, dieses lügende Fürstenbalg zu begleiten!
Dabei hatte doch dieser Sir Stark Timmy ermordet. Nur weil er sich mit im Dorf befand. Nur weil er diesem Miststück geholfen hatte!
Schaudernd zwang ich meinen Zorn fort. Ich durfte nicht auffallen. Ich musste bei Verstand bleiben. Ich musste bei Julie bleiben!
Das ging nicht, wenn ich mich von meinen Gefühlen treiben ließ …
„Und wohin fahren wir?“, fragte Julie, als sie ein riesiges Schiff bestiegen, auf dem alle diese Elisabeth wie ihre Prinzessin behandelten.
„Nach Frankreich. Meine Schwester wird vor Sorge fast umgekommen sein. Wir waren zusammen, als die Piraten uns in einem Hafen südlich von hier überfallen hatten. Ich habe ihr zur Flucht verhelfen können. Aber dadurch hatten sie mich leichter gefangen nehmen können“, erzählte diese Elisabeth.
Ich hörte ihr kaum zu. Für mich klang jedes ihrer Worte wie eine Lüge. Wie sonst konnte es sein, dass sie nicht einmal schief geblinzelt hatte, als sie von Timmys falschem Ableben berichtete?!
„Eure Schwester muss sich große Sorgen um Euch gemacht haben“, bemerkte Julie mit großen Augen.
Große graue Augen, die ich vor diesem verlogenen Balg beschützen musste!
„Ich glaube. Maria bekommt es schnell mit der Angst zu tun. Vielleicht kannst du ihr ja helfen?“, überlegte das Fürstenkind.
„Ich?“, rief Julie überrascht aus.
„Warum nicht? Du scheinst ein reines Herz zu haben. Ich spreche mit Vater, damit du bei uns leben kannst. Dein Bruder hatte gemeint, dass ihr niemanden mehr hättet. Bei uns bräuchtest du dir keine Sorgen zu machen. Nicht über deinen Schlafplatz. Nicht über dein Essen. Und erst recht nicht über deine Kleidung. Ich würde mir nur wünschen, dass du Maria eine liebe Freundin bist. Was denkst du?“
Statt zu antworten schaute Julie auf ihr verbundenes Bein. Auch wenn ich sie nicht mochte: Elisabeth war für den weißen Stoff daran verantwortlich. Genauso wie für die Speisen, die sie mit dem grauäugigen Mädchen geteilt hatte. Sie hatte befohlen, dass jeder Julie mit Anstand und Respekt zu behandeln hatte. Dass man sie wie Adel behandeln solle!
„Ich weiß nicht …“, murmelte Julie langsam, „Timmy und ich … Zuletzt hatten wir nur noch einander, ja. Aber Mama und Gretle, also, meine große Schwester … wir hatten gehofft, dass sie uns am Hafen wiederfinden. Wir hatten …Nein. Ich hatte das. Timmy nicht mehr“, flüsterte sie.
In mir verkrampfte sich etwas, als ich ihre Tränen sah.
„Mama hatte nach Gretle suchen wollen, um sie wieder nach Hause zu bringen. Aber dann war sie nicht zurückgekommen. Ich hatte mir so sehr gewünscht, dass sie wiederkäme. Die ganze Zeit! Ich war doch auch da. Ich und Timmy! Aber Mama hat nur an Gretle gedacht. Immer nur an Gretle …
War ich ihr denn nicht gut genug?“
Ich streckte mich nach ihr aus. Wollte sie in den Arm nehmen. Wollte dieses einsame Kind trösten!
Und stoppte.
Ich würde sie frösteln lassen. Ich konnte ihr keine Wärme schenken. Ich-
Ich war nur ein Geist.
„Oh, Julie!“, Elisabeth drückte das Mädchen an sich und dafür hasste ich sie von Herzen, „Ich glaube nicht, dass du nicht gut genug warst. Ich glaube … Wahrscheinlich hat sie gedacht, dass dir und Timmy nichts passieren würde. Weil ihr ja einander hattet und Zuhause wart, oder? Gretle war jedoch nicht bei euch. Sicherlich hatte das nichts-“
„Mama hat Gretle immer mehr geliebt als uns“, behauptete Julie schniefend, „Dabei wollte ich doch auch mal meine Mama für mich haben! Später dachte ich, dass es vielleicht schon in Ordnung wäre, wenn ich mich auf Großmutter Jane verließe. Nur ist sie dann gestorben. Dann war da Timothy. Und ich dachte, er bliebe. Aber dann ist er auch weg. Alle gehen immer nur weg!“
Wie erstarrt betrachtete ich sie. Dachte sie wirklich, dass ich sie im Stich gelassen hatte? Ich wusste doch auch nicht, warum sie mich nicht mehr sehen konnte! Ich wusste nicht-
„Ich bin mir sicher, dein Bruder wollte dich nicht verlassen“, murmelte Elisabeth leise.
Julie korrigierte sie nicht. Sie erklärte nicht, dass sie nicht von ihrem Bruder Timmy sprach. Dass ich Timothy war.
Dass ich ein Geist war.
Wie auch? Sicherlich hätte man Julie so für verrückt gehalten. Oder noch schlimmer: Für eine Hexe!
„Ich bin doch da“, hauchte ich gepeinigt in ihre Richtung, „Ich habe dich nie verlassen. Nie richtig.“
Meine Worte verhallten ungehört.
Also blieb mir nichts anderes übrig, als über sie zu wachen. Ich schwebte über ihr, wenn sie schlief. Neben ihr, wenn sie sich mit dieser Elisabeth unterhielt. Hinter ihr, wenn sie aß. Da ich weder Hunger noch Müdigkeit verspürte, konnte ich ihr jederzeit folgen. Ich lauschte, wie Sir Stark ihr Geschichten von seiner Heimat erzählte. Beobachtete, wie er sie mit seinem Hund spielen ließ. Begutachtete, wie die Leute sie behandelten, wie sie über sie sprachen.
Und zwei Tage später vernahm ich, wie sie Elisabeth zustimmte.
Ja, sie würde bei den Fürstentöchtern bleiben. Sie würde einen Neuanfang wagen. Sie würde Elisabeths Schwester gern kennenlernen. Jedoch habe sie keine Ahnung, ob sie gut genug wäre. Ob sie mit dem fremden Mädchen mithalten könne, da es gewiss schon viel hatte lernen müssen.
Und so begann Elisabeth mit ihrem persönlichen Unterricht:
Sie brachte Julie bei, flüssiger zu lesen und sauberer zu schreiben. Sie korrigierte ihre Haltung. Wie man sich setzte. Wie man aufstand. Benimmregeln, mit denen alle Fürstenkinder aufwuchsen. Dies würden Julies neue Normen werden. Verhaltensregeln, nach denen sie sich fortan zu richten hatte.
Ohne Ausnahme.
