B: Abgeschnitten

Drei Tage musste Liane bei den Brumes bleiben, obwohl nur eine Nacht angedacht war. Es waren drei ungeplante Tage, in denen sie Olivers Eltern besser kennenlernte. Drei warme Tage, die sie dem Unwetter zu verdanken hatte.

Der erste Regen war zum Abendessen vor der ersten Nacht gefallen. Es waren dicke Tropfen gewesen, die fordernd gegen die Fenster klopften. An sich war es nichts Ungewöhnliches. Centy erlebte immer wieder kräftige Regenschauer, die vor dem angrenzenden Gebirge niederprasselten. Gegen Mitternacht setzten jedoch auch heftige Winde und kurz darauf sogar noch Hagel ein.

In den frühen Morgenstunden hatte die Regierung eine Ausgehsperre verhängt.

Nur wenige Minuten später hatte Lianes Vater angerufen. Er wäre nun endlich daheim angekommen. Er meinte, dass draußen die Hölle los wäre. Dass sie auf keinen Fall raus solle, egal wie sehr sie heim wolle. Danach hatte er mit seinem Kollegen sprechen wollen.

Liane hatte das Telefon nur zu gerne weitergereicht. Es beruhigte sie zwar, dass ihr Vater diesmal ruhiger geblieben war – immerhin hatte sie ihre Übernachtung bei Oliver keineswegs mit ihm abgesprochen – doch konnte sie genau diese ruhige Stimme nicht einordnen. Sie machte sich Sorgen über sein Verhalten. Über ihre Zukunft. Über ihren viel zu übermütigen Vater!

Sobald Oliver bemerkte, was los war, zerstreute er ihre Gedanken. Er schlich sich mit ihr nach oben, um gemeinsam das Schauspiel im Himmel zu beobachten. Blitze und düstere Wolken tanzten dort. Es sah hypnotisch aus! Sie kuschelten sich unter eine Decke, während das Unwetter über ihnen tobte.

Zumindest bis Mrs. Brume reinsprang. Olivers Mutter war alles andere als begeistert, als sie die beiden neben den hochgefahrenen Rolläden erwischte. Sie bestand darauf, dass die Fenster abgedichtet bleiben sollten. Damit die großen Hagelkörner nicht das Glas zerbrechen würden. In den Bergen hatte es bereits mehrere Schlammlawinen gegeben. Einige Straßen waren geflutet. Das Martinshorn und die Musik des Himmels waren eine kontinuierliche Hintergrundmusik geworden.

Erst am dritten Tag hatten sich die Wolken soweit beruhigt, dass das Ausgehverbot aufgehoben wurde. Die Sonne kämpfte sich in den frühen Abendstunden durch den Himmel. Gerade noch rechtzeitig, ehe sie den Horizont küsste.

„Ich wünschte, sie würde wieder verschwinden“, murmelte Oliver, der gerade über seinen ausgedruckten Hausaufgaben in der Familienbibliothek saß.

„Hm?“, Liane sah von ihren eigenen Aufgaben auf. Die Lehrkräfte hatten ihnen alles per Mail geschickt und Olivers Mutter hatte eindringlich darauf bestanden, dass sie alles sorgfältig erledigten.

„Die Sonne“, entgegnete er und deutete auf seinen Laptop.

Er hatte eine Nachrichtenseite offen, die live den Sonnenuntergang übertrug. Darunter waren Untertitel eingeblendet, die er dank seiner Kopfhörer nicht zu brauchen schien.

„Irgendwann geht jedem Sturm die Puste aus“, bemerkte sie.

Trotzdem war sie derselben Meinung. Sie mochte es bei Oliver und dessen Eltern zu sein. Sie wollte nicht weg. Aber ihr Vater hatte bereits angekündigt, dass er sie abholen würde, sobald das Unwetter ihn nicht mehr behindern würde.

Liane hoffte nur, dass er die Nachrichten verschlief.

„Ja, aber … Ich mag es, wenn du da bist. Du bist so ausgeglichen. Und … Du hast genug mit dir rumzuschleppen. Du solltest damit nicht noch deinen Vater-“, er wedelte unschlüssig mit der Hand rum.

„Keine Sorge. Ich bin es gewohnt.“

„Das solltest du aber nicht.“

Seine Worte beruhigten sie. Dankbar lehnte sie sich gegen ihn und schloss die Augen. Er fühlte sich warm an. Vertraut. Wie Familie.

Mehr noch als ihr Vater.

Trotz Olivers Angebot, hatte sie sich nicht seiner Mutter geöffnet. Die Frau hatte genug Sorgen, Fenster und Keller alle paar Stunden auf Schäden zu kontrollieren. Sein Vater hatte die halbe Zeit am Telefon verbracht und sich sonst ums Kochen gekümmert. Er hatte ihnen mehrfach Snacks gebracht  und er schien der einzige zu sein, von dem sich Mrs. Brume auch mal hinsetzen ließ.

Sie waren eine so herzliche Familie.

„Ihr dürft die Rollos wieder hoch machen!“, rief Olivers Mutter aus, als sie in die Bibliothek polterte, „Auf, auf! Ehe das letzte Licht erlischt. Kommt schon!“

Damit öffnete auch Liane wieder ihre Augen und beobachtete, wie die Frau beinahe hektisch auf die Knöpfe neben den Fenstern trommelte.

„Bennett hat unten ein paar Snacks vorbereitet. Er muss gleich los. Sein Chef hat angerufen. Er wollte sich die Schäden ansehen. Oh, und du musst mein Telefon reparieren!“, sie reichte Oliver ihr Handy.

„Was ist damit?“, fragte er stirnrunzelnd.

„Keine Ahnung. Vor dem Unwetter war noch alles in Ordnung.“

Liane beobachtete, wie er auf ein paar Tasten rumdrückte. Gepeinigt seufzte ihr Freund.

„Wann hast du es zuletzt aufgeladen?“

„Ist das so wichtig?“

„Minimal, ja. Wann?“

„Ehm. Diese Woche?“

„Okay. Und wann?“

„Ich …“, sie kniff sich ins Nasenbein, „Keine Ahnung. Ich führe nicht Buch darüber, ja? Irgendwann vor dem Sturm?“

Liane musste sich das Lachen verkneifen, als Oliver den Kopf gegen die Tischplatte schlug. Er stieß einen kurzen Schrei aus, ehe er wieder auftauchte.

„Lade es einfach auf, PIN eingeben und dann klappt es“, erklärte er angespannt.

„Gut“, sie drehte sich um und war schon halb aus der Tür raus, als sie sich wieder Oliver zuwandte, „Und wie lautet die PIN?“

„Bitte. Erstmal aufladen, ja? Danach sehen wir weiter!“, rief er beinahe verzweifelt.

Liane wartete noch, bis seine Mutter die Tür geschlossen hatte. Dann konnte sie ihr Lachen nicht mehr halten. Ihr ganzer Brustkorb bebte!

„Ihr zwei, nein, ihr alle drei seid genial!“

„Hm. Wie man es nimmt“, murrte er nur.

„Komm schon. Mein Vater würde mich nie fragen, ob ich sein Handy repariere. Er würde sich eher meines ausleihen, um nachzusehen, worüber ich mit dir oder Shiloh schreibe. Er würde einen Computerkurs besuchen, um sicherzugehen, wem ich Mails schicke oder auf welchen Webseiten ich unterwegs bin. Dass deine Mutter dir so bereitwillig ihr Handy gibt-“, sie schüttelte sich, um die letzten Spuren des Lachanfalls zu verdrängen und wieder ernster zu klingen, „-es bedeutet, dass sie dir vertraut. Vollkommen. Genauso wie dein Vater, der uns nicht immerzu nachläuft oder darauf besteht, dass wir jede Tür offen lassen.“

„Findest du?“, fragte Oliver nachdenklich.

„Ja. Du und deine Eltern – ihr habt ein so offenes und klares Verhältnis miteinander. Das ist doch schön. Ich beneide euch darum“, gestand sie leise.

Stumm nahm er sie wieder in den Arm und klappte dabei den Laptop zu, ehe er über ihren Rücken strich. Es fühlte sich gut an. Herzlich.

„Du weißt noch, was Mom gesagt hat, oder? Du kannst sie gerne auch Mom nennen. Also, wenn du möchtest. Auch wenn es erstmal ein wenig schräg wäre.“

Liane spielte mit dem Gedanken. Sie hatte ihn die letzten Tage verdrängt und die Frau so allgemein, wie nur möglich angesprochen. Nur so konnte sie das Siezen und die Höflichkeiten vermeiden, die Olivers Mutter auf keinen Fall tolerierte. Die Frau gar mit ihrem Vornamen anzureden, hatte genug Überwindung gekostet. Sie nun auch noch Mom zu nennen?

„Eines nach dem anderen“, flüsterte sie und wollte gerade nochmal die Augen schließen, als sie etwas hörte.

Abrupt setzte sie sich auf. Sie spannte sich an. Lauschte.

Dann hörte sie die Türklingel erneut.

Ja. Diese Ungeduld konnte nur ihrem Vater gehören …

„Ich glaube, ich sollte zusammenpacken“, murmelte sie und sammelte die ausgedruckten Schulsachen zusammen.

„Ich hole deinen Rucksack, ja?“, bot Oliver an.

„Hm“, stimmte sie zu, obwohl sie sich alles andere als Wohl fühlte, ihn wieder packen zu müssen.

Aber wenn sie sich zu viel Zeit ließ, würde ihr Vater hochkommen wollen, um sie eigens abzuholen. Und dann würde er garantiert über jede Kleinigkeit schimpfen!

Im Nu hatte sie ihre Sachen verstaut und ging mit Oliver runter.

„Liane!“, rief ihr Vater aus, sobald er sie sah, „Da bist du ja!“

Obwohl er sie sonst fest umarmte, war die Geste diesmal nur oberflächlich. Kurz. Beinahe abweisend. Er musterte sie nicht einmal.

Nicht so wie sonst.

„Ehm, Janet? Ist es in Ordnung, wenn ich das Shirt die Tage zurückbringe?“, fragte sie Olivers Mutter und deutete auf das Oberteil, das sie trug.

„Welches Shirt? Ach! Das alte Ding! Das kannst du auch behalten, wenn du magst“, entgegnete sie enthusiastisch.

„Nein. Ich möchte I- dir nichts schulden“, erklärte Liane sicher.

„Wie du magst“, damit umarmte die Frau sie herzlicher als ihr eigener Vater zuvor, „Komm gut nach Hause und du kannst jederzeit vorbeikommen, ja?“

„Ja“, bestätigte sie eilig, ehe sie sich auch bei Olivers steifen Vater und zuletzt ihrem Freund verabschiedete.

„Egal, was ist, ich bin für dich da“, flüsterte ihr Freund, ehe sie ihrem Vater nach draußen folgte.

„Ich weiß“, eilig küsste sie seine Wange und rannte hinaus.

Ehe ihr Vater noch ahnen konnte, wie viel ihr Oliver bedeutete.

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