
„Hallo, mein Name ist Aura. Das ist die Kurzform von Aurora, weißt du?“, stellte sich der Vogel vor.
Das ängstliche Mädchen schüttelte den Kopf und schob sich gegen Miras Beine.
„Alles gut. Ich bin nicht hier, um dir zu schaden. Darf ich mir deine Stirn einmal ansehen? Nur kurz?“
Unschlüssig schaute das Kind zwischen Mira und dem großen Vogel hin und her. Sie wirkte angespannt. So, als wollte sie ablehnen. Als fürchtete sie sich jedoch, dann verstoßen zu werden. Deswegen schien sie auf Hilfe zu hoffen. Auf eine Eingebung.
Aber diese konnte Mira ihr nicht geben. Das Kind musste selbst entscheiden.
Jedem gehörte nur das eigene Leben!
Langsam nickte das Mädchen. Sie trat einen wackeligen Schritt auf Aura zu. Aber es war ein Schritt in die richtige Richtung. Einer, der in eine bessere Zukunft führte.
Der Vogel legte seinen Schnabel auf dem viel zu kleinen Kopf ab. Dann blies die Luft seitlich aus. Sodass sie um das Kind herumwirbelte. Sodass sie den zerrissenen Lumpen fast in Fetzen riss!
Und sodass Auras Magie jeden Winkel des Kindes berührte.
Vor Miras Augen verschwand die Brandnarbe. Die blauen Flecken an Armen und Beinen verblassten. Kratzer und Narben lösten sich in Luft auf. Sie alle glichen einem vergessenen Alptraum.
Einem Alptraum, der nun endete.
„Ist es so besser?“, fragte Aura das Kind sanft.
Das Mädchen runzelte die Stirn. Sie tastete mit der Hand nach der Stelle, auf der das große Wesen seinen Kopf abgelegt hatte. Dann hielt sie inne. Sie starrte auf ihren Arm. Auf ihren anderen Arm. Blickte auf Beine, in ihre Lumpen, tastete nach ihrem Rücken!
„Da- das alles-“
„Niemand sollte mit alten Narben rumrennen müssen, Kind“, erklärte Aura gutmütig, „Niemand.“
Damit schien sich das Mädchen ihr gegenüber zu öffnen: „Danke.“
Mira schaute ihrer fedrigen Schwester nach, als sie in den Himmel schwebte. Erst dann brachte sie das Kind zu ihrer Mutter. Sie lauschte, wie das Mädchen sich als Nia vorstellte. Nach der Oma aus dem Dorf, die sie in Schutz nehmen wollte.
Und die es dennoch nicht geschafft hatte.
„Nia, wenn du bei uns bleibst, musst du dich den Regeln des Zirkels unterwerfen“, erklärte Nyx, nachdem sie das Kind kennengelernt hatte, „So darfst du nur bleiben, wenn du eine Miracula wirst und dich den Regeln deine Vorsitzenden unterwirfst. Du musst auf sie, also auf Mira, hören. Du musst selbstständig deine Magie entdecken. Und du darfst nicht jene der anderen kopieren. Jede von euch muss ihre eigene Magie finden, ja?“
„Ja?“, Nia klang verwirrt, „Ich kann hören. Ich- Ich bin immer artig. Wirklich. Das ist kein- Ich-“
„Mutter meint nicht, dass du stets artig sein sollst“, Mira kniete sich zu ihr herab, „Du bist ein Kind. Und Kinder müssen nicht immer hören. Es geht um dein Leben. Um dein Leben, das fortan ein Teil des Zirkels und des Waldes wird. Dafür musst du etwas von dir zurückgeben. Deine ganz eigene Magie. Du musst das finden, was dich ausmacht und es teilen, verstehst du?“
Nia schüttelte den Kopf.
„Sie wird es verstehen, wenn sie soweit ist“, mischte sich Cula ein, als sie zu ihnen trat – gewiss hatte sie schon mit Aura gesprochen.
Mira nickte den Worten ihrer menschlichen Schwester zu. Sie war nur zwei Jahre nach ihr auf Nyx gestoßen. Wegen ihnen hatte Mutter ihre Nacktaffenkinder benannt. So war der Name Miracula entstanden. Damit sie sich nicht nur durch ihre Magie von den Herzlosen unterschieden.
Sondern auch durch ihren neuen Namen.
„Ja. Du hast eh noch Zeit, ehe du dich eine Miracula nennen darfst“, erklärte Nyx sanft.
„Wieso? Bin ich nicht gut genug? Muss ich- Entschuldige. Ich wollte nicht- Bin ich eine Last? Eine-“
„Nia, Liebes!“, Mira riss das Kind zu sich herum, „Du bist vieles. Aber keine Last. Bitte. Ich kenne dich erst seit wenigen Stunden und schon jetzt sehe ich so viel Mut und Freundlichkeit in dir. Du hast ein reines Herz. Also: Glaube bitte nie, dass es dir an irgendetwas fehlen würde, ja?“
„Aber- Wenn ich keine Miracula werde-“
„Niemand zweifelt an, dass du eine Miracula wirst“, unterbrach Nyx sanft, „Aber du musst die Magie, die ich in dir erwecke, erst zu kontrollieren lernen. Erst wenn Mira dich für bereit erklärt und erst wenn du dein sechzehntes Lebensjahr angetreten bist – erst dann kannst du dich Miracula nennen. Aber du wirst schon ab heute ein Teil unseres Zirkels sein. Ein Teil der Birchs, ja?“
„Ich bin eine Birch? Aber dürfen wir denn- Wir sind nicht adelig!“
„Wir dürfen einen Familiennamen führen, weil wir eine Familie sind“, erklärte Mira sanft, „Außerdem haben Könige keine Macht in den Wäldern. Hier sind wir unsere eigenen Herren. Und wir tragen unsere eigenen Namen mit Stolz. Also. Wie lautet deiner?“
„Nia …“, das Kind atmete durch, „Nia Birch.“
„Genau“, Mira schloss sie in ihre Arme, „Denn wir sind unsere eigene Familie.“
Weinend klammerte sich das Kind an ihr fest, ehe sie Nyx die Zeremonie gestattete. Von außen sah alles unspektakulär aus. Ein sanfter Stupser gegen Nias Brust, durch den ihre Mutter die Magie in dem winzigen Körper freisetzte. Aber Mira wusste noch genau, wie warm sich das anfühlte.
Und wie herzlich es sie damals umwoben hatte.
Nia war nun ein anderer Mensch.
