
„Ist … sie …“, hörte Tristen Steffen seine Mutter fragen.
Weiter kam sie nicht. Sie wagte es nicht den Tod auszusprechen. Das durfte sie nicht. Nicht als Floris. Aber als Mutter brauchte sie Gewissheit. Sie sorgte sich um ihre Tochter. Genauso, wie er sich um seine Schwester-
Sie lebt! Beeil dich endlich, Tristen! Sie lebt!
Die Worte ließen ihn erstarren. Wie sollte das möglich sein? Ihre Lippen … Sie waren so blau. So-
„Ich fürchte, ich kann nichts mehr tun“, entgegnete der Wassergeneral gepeinigt, „Ich bekomme das Wasser nicht-“
„Lügt nicht!“, schrie Tristen, als er die Starre überwand. Er sprang über das Loch – zu ungeduldig, um herum zu laufen. Für einen Moment gab der Boden unter ihm nach. Er glaubte, zu fallen!
Dann zog Julian ihn zu sich heran.
„Radix, wir müssen die Realität-“
„Nein!“, widersprach er dem General erneut und riss sich von dem Auxilius los, „Nein!“, wiederholte er nochmal, als er Steffens Worten nachkam und die Duria mit der seiner Schwester verband, „Ich spüre sie! Sie ist noch da! Sie ist hier!“
„Das ist reines Wunschdenken, Radix“, bemerkte der Wassergeneral nun harscher, während seine Hände über Valis Brust glitten, „Egal, was ich mache, ich bekomme das Wasser nicht aus ihrem Körper heraus. Sie kann nicht atmen. Das kann sie nicht überle-“
Flackernd öffneten sich Valis Augen. Nein. Maggies. Das andere Ich seiner Schwester war da! Sie zitterte. Spannte sich an. Hob die Hand. Ließ sie wieder fallen. Hob sie erneut. Deutete damit zittrig auf den General.
„We- weg“, krächzte sie leise.
„Calyx, wenn ich-“
Tristen hatte genug. Abrupt schob er die Arme des Generals fort. Er konzentrierte sich auf seine Schwester. Auf dieses Bild in ihrem Kopf. Sie und Vali – Sie hatten einander getroffen … Und da war noch etwas gewesen. Ein Leuchten, das ihnen geholfen hatte. Das nun Schmerzen gelitten hatte und-
Hatten sie dem Tod gegenüber gestanden? Oder Zangasha? Was war diese leuchtende Kugel? Und wo versteckte sie sich nun?!
Maggie zuckte zusammen. Sofort streckten sich die Hände des Generals nach ihr aus. Er hatte bereits Heilwasser zwischen den Fingern gesammelt. Damit reckte er sich in ihre Richtung. Er deutete nach unten-
Eilig zog Tristen seine Schwester an sich. Er schloss sie in seine Arme. Beschützte sie vor dem übermütigen General, der daraufhin mit der Nase rümpfte. Der nicht zu verstehen schien, dass es ihr gut ging. Dass er die Situation falsch eingeschätzt hatte.
Sie atmete!
Aber … etwas ist anders. Etwas … Wieso ist Maggie da und nicht Vali? Wieso fühlt sich ihr Kopf schief an?
„General LeVi, habt Ihr meine Tochter nicht verstanden oder tut Ihr nur so?“, fragte die Floris endlich und sogleich zogen sich die Hände zurück.
„Floris, Eure Tochter hat immer noch Wasser in der Lunge. Wenn ich es nicht heraushole, dann-“
„Wasser? Und wieso hustet sie nicht?“
„Verzeiht, ich weiß nicht-“
„Wieso hustet sie nicht, General LeVi?“, wiederholte sie.
Unschlüssig blickte Tristen auf seine Schwester. Ihre Augen sprangen zwischen verschiedenen Farben hin und her. Braun. Grau. Braun. Grau.
Das waren Maggie und Valerie. Seine Vali war doch da! Es ging ihr gut … Ein Glück! Gerade wollte er sie ansprechen, als die Iris eine neue Farbe annahm.
Grün.
Ungläubig starrte er in das viel zu kindliche Gesicht, dass langsam wieder von Valeries Zügen verdeckt wurde. Sie sendete Steffen ihre Ruhe. Sie teilte ein Danke mit ihm.
Dann löste sie die Durias voneinander und stand auf.
Tristens Kopf fühlte sich leerer an. Ihm war schwindelig. Als wäre seine Gedankenwelt plötzlich geschrumpft. Unschlüssig beobachtete er, wie JuNi an sie herantrat, um Vali notfalls zu stützen. Um die Nebenwirkungen der Duria oder des Flusses oder des Was-auch-immer-passiert-war abzufangen.
„Bitte schimpfe nicht mit dem General, Mama“, flüsterte Vali leise, „Bitte-“
Sie brach ab. Schwankte. Dennoch blieb sie stehen. Ihre Augen wurden braun. Grün. Braun. Grau.
Nun schien auch ihre Mutter die neue Farbe zu entdecken.
„Was-?“
Nässe stieg um sie herum auf. Nebel. Glitzernd umwob er sie- Dann schüttelte Valerie hastig den Kopf. Ihre Bänder verknoteten sich. Sie schauderte.
Sofort löste sich der Nebel auf. Bäume wurden wieder sichtbar. Bäume und Sträucher, die Tristen zuvor eh nicht registriert hatte.
„Sie kommt nicht raus, Mama. Sie kommt nicht … Sie weiß nicht mehr, wer sie ist und hat Angst. Sie ist die Najade von hier und auch ein Kind … immer wieder zuckt sie zusammen und … Ich weiß auch nicht-“
JuNi stieß einen schrillen Pfiff aus und langsam entspannte sich Vali. Fragend schaute sie zum Auxilius auf. Als hätte er ihre Schmerzen fortgeschickt.
„Houos Kräfte sind zu stark für eine neue Najade. Wir müssen die Calyx sofort runter bringen“, erklärte er und hielt den General mit einer Geste auf Abstand, „Ohne Sie, versteht sich. Euer Einmischen, so gutmütig es auch gewesen sein mag, kann der Calyx und Najade gleichermaßen schaden.“
„Wie bitte?! Ihr habt MICH rufen lassen?!“
„Und für Euer eiliges Kommen sei gedankt“, erwiderte Tristens Mutter, als sie sich dazwischenschob, um das Gespräch zu beenden.
Sogleich senkte sich der Boden. JuNi brachte sie zurück in den Stützpunkt. Unter die Erde. Zu ihren Gemächern. Zurück zu-
„Die Najade“, flüsterte Vali, als sie sich gegen Tristen lehnte, „Sie hat Angst. Keinen Namen. Keine … Sie ist allein auf der Welt, oder? Es gibt keine andere Najaden, nicht wahr? Andere, die sind wie sie, wie-“
„Ich weiß nicht“, gab Tristen unschlüssig zu, „Ich habe nicht mal geglaubt … Also, dass hier wirklich-“
Ich kann nicht mehr denken, gab er vor seinem anderen Ich zu.
Wir beide, bemerkte Steffen erschöpft.
„Ja“, bestätigte der Auxilius, als er auf halbem Wege stoppte, „Jedes Element besitzt nur einen Naturgeist. Erst wenn dieser stirbt, wird aus seiner Asche ein neuer Naturgeist geboren. Ein neues Wesen, mit einer neuen Seele, aber an die alten Schwüre seiner Vergangenheit gefesselt.“
Tristen erschauderte. Er hatte so etwas schon mal gehört. Als JuNi ihm Houo vorgestellt hatte. Aber irgendwie …
Damals hat es uns kaum berührt, gab Steffen zu.
„Julian … Ist es schon einmal vorgekommen, dass ein Naturgeist in …“, ihre Mutter brach ab.
Dennoch wusste Tristen, was sie fragen wollte. Er wusste, warum sie die Pause Mitten unter der Erde gestattete. Dass sie dieses Gespräch nicht vor dem Lyx, vor seinem und Valis Vater führen wollte. Dass es um seine Schwester ging. Um die Calyx. Um die künftige Floris – die nun entweder einen Segen oder einen Fluch mit sich trug.
„Ich weiß nicht … Houo und ich mussten den Fluss der ursprünglichen Najade an einer Stelle freilegen, damit wir die Calyx rausholen konnten. Der Wassergeneral hat sie danach heilen wollen. Jedoch … Einer von uns muss dabei Uzumes Kräfte aus dem Gleichgewicht gebracht haben. Deswegen ist sie wahrscheinlich in der Calyx verharrt. Wir haben es nicht richtig abgepasst. Deswegen wurde sie wahrscheinlich in der Calyx wiedergeboren und …“
„Uzume wollte uns beschützen! Sie hatte ihre Kräfte mit uns geteilt, damit wir überleben. Sie … Sie hatte das nicht verdient!“, Valeries Ausbruch kam so abrupt, dass Wind aufbauschte. Rabiat schlug er um sich. Er zerrte. Er riss!
„Vali!“, Tristens Ausruf ließ sie abrupt stoppen. Es war so dunkel, dass er sie nicht mit bloßem Auge sehen konnte. Aber er spürte sie.
Und er spürte ihre Tränen.
„Uzume wird nicht zurückkommen“, erklärte seine Mutter, „Es wäre besser, wenn du der Najade einen neuen Namen schenken würdest. Wir bringen Euch dafür erst einmal in Tristens Gemächer. Damit ich mit JuNi und General LeVi das weitere Vorgehen abklären kann. Kein Wort zu eurem Vater, ja?“
Leise stimmten sie ihr zu. Es war ihre Pflicht. Ihre Mutter war die Floris. Ihre Mutter wusste, was zu tun war. Niemand durfte ihrer Mutter eine Bitte abschlagen.
Sobald sie allein waren, sackte Vali zusammen. Wimmernd hockte sie auf dem Boden. Sie sah viel zu klein aus. Viel zu gebrochen. Erschöpft …
Sie fühlt sich so komisch an. Voller irgendwie. Und geladener.
Was erwartest du! Wahrscheinlich musste sie um ihr Leben bangen und dann starb diese komische Najade noch in ihr!
Stockend starrte er sie an.
Stimmt. Die Najade starb in ihr. Dabei waren sie Floras. Sie durften nicht an den Tod denken. Das widersprach ihrer Position. Ihren Traditionen …
Aber wie sollte seine Schwester den Gedanken daran abschütteln, wenn der Tod durch sie hindurch gefahren war?!
„Du bist ja noch ganz nass. Magst du dich umziehen?“, fragte er sachte.
Nur regte sie sich nicht.
Unschlüssig schaute Tristen auf die Tropfen an ihrer Kleidung. Sie schienen daran zu erstarren. Als würden sie nicht runterfallen wollen. Ob das wegen der Najade war? Aber so würden sich Vali und Maggie gewiss erkälten!
„Ist dir nicht kalt?“, erkundigte er sich und schnipste mit den Fingern.
Sobald der Funke aufsprang, schrak sie zusammen und wich zurück. Angst schlug ihm entgegen. Es wurde feuchter im Raum. Tropischer. Schwüler.
„Entschuldige!“, hastig suchte Vali Abstand, „Es … Sie kennt das nicht. Sie-“, seine Schwester schniefte.
„Schon gut“, er ignorierte den Umschwung und griff stattdessen nach einer gewöhnlichen Decke, „Alles gut, ja? Soll ich dir eine Geschichte vorlesen? Vielleicht hilft das?“, fragte er.
Zaghaft nickte sie.
Gut.
Sie sieht alles andere als gut aus!, fand Steffen seine Stimme wieder.
Das war nur so ein Gedanke! Was erwartest du? Sie muss sich innerlich erst noch ausbalancieren. Wie jedes Maciankind. Ein oder zwei Geschichten werden ihr schon helfen. Dann sind ihre Seelen auf dieselben Worte fokussiert.
Tristen überflog nachdenklich die Buchrücken. Er wusste nicht, wie lange seine Mutter brauchte, also wäre ein längeres Buch von Nöten. Kein kurzes Märchen. Eine längere Geschichte …
Seine Hand blieb an einem Einband mit einem weißen Kaninchen hängen. Ein kleines Mädchen war auf dem Buchdeckel abgebildet. Daneben eine grinsende Katze. Eine rauchende Raupe. Spielkarten.
Hatte Valis Anstandsdame ihnen das Buch nicht vorgelesen? Ja, oder? Danach hatte seine Schwester immer ein weißes Plüschtier haben wollen, das nie dreckig werden durfte. Es sollte ja ihr kleiner Zu-spät-Hase sein!
Damit setzte sich Tristen zu seiner Schwester. Er gab sich Mühe, das Buch mit seiner Stimme lebendig werden zu lassen. Für Vali. Für Maggie.
Und für Alice, wie die anderen beiden Seelen die Najade daraufhin tauften.
