
Wir brachen im Schutz der Dunkelheit auf. So gedachten wir, keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Timmy trug die wenigen Vorräte und ein Messer bei sich, Julie zwei Decken sowie ihr Familienfoto. Mehr konnten die beiden Kinder nicht tragen. Nicht, solange sie zügig voran kommen wollten. Und nicht, solange ich keinen Körper besaß.
Still schwebte ich um die Geschwister herum, um Ausschau zu halten. Ich musste zusehen, dass ich sie ungesehen aus dem Dorf bekam. Sobald ich jemanden bemerkte, gab ich Timmy Bescheid, der seine Schwester dann eilig versteckte. So schlichen wir uns stumm zur nächsten Handelsstraße.
Nun mussten wir besonders vorsichtig sein.
„Bist du dir sicher, dass wir hier lang müssen?“, flüsterte Julie, als der morgendliche Nebel die Welt verschluckte.
Timmy sah sich nach mir um. Ich konnte die Sorge in seinem Blick erkennen. Immer wieder schwebte ich voraus, um alles auszukundschaften. Ich wusste, wie die Straße aussah, wo sich die Schlaglöcher befanden und wo die vergessenen Pferdeäpfel lagen.
Doch Janes Enkelkinder waren in diesem Nebel fast blind.
Ob sie Angst hatten?
Ob Timmy Angst hatte?
„Keine Tiere. Es ist alles ruhig. Bestimmt klärt sich die Sicht in ein oder zwei Stunden wieder, ja? Ich passe auf euch auf“, flüsterte ich dem Jungen zu.
„Es ist- Es ist nur Nebel“, er brauchte zwei Anläufe, um flüssig sprechen zu können. Beim ersten Mal klang seine Stimme zu hoch, zu schrill.
Er atmete so angespannt durch …
„Aber sind wir auf dem richtigen Weg?“, beharrte Julie, „Was, wenn Mama oder Gretle uns am Meer suchen, wir uns aber unterwegs verirren? Sie würden sich bestimmt sorgen!“
Timmy wandte zwar den Kopf von ihr ab, aber nicht von mir. Ich konnte den Zorn, nein, den Hass auf seine restliche Familie sehen. Sie bebte durch sein Gesicht, ehe er sie aktiv abschüttelte.
„Es ist der richtige Weg“, behauptete er stur.
Damit war das Gespräch beendet.
Wir reisten die Handelsstraße entlang, bis die Sonne den Nebel verjagte. Erst dann lotste ich die Kinder hinter ein paar Hügel, um die herannahenden Kutschen und Händler zu meiden. So konnten die beiden etwas essen und kurz zu Kräften kommen, während ich Ausschau hielt. Ich musste nur Timmy rechtzeitig wecken, damit wir weiter reisen konnten.
„Na los, Julie“, flüsterte dieser angespannt, als seine Schwester lieber noch schlafen wollte.
„Muss ich?“
„Ja. Na komm. Je länger wir hier ausharren, desto länger brauchen wir zum Meer“, erinnerte er sie.
Das genügte. Im Nu war das Mädchen bereit, aufzubrechen. Wir reisten immer so, dass wir niemandem begegnen würden. Meist in den frühsten und dunkelsten Stunden. Manchmal aber auch unter der brütenden Mittagssonne. Wir hatten keine festen Zeiten. Sobald der Weg frei war und wir keine anderen Leute hier draußen vermuteten, ging es los.
Nach fünf Tagen wurde es auf den Straßen geschäftiger. Auch fanden wir kaum noch Verstecke neben der Straße. Mehrere kleinere Höfe und Siedlungen bedeckten die Wiesen. Bäume und Hügel wurden rar. Genauso wie die Stellen, an denen man gefahrlos Wasser schöpfen konnte.
Die Brunnen und Bäche waren fast alle abgesperrt!
„Zum Verrücktwerden!“, meckerte Timmy, als er den nächsten Abschnitt der Straße bedachte.
„Und wenn wir einfach durchlaufen? Vielleicht fallen wir nicht einmal auf. Und wenn, könnten wir sagen, dass wir zum Hafen sollen, um jemanden abzuholen. Niemand würde uns hinterfragen“, lenkte Julie still ein.
„Vergiss es! Schau uns an, Julie. Wir sind unbekannte Gesichter in dreckiger Kleidung. Warum sollten sie uns glauben? Im schlimmsten Fall halten sie uns für Kriminelle und-“, er stockte, als er seine rechte Hand an den Körper drückte.
Ob er sich an den Markt erinnerte? Daheim? Wo er beinahe erwischt worden wäre? Gewiss würde man Julie auch für eine Diebin halten, wenn seine Vergangenheit ans Licht käme, oder?
„Bleibt hier, ich schau mich kurz um“, flüsterte ich Timmy zu und schwebte zu den Häusern herüber. Mehrere Frauen spannen dort Garn. Ein Mann lief schimpfend hindurch. Er schleppte einen Sack Mehl rüber. Das nächste Gebäude war leer. Im darauffolgenden saßen ein paar Jungs bei einem Pfarrer und mussten Texte aus der Bibel zitieren. Dann waren andere Männer da, die sich um Schafe, um ihre Aufgaben kümmerten. Einer kümmerte sich um die Pferde. Einer reparierte einen Wagen. Einer schnitzte einen Suppenlöffel, während eine Frau mit ihm schimpfte. Er habe ihre nicht ständig kaputt zu machen.
Es wirkte so friedli-
Nein! Abrupt wandte ich mich ab und flog zu Timmy und Julie zurück. Beinahe hätte ich mich selbst vergessen. Die Beobachtungen hatten mich so entspannt, dass ich nicht mehr an Janes Enkelkinder gedacht hatte, dass ich sie fast vergessen hätte!
„Die meisten sind mit ihren Aufgaben beschäftigt“, riet ich Timmy, sobald ich zurück war, „Geht dahinten um die letzten Häuser und auf der anderen Seite wieder zur Straße zurück. Dann sollte alles klappen. Dort ist gerade eh niemand drinnen – außerdem macht der Bach da eine kleine Biegung. Dann könnt ihr endlich wieder etwas trinken.“
Dankbar lächelnd nahm er die Worte entgegen, ehe er Julie weiterführte.
Ich hätte sie beinahe ihrem Schicksal überlassen.
Schluckend folgte ich den beiden. Ich lenkte sie durch die nächste Nacht. Bis ich die ersten Seemöwen kreischen hörte. Bis die Winde bissiger, salziger wurden.
Kurz darauf erblickten wir endlich das Meer.
Das Meer und die gewaltige Hafenstadt, in der Timmy und Julie untertauchen würden.
Wenn sie sich auf mich verlassen konnten.
Ich durfte sie nicht vergessen!
