K: Zum Shanai II

Es war das erste Mal, dass Maggie sie so plötzlich überwältigte. Und wahrscheinlich würde es auch das letzte Mal sein.

Valerie konnte kaum mit ansehen, wie sich ihr Körper verkrampfte. Das Wasser zog sie nach unten. Die Strömung schob sie in die Finsternis. Der Shanai, dieser Heilwasserfluss – er zerrte sie in den Abgrund!

Panisch schlug ihr anderes Ich um sich. Sie war außer sich. Erschrocken. Ängstlich. Zu keinem klaren Gedanken fähig. Am liebsten wollte Valerie die Seele in den Arm nehmen, ihr gut zureden. Doch wurde sie immer müder. Die Winde fehlten ihr. Die Luft-

HI- HILFE!, war das einzig Vernünftige, das Maggie durch ihre Gedanken schreien konnte.

Nur war es zu spät. Valerie sah nichts mehr. Hörte nichts mehr. Sie driftete davon. Allein. Auf dem Weg in den To-

Sie stockte. Ob sie wenigstens jetzt über den Tod nachdenken durfte? Ihre Mutter und die Anstandsdame hatten es ihr sonst immer untersagt. Der Tod … Er gehöre nicht in ihre Welt. Wenngleich sie eines Tages sterben musste, so hatte er keinen Platz in ihrem jetzigen Leben. Ha. Wie dumm diese Reden nun klangen …

Ein Leuchten kitzelte ihre Augen. Es war angenehm grün. Dunkelgrün. Wie eine satte Wiese. Es erinnerte sie an Maggie. An ihre andere Seele, die stets so viele Wunder an einer einzelnen Blüte entdecken konnte. An ihr Spiegelbild, das nun auf sie herabschaute und-

Moment. Das war Maggie! Direkt vor ihr. Sie konnten einander ansehen. Berühren. Maggie hielt sie in ihren Armen!

Verlass mich nicht! Vali!

Schwerfällig blickte Valerie auf ihre Hände. Sie umklammerten aneinander. Aber sie strahlte nicht so hell, wie ihr anderes Ich. Sie war eher gräulich. Flackernd. Sterbend.

Ob heute nur eine von ihnen die Reise ins Nichts antreten würde?

Mach langsam, erklang eine melodische Stimme, Ich kann dich nicht heilen, wenn du dich zu sehr übernimmst. Auch meine Kräfte haben ihre Grenzen.

Ein hellgrüner Schimmer schob sich in ihr Blickfeld. Er war klein. Nur halb so groß wie Maggie. Dafür aber umso heller. Klarer. Stärker.

Und er schien sie beide zu umweben.

Wer bist du?, kämpfte Valerie hervor, als ihr Kopf endlich die Orientierung zurückerlangte. Sie fühlte sich, als würde sie eigentlich umhergeworfen werden. Wie ein Spielball! Noch dazu setzte ihr die Dunkelheit zu. Sie wirkte so bedrückend. So kalt. Nicht, wie daheim im Außenposten. Dort wusste das Mädchen, was sich auf den Fluren verbarg. Wer ihr begegnen würde.

Doch hier?

Ich bin Uzume, die Najade vom Shanai, stellte sich das strahlende Wesen vor, Wie versprochen, erschaffe ich euer Heilwasser, kleine Flora. Damit niemand je gänzlich verloren ist.

Sie hat mich hierher gebracht, erklärte Maggie aufgeregt, Sie hat mir geholfen, dich zu finden. Und sie hat gesagt, dass wir uns noch gedulden müssen. Der Shanai trägt uns gerade unter der Erde entlang. Erst wenn der unterirdische Fluss wieder atmen kann, können wir auch gefahrlos entkommen. Hier ist er zu schnell für uns, weißt du?

Valerie nickte sachte. Davon wurde ihr jedoch so schwindelig, dass sie sich gegen ihre andere Seele lehnen musste. War sie noch zu schwach? Oder kam das von ihrem Körper? Ob er noch zu sehr umhergewirbelt wurde? Konnten sie deswegen einander sehen? Weil sie hier in ihrem Kopf oder so waren?

Aber hatten sie sich dabei je berühren können?

Sachte, Uzumes Schein legte sich über ihr Herz und irgendwie schaffte sie es, dass Valerie auch stärker leuchtete. Neue Kraft durchflutete sie, während ihr Grau sich verschob. Als wäre es nun nicht mehr ganz rein. Als wäre es … vermischt? Aber mit was? Und warum fühlte sie sich so … ernst?

Danke, entgegnete sie dennoch und wollte das fremde Wesen gerade von sich schieben, da drückte es sich fester gegen sie.

Warte. Wenn ich meine Magie nicht mehr mit dir teile, stirbst du. Und das kann ich nicht verantworten, die Najade seufzte, Das würde meinen Schwur brechen.

Ein Bild blitzte in Valeries Gedanken auf. Eine fremde Frau. Eine Macian. Und eine leuchtende Frau. Sie reichten sich die Hände. Dann sackte der Boden ab und ein Fluss bildete sich in einer Schlucht. Er verlief als Spirale nach unten. In die Tiefe. Bis ein Ruck ihn zurück in die Schlucht katapultierte.

Dieser Fluss … Er verlief im Kreis.

Abrupt verschwand die fremde Erinnerung wieder. Statt der leuchtenden Frau, war das Wesen zu einer grünlichen Kugel verkommen. Eine strahlende Kugel mit einer melodischen Stimme, die Valeries Licht nun rettete.

Du … Wie machst du das?, fragte sie, um sich besser auf das Geschöpf konzentrieren zu können.

Sie wollte es wieder sprechen hören. Vielleicht sogar singen. Es klang so schön. So weich und samtig und doch kräftig.

Das Wesen lehnte sich zur Seite. Valerie war, als würde sie angelächelt werden. Bildete sie sich das nur ein? Oder wollte sie menschliche Züge in dem Lichterball erkennen?

Luft. Sie befindet sich im Wasser. Also. Ganz klein. Und bewegte Luft ist Wind. Solange das Wasser also mit Luft durch dich hindurch wirbelt, denkt dein Körper, dass du mit deiner Windaffinität verbunden ist. Ich muss nur eure Lunge lange genug austricksen, bis wir wieder richtige Luft haben. Keine bloßen Blubberbläschen.

Diese Uzume tanzte um Valerie herum und erst nun bemerkte sie, dass das Wesen auch Maggies Licht verstärkte. Zwar nicht so deutlich, wie ihres. Aber Maggie schien es auch nicht zu benötigen. Maggie war nicht vom Wind abhängig. Sondern von Holz. Von Pflanzen. Ob das so ähnlich-

Moment. Woher kennst du unsere Affinitäten?, platzte es aus Valerie heraus, ehe sie sich beherrschen konnte.

Sie sah, wie die Lichterkugel sich zur Seite neigte. Dann erstarrte sie. Es wirkte, als wäre sie aus Schmerzen zusammengezuckt. Etwas hatte die Najade verletzt. Etwas-

Oder jemand.

Ein Hushen?!

Was hast du?, Maggie streckte die Hand nach dem Wesen aus, Geht es dir nicht gu-

Der Schrei ging Valerie durch Mark und Bein. Sie konnte richtig sehen, wie dieser leuchtende Ball im Kern zerrissen wurde. Nur steckte ein Teil der Najade noch in Maggie und Valerie fest. Dieser kam nicht heraus. Dieser klammerte sich an ihren Seelen fest. Er blieb dort, um sie zu schützen. Um sie vor dem Ertrinken zu bewahren. Um-

Keuchend rollte sich Valerie zusammen. Ihre Seele bebte. Ihre Welt bebte. Sie spürte, dass es für Uzume nicht mehr sicher war. Dass sie dieses Geschöpf vor dem Unbekannten beschützen mussten. Dass sie es ihr schuldig waren!

Mit schwankender Kraft zog sie das Licht zu sich herüber. Sie lenkte es in sich. Nahm es in sich auf. Versteckte es! Es war ein komisches Gefühl. Ein schauerliches. Als wäre sie plötzlich zu voll. Als war da nicht genug Platz für die Najade und Valerie. Und dennoch musste sie ihr doch helfen. Sie musste-

Plötzlich verstummte Uzume. Es war, als hätte jemand sie zerrissen. Als wäre irgendwo eine Kraft gewesen, die sie von der Macian weggezerrt hatte.

Es war einzig der winzige Schimmer geblieben, den sie mit ihrer eigenen Seele verborgen hatte.

Na… mida?, Maggie klang so gebrochen. Verzweifelt!

Du musst aufwachen, befahl sie ihrem anderen Ich, Du musst nachsehen, was passiert ist. Und wir brauchen hier Platz. Schnell! Uzume … Ich weiß nicht, wie lange ich sie noch halten kann.

Du …, Maggie riss die Augen auf, Geht es ihr gut? Hast du-

AUFWACHEN, MAGGIE!

Hastig schüttelte sich die dunkelgrüne Seele, ehe sie vorsichtig zurücktrat. Sie stockte. Verschwand langsam. Verschwand flackernd. Verschwand unruhig …

Zitternd entrollte sich Valerie. Sie konzentrierte sich auf ihre Magie. Auf ihren Wind. Er war da. Ruhiger. Klarer. Ja. Sie atmete wieder. Aber warum? Wieso? Sie hatten doch auf eine Öffnung im Fluss warten-

Der Shanai hatte nun eine zweite Öffnung.

Die Erkenntnis traf sie so schlagartig, dass sie zusammenzuckte. Es war nicht ihre. Aber es war auch nicht Maggies. Sie kam von der Najade. Von dem Wesen, das das Wasser selbst war.

Unschlüssig setzte sich Valerie gerade hin und schob ihr Kleid zur Seite.

Über ihrem Herzen war ein grünes Leuchten. Ein hellgrünes Leuchten.

Uzumes Leuchten.

Vorsichtig löste es sich von ihrer Brust. Es war klein. Klein, aber stark. Und es pochte. Genauso wie Valeries Herz. Ob es ans selbe Herz gekettet war?

Uzume?, fragte Valerie vorsichtig.

Doch wenn die Najade sich in dem Namen erkannte, so zeigte sie es nicht.

Wie geht es dir? Kann ich … Kann ich dir helfen?, erkundigte sie sich weiter.

Langsam wandte sich das Licht zur Seite. Es bebte leicht. Streckte sich. Erst in die eine, dann in die andere Richtung. Beine und Arme wuchsen. Ein Kopf. Finger. Zehen. Haare.

Bis ihr nackiges Spiegelbild vor ihr stand.

Hel-Helfen?

Ihre Stimme klang heiser. Dennoch war eine Melodie zu erahnen. Uzumes Melodie. Uzumes Schatten.

Und dennoch war Uzume fort.

Ja. Kann ich irgendetwas für dich tun? Das wäre immerhin das Mindeste, nachdem du uns gerettet hast, weißt du?

Habe ich?, die Najade runzelte die Stirn und schüttelte sich, Moment …

Wer bin ich?

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