
„Sie werden nun gezielt Ausschau nach dir halten“, murmelte ich, als ich Timmy endlich am Rande des Dorfes fand, „Und ich weiß nicht, ob … sie dich vielleicht sogar für verhext halten werden.“
Mein Blick schweifte über die Umgebung. Der Junge hatte sich auf eine Wiese zurückgezogen. Dieselbe Wiese, auf der ich mich einst nur kurz hingelegt hatte und plötzlich waren ganze Jahrzehnte vergangen. Hier hatten wir uns das erste Mal getroffen. Hier hatte ich seine Schritte vernommen. Seine grauen Augen das erste Mal erblickt …
Ob er sich daran noch erinnerte?
Nachdenklich betrachtete ich seinen zusammengekauerten Körper. Er sah so klein aus. Kleiner als Julie. Und so viel erschöpfter. All dieses Leid … Warum hatte die Familie immer so zu kämpfen?! Erst Jane. Dann anscheinend diese Marianne und Gretle. Nun Timmy und Julie …
„Bitte sei vorsichtiger. Das hätte auch schief gehen können“, bemerkte ich, als Timmy sich noch immer nicht rührte.
„Die alte Denise war auf dem Markt“, flüsterte er endlich. Doch waren die Worte so leise, so schwach, dass ich sie kaum ausmachen konnte.
„Wer?“, erkundigte ich mich ebenso still.
„Die alte Denise. Sie war Großmutters …“, Timmy schüttelte den Kopf, „Sie wohnt zwei Straßen weiter. Ich glaube nicht, dass sie mich erkannt hat – ihre Augen sind zu schlecht – aber falls doch … Wenn mich jemand als Dieb enttarnt, würde derjenige mit Großmutter oder Mutter sprechen wollen. Dann … Dann würden die Leute herausfinden, dass Julie und ich allein wohnen. Sie würden uns auseinanderzerren und-“
Seine Stimme brach, als die Realität auf ihn einschlug.
Hatte Timmy diese Möglichkeit bisweilen immer verdrängt? Oder hatte er sich zu sicher gefühlt? Zu gut in der Diebeskunst bewandert? Gut, das Dorf war groß. Niemand hier konnte jeden kennen. Dennoch war der Ort noch keine Stadt. Die Anonymität war nur bedingt gegeben. Deswegen mieden die Leute Jonathans Kinder doch, oder? Denn obwohl Timmy und Julie hier aufgewachsen waren, grüßten die Nachbarn sie nicht einmal. Die Leute blieben lieber für sich. Ja, man sprach miteinander. Man wusste voneinander. Nur lebte man eben nicht miteinander.
War es zu Janes Zeiten auch schon so gewesen? Hatten die anderen Dorfbewohner sie deswegen so schnell verdammen wollen?
„Wenn du nicht erkannt werden möchtest, musst du dahin gehen, wo man euch nicht kennt“, überlegte ich laut.
Timmy lachte auf: „Klar! Weil ich mit Julie auch so weit reisen kann. Was soll ich ihr überhaupt sagen? Das hier ist unser Zuhause!“
„Es war euer Zuhause“, widersprach ich, „Seitdem eure Familie zerbrochen ist, ist es nur noch ein Haus. Ein kaputtes Haus. Vielleicht müsst ihr woanders hin, um euch ein eigenes Zuhause aufzubauen. Jane hat das Haus nur bekommen, weil das alte Ehepärchen sie aufnahm. Es war auch nie wirklich ihres gewesen, oder?“
Die Worte taten weh. Zumal ich an ihr Grab im Hinterhof denken musste.
Wenn ihre Enkelkinder abreisen würden, könnte sie nicht mitkommen. Sie war an diesen Ort gebunden. Gefesselt! An diese elende Verdammnis, in der ich sie zurückgelassen hatte …
„Hm“, Timmy blickte endlich auf, „Würdest du uns begleiten?“
„Ich dachte, du magst mich nicht?“, fragte ich überrascht.
„Ja … Nein …“, er seufzte, „Ich glaube, wir brauchen dich. Ohne dich hätte mir der Verkäufer heute die Hand abgeschlagen. Ohne dich wäre Julie tot. Ohne dich … ich wüsste nicht, wohin wir gehen sollten.“
Die Einsicht schien ihn zu schmerzen und für einen Augenblick starrte ich nicht in Timmys Augen, sondern in Janes. Sie schaute mich aus seinen grauen Seelenspiegeln an. Hoffend. Fürchtend. Sie lebte in ihren Enkelkindern weiter. In diesen gepeinigten Seelen, die doch nur um Erlösung baten …
„Dann packt zusammen“, beschloss ich, „Ich werde bei euch bleiben. Ich werde euch folgen. Oder ich werde eure Wege auskundschaften. Wie ihr möchtet. So oder so: Ich werde euch beschützen.“
Timmy lachte, verstummte jedoch abrupt wieder. Zögerlich schaute er in meine Richtung. Er wirkte befangen. Schuldig.
„Du meinst das ernst?“
„Ja.“
Dankbarkeit flackerte in seinen Augen auf. Doch verschwand sie so schnell wieder, dass ich sie mir auch eingebildet haben konnte. Ob er sich keine Hilfe zugestehen wollte? War das sein Problem?
Nein. War das unser Problem?
„Wir brechen zum Morgengrauen auf“, entschied Timmy, als er den Blick in die Ferne richtete, „Erstmal in Richtung Meer. In den Hafenstädten sollten wir nicht so auffallen. Wir müssen nur einen guten Unterschlupf dort finden.“
„Willst du Julie eigentlich … die Wahrheit sagen?“, fragte ich langsam.
„Über dich?“, er hielt inne, „Nein. Sie muss erstmal verstehen, dass wir nicht mehr auf Mutter und Gretle hoffen können. Wenn Julie nun von dir erfahren würde, würde sie weiter hier ausharren wollen. Du … Du würdest ihr zu viel Hoffnung schenken. Und Hoffnung ist etwas, was wir uns nicht leisten können.“
Widerwillig stimmte ich ihm zu.
„Dann werde ich mich so unauffällig wie möglich geben“, bemerkte ich.
Gewappnet mit dem neuen Entschluss trat Timmy den Heimweg an. Er schlich sich beinahe durch die Straßen. Immer auf der Hut, falls der Verkäufer ihn noch suchen würde. Oder falls jemand ihn erkannt hatte und ihm nun auflauerte. Erst als er ins Haus schlüpfte, schien er sich zu entspannen.
Ich lauschte, wie er Julie von seiner Idee erzählte. Er wolle nur mal das Meer sehen, behauptete er. Dort solle es schön sein. Und hier würde es zu gefährlich werden. Sie müssten auch gewiss nicht lange reisen. Vielleicht würden sie unterwegs ja Mutter oder Gretle treffen? Vielleicht würden sie etwas Tolles entdecken?
Obwohl seine Schwester erst nicht begeistert erschien, so ließ sie sich schnell überreden. Die Schwärmereien über das endlose Wasser und die Boote schienen sie geradewegs zu betören. Glücklich stimmte sie zu, sobald Timmy vorschlug, notfalls eine Nachricht für ihre Mutter zu hinterlassen. Ein gezeichnetes Bild an der Küchenwand sollte ausreichen.
Als Julie die Farbe dafür zusammen mischte, kam ich dennoch nicht umhin, meine einzige Bitte zu äußern.
„Nehmt ihr euer Familienfoto von oben mit? Ich … ich möchte Janes Andenken ehren.“
Überrascht blickte mich Timmy an. Ein nachdenklicher Blick schlich sich in seine Augen. In Janes Augen.
Dann nickte er.
