M: Ihre Kompetenz ist wirklich einwandfrei!

Noah schleppte sich erschöpft nach Hause. Der selige Feierabend beflügelte ihn beinahe. Kein Wunder! Nachdem seine unfähigen Kollegen die Wache einzig mit ihren Lächeln verziert hatten! Wie konnten sie nur allesamt so dumm sein? Wenn die Fälle weiterhin so unaufhaltsam über sie herfielen, würden sie nie fertig werden! Es war zum verrückt werden!

Genervt schob er sich durch die Haustür eines Mietshauses und schleppte sich die Treppe hoch.

Er war müde. Müde und so kaputt. Wegen des Personalmangels hatte er zwei Doppelschichten hinter sich. Er hatte den Fundort von fünf kopflosen Leichen sichern müssen. Irgendein Wahnsinniger trieb sich also wieder in der Stadt rum. Traurig eigentlich, dass er zwischen den üblichen Kranken kaum weiter auffiel. Und dann noch so kurz vor Heiligabend!

Als er seine Gedanken meckernd geäußert hatte, hatten ihm seine Kollegen nur einen schiefen Blick zugeworfen. Als ob ein Fest die Kriminellen zur Einsicht lenken könnte … Noah hätte es besser wissen sollen.

Das Schlimmste war jedoch ein Telefonat mit seinem alten Partner gewesen. Er hatte angerufen, um sich nach Noahs Wohl zu erkundigen und über seine tote Schwester zu sprechen.

Es war ein so langes Gespräch geworden …

Im dritten Stock angekommen, schloss Noah still die Wohnungstür auf und starrte auf die flackernde Weihnachtsdekoration im Flur. Seine Frau hatte es so wundervoll und lieblich geschmückt. Dort hingen Tannenzweige. Da drüben Lichterketten. Neben der Tür wartete ein Teller mit Keksen und ein Glas Milch auf jeden Neuankömmling …

Irritiert beäugte Noah das Getränk. Vor seiner Arbeit hatte es noch nicht dort gestanden. Auch die Zeichnung daneben war neu. Sie zeigte einen schief gezeichneten Weihnachtsmann. Wahrscheinlich hatte sie seine kleine Tochter, Marlina, gemalt.

Seine kleine Mary …

Seine Frau würde ihn zurechtweisen, wenn sie ahnte, dass er das Kind so nannte. Sie bestand auf Lina als Spitznamen – damit er nicht das Gesicht einer Toten in ihrem Mädchen sah.

Lächelnd las er das Blatt auf. Er konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wann er seine Tochter zuletzt gesehen oder gar in die Arme geschlossen hatte. Die Arbeit hatte ihn eingenommen. Es gab einfach zu viele Fälle. Zu viele Vermisste. Zu viele Tote.

Zu wenige wie ihn.

Deswegen hatte er keine Wahl. Ohne ihn würde die Wache untergehen! Erst letzte Woche hatte er einen Neuling einarbeiten sollen – Berndie Jackson. Er war jung gewesen. Sympathisch. Mitdenkend. Noah hatte sich sogar seinen Namen gemerkt, weil er an den Burschen glaubte!

Und dann kam er in ihrer ersten Schießerei um, weil der Knabe sein Handy aus der Weste gefischt hatte.

Seither glaubte Noah den Jungen überall zu sehen. In jeder Unfähigkeit seiner Kollegen erblickte er ein wenig Berndie. In jedem Witz und in jeder Technologie hatte sich der Knabe versteckt.

Er verfolgte ihn.

Dennoch hatte Noah es vor seinem Chef abgestritten. Die Wache brauchte ihn. Er durfte sich nicht krankschreiben lassen. Er musste weitermachen …

Seufzend legte er Marlinas Bild zu den Keksen zurück und schälte sich aus seiner Jacke. Seine Glieder schmerzten noch vom frostigen Wind. Dieser hatte sich bis in seine Knochen gegraben. Etwas Wodka würde die Muskeln hoffentlich lockern. Danach könnte er sich entspannen.

Schlürfend fand er seinen Weg in die Küche. Die leuchtenden Dekorationen wiesen ihm den Weg. Direkt bis zum Kühlschrank-

Noah blieb verwundert stehen.

Dann drehte er sich zum Esstisch um.

Dort stand Essen auf dem Tisch. Auf dem guten Geschirr. Ein Vogel war angerichtet worden. Klöße. Und irgendein Gemüse. Daneben thronte eine Flasche Rotwein.

Alles stand unangetastet da.

Alles stand kalt da.

Daneben saß seine Frau.

„Du bist spät dran.“

Bettys Stimme klang kälter, als der eisige Wind. Verständnislos nickte er ihr zu. Er verstand nicht, warum sie überhaupt noch wach war. Warum hielt sie ihre Arme so verschränkt und abwesend? Sie schien auf ihn gewartet zu haben und-

Noahs Blick fiel wieder auf das Essen.

„Ich musste noch für jemanden einspringen“, murmelte er erschöpft.

„Aha.“

Ihre Antwort löste sich wie eine Kugel aus einem Gewehrlauf. Sie wirkte uninteressiert. Nein. Eher zornig!

Aber warum?

Vorsichtig setzte sich Noah ihr gegenüber. Seine müden Gedanken wollten sich nicht ordnen lassen. Immer wieder musste er auf den Tisch starren.

Das Essen machte keinen Sinn.

„Alles in Ordnung? Schläft Marlina?“, fragte er vorsichtig.

„Wage. Es. Nicht!“, ihre Stimme nahm ein aggressives Zischen an, „Noah. Wie konntest du nur?!“

„Wie konnte ich was? Ich weiß nicht, was du hast“, gestand er gähnend, „Und ich bin total erschöpft. Können wir nicht morgen darüber reden?“

„MORGEN?!“, ihre Stimme überschlug sich, dann griff sie ruckartig zu dem Wein auf dem Tisch. Ihre geübten Hände öffneten die Flasche in Sekunden, ehe sie direkt aus der Quelle trank.

Dabei bestand sie doch sonst immer auf ein Glas …

Unsicher beobachtete Noah sie. Er hatte das Bedürfnis, etwas sagen zu müssen. Aber er wusste nicht, was. Er wusste nicht, was sie sich wünschte. Er wusste nicht, was sie von ihm erwartete …

„Hast du eigentlich eine Ahnung, was du angestellt hast? Hast du eine Ahnung, wie sehr du sie verletzt hast? Hast du-“, sie brach ab und schüttelte den Kopf, „Hast du in deinem Leben überhaupt noch Platz neben der Arbeit?“

„Natürlich“, er verstand nicht, wie sie so etwas sagen konnte, „Betty, warum sonst habe ich mir dieses lächerliche Kostüm besorgt und mir Weihnachten freigenommen? Du wirst schon sehen! Wir werden uns morgen einen wunderbaren Tag-“

Er stoppte.

Dann huschte sein Blick wieder auf den Tisch.

„Heute war bereits der erste Weihnachtsfeiertag“, erwiderte seine Frau trocken, „Marlina hat gestern und heute an der Wohnungstür ausgeharrt. Sie hat auf dich gewartet. Sie hat auf den Weihnachtsmann gewartet. Sie hat auf ihren Papa gewartet! Sie hat dir ein Bild gemalt. Sie hat dem Weihnachtsmann Milch hingestellt. Sie hat gewartet und gewartet und gewartet! Sie wollte nicht einmal etwas essen. Aus Angst, dass sie einen von euch verpassen könnte! Vor drei Stunden ist sie aus Erschöpfung zusammengebrochen und ich musste ihren zittrigen Körper ins Bett tragen.

Also sag mir nochmal, wie wunderbar es werden wird!“

Noah schluckte. Seine Hände gruben sich in seine Haare. Er dachte wieder daran, wie seine Kollegen ihn angesehen hatten, als er sich über die Kriminalität kurz vor Weihnachten beschwert hatte. Er dachte wieder an seinen alten Partner, der doch sonst nur zu Weihnachten anrief.

Irgendwie musste Noah die Tage durcheinander gebracht haben. Er war davon ausgegangen, dass er noch Zeit hätte. Dass heute erst der Dreiundzwanzigste wäre. Dass er seine letzten Fehler wieder gutmachen könnte.

Wie hatte er sich nur so irren können!

„Entschuldige“, schuldbewusst sackte der Polizist zusammen, „Entschuldige. Ich wollte nicht- Drei Kollegen sind krank geworden. Und dann kam so viel Arbeit rein. Ich konnte nicht-“

„Ihre Kompetenz ist wirklich einwandfrei“, spuckte seine Frau ihm entgegen und begann plötzlich, ihn zu siezen, „Wirklich: Einwandfrei. Da können Sie nicht einmal einen Kalender lesen!“

„Betty … Ich wollte doch nicht-“

„Es ist mir egal, was Sie wollten“, ruckartig stand sie auf, „Sie haben mir versprochen, dass Sie sich bessern würden. Sie haben mir versprochen, dass Sie für Marlina da sein würden. Sie haben- Sie haben-“, Tränen perlten an ihren Wangen herab und verschmierten ihr Make-Up.

Sie hatte schon lange keines mehr getragen. Und bei dem schummrigen Licht war es ihm bislang nicht aufgefallen. Plötzlich erwachte der Ermittler in Noah. Er erkannte, wie sie alles für dieses Fest und für ihn herausgeputzt hatte. Er verstand, wie viel Arbeit und Mühe sie hineingesteckt haben musste. Er sah, wie viel es ihr bedeutet hatte.

Hatte …

„Betty … Bitte … Verzeih mir. Ich werde dich nie-“

„Vergessen Sie es“, ihre Stimme war leise, aber sicher, „Raus.“

„Bett-“

„Nein. Wenn Sie mich enttäuschen, ist das eine Sache. Wenn Sie Marlina so herzlos verletzen, eine andere. Das war Ihre … Das war unsere letzte Chance gewesen. Ich lasse mich nächste Woche scheiden. Wagen Sie es nicht, sich mir oder meiner Tochter noch einmal zu nähern.

Wagen Sie es nicht.“

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