Minki und die warmen Tage III

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

Minki hatte einen ganzen Tag gewartet, ehe er sein Versteck verlassen hatte. Von da an war er vorsichtiger geworden. Er vermied es nun, anderen Flatterviechern zu begegnen. Er sah stets zum Himmel auf. Bedachte ihn argwöhnisch. Peilte immer erst die Lage ab.

Obwohl er die Gärten und Natur wieder zu genießen gelernt hatte, so wollte er nie wieder der Gejagte sein. Es war eine Erfahrung, die er nicht wiederholen musste. Stattdessen wollte er dieses Paradies mit all seinen Wundern genießen. Er wollte im Schatten der Bäume schnurren. Er wollte sich in der Sonne aalen. Er wollte frei sein!

Frei von seinen Ängsten.

Frei von den Zweibeinern.

Frei in der Idylle, die ihn so bereitwillig empfing!

Seufzend ließ Minki sich auf einem Fleck Erde nieder und genoss die Kühle. Er war nicht weit von dem Garten seines Retters entfernt. Der Kater hatte sich eingeredet, dass er die Stimme des Zweibeiners vermisste. Jedoch fühlte er sich besser, wenn er sich notfalls jederzeit in dessen Hütte flüchten konnte.

Zufrieden leckte er seine Pfoten, die noch den Geruch von Blut trugen. Er hatte sich in den letzten Tagen von einigen Mäusen ernährt und sie bis aufs letzte Schnurrhaar verschlungen. Damit ging er sicher, dass diese Federkreischer nicht wieder seine Spur aufnahmen.

Diese Art der Mahlzeiten waren vielleicht nicht sonderlich abwechslungsreich, aber sie füllten seinen Magen. Und davor waren sie so lustige Spielzeuge! Eine amüsante Beschäftigung zwischen den trägen Nickerchen.

Schnurrend spürte Minki, wie die Sonne hinter einer Wolke hervor schielte und endlich wieder sein schwarzes Fell liebkoste.

In den letzten Tagen war sie immer häufiger verschwunden. Die Nächte schienen länger zu werden. Frischer. Die Temperaturen sanken. Und den einen Tag hatte es sogar gewindet und geregnet!

Der Kater schüttelte sich, als die Erinnerung zurückkehrte.

Dieses Wetter war keine schöne Erfahrung gewesen. Das Unwetter hatte Minki überrascht und so hatte er sich in einem Gebüsch zusammengerollt. Der Wind war durch die Blätter gefahren! Er hatte das Fell des Katers in alle Richtungen geblasen. Und dann war das Nass gekommen! Eklig und fröstelnd war es auf ihn herabgetropft. Hatte sein Fell durchnässt. Ihn frieren lassen!

Erst am nächsten Tag war das Gewitter verschwunden. Minki war froh, dass es seitdem zurückgekehrt war! Immerhin wusste der Kater nicht, wo er sich verstecken sollte, wenn sich der Himmel abermals verdunkelte …

Klar, er konnte zu seinem Retter flüchten. Aber wollte er sich wie ein Verlierer bei dem Zweibeiner verstecken? Nur weil dieser Minki zuvor nicht bemerkt hatte, musste das nicht ein zweites Mal funktionieren! Außerdem war der Kater ein Wesen der Natur. Es musste also einen anderen Weg für ihn geben! Ehe er sich mit Schande besudelte … Er brauchte einen Notfallplan, der ihm Sicherheit verschaffte. Sicherheit und Selbstständigkeit!

Genau. Das war es. Er brauchte einen eigenen Unterschlupf. Etwas mit einem festen Dach über dem Kopf. Stabile Wände. Und wenn er schon dabei war, so musste es ihn auch vor den Flattermonstern schützen können! Es musste-

Minki brach mitten in seinen Gedanken ab. Sein Maul hatte sich mit Wasser gefüllt. Neugierig schnupperte er. Nahm ihn wahr. Diesen Geruch. Diesen lieblichen Duft von wunderbarem Essen. Es roch wie der Himmel auf Erden. Der Himmel ohne diese fliegenden Schreckschrauben. Der Himmel gefüllt mit Köstlichkeiten!

Schnurrend erhob sich der Kater und sog gierig die Luft ein. Das Essen musste irgendwo bei seinem Retter sein. Wahrscheinlich auf oder hinter dessen Garten. Es duftete, wie für Minki gemacht. Es erinnerte ihn an die Speisen, die die Zweibeiner sonst aßen. Die er sonst nur betrachten konnte. Die sie fast nie mit ihm teilten.

Die er sich schon immer einmal stehlen wollte.

Schlendernd machte Minki sich auf den Weg. Er sprang über zwei Zäune und zwängte sich durch eine Hecke. Er konnte schon die gackernden Nicht-Fliege-Federviecher hören, denen er vor einigen Tagen begegnet war. Es waren eingezäunte Tiere aus einem anderen Garten, die ihn kaum weiter kümmerten. Immerhin blieben sie hinter diesem Gitter unter sich – Minki kam nicht zu ihnen herein, sie nicht zu ihm heraus.

Still schlich er sich näher. Folgte dem Duft, der von nichts anderem verdeckt werden konnte. Er konnte nun seinen Retter und die anderen beiden Zweibeiner ausmachen. Sie trugen ganz viele Sachen umher. Taschen, Kartons, Tüten … und seinen Korb.

Letzterer war leer. Die jüngere Zweibeinerin hatte ihn offen auf dem Rasen abgestellt. Mitten in der Sonne! Dachte sie etwa, dass er hineinspringen würde? Warum sollte er das tun? Wie einfältig war dieses Kind?

Der Kater beobachtete, wie sie alle in einem der Häuser verschwanden, ehe er den Geruch wieder aufnahm und über den Rasen flitzte. Er verfolgte ihn zu dem anderen Haus. Zu dem kleineren Gebäude, dessen Tür verschlossen war.

Nicht aber das winzige Fenster, aus dem der Duft emporstieg.

Minki konnte sein Glück kaum fassen! Aufgeregt peilte er die Lücke an, ehe er hochsprang und-

-einen dünnen Ast mit in das Gebäude riss. Hinter ihm flog das Klappfenster scheppernd zu. Erschrocken zuckte er zusammen. Starrte auf den Ast. Starrte auf seine Umgebung. Auf diesen leckeren Fisch vor ihm.

Hätte Minki nicht zuvor in der Wohnung seines Retters gelebt, so hätte er nun sicherlich Panik bekommen. Er wäre im Dreieck gesprungen. Hätte nach einem weiteren Ausgang gesucht. Hätte all diese komischen Dinge in den Regalen heruntergerissen. Er hätte ein riesiges Chaos veranstaltet!

So, wie die Dinge aber lagen, war ihm ein enger Ort nicht unbekannt. Außerdem hatte er hier Essen. Eine Wasserschale stand bereit. Und da lag seine Lieblingsdecke! Es war ein so kuscheliger Ort …

Wollte er sich nicht einen sicheren Unterschlupf suchen? Der Geruch der Zweibeiner kitzelte nur sanft seine Nase. Das Dach hatte keine Löcher. Die Wände sahen stabil aus. Wind und Wetter konnten ihm hier definitiv nichts anhaben. Und sein Retter würde ihn kaum einen Feigling schimpfen können, wenn er Minki hier drinnen nicht fand!

Zufrieden stolzierte der Kater zu dem Fisch und biss in das warme Fleisch. Schnurrend genoss er jeden Bissen. Schleckte sich die Schnute. Trank nach Herzenslaune von dem Wasser. Genoss die Kühle und Frische des Nass.

Bis er so voll war, dass er sich müde auf der Decke zusammenrollte.

Als sein Retter einige Stunden später zu ihm kam, glaubte Minki zu träumen. Erst nachdem der Zweibeiner den Kater einige Male gestreichelt hatte, wurde ihm das Gegenteil bewusst.

Sein erster Instinkt war es fort zu rennen.

In den Garten.

In die Freiheit!

Doch hatte ihn sein Retter bereits in den Korb verfrachtet. Die Klappe war zu. Die Freiheit fort. Alles Jaulen und Fauchen half nichts. Er steckte fest.

Doch starben alle Proteste kurz darauf auf Minkis Lippen.

Denn draußen regnete es.

Es gewitterte.

Es blitzte und donnerte.

Ängstlich kauerte sich der Kater zusammen. Dieses Unwetter war um ein vielfaches schlimmer, als das letzte.

Es war zum Fürchten!

Wie konnte der Himmel nur so düster werden? Wie konnten nur so viele Blätter durch die Luft wehen? Da fielen sogar einige größere Äste von den Bäumen!

Erschrocken sah Minki zu seinem Retter hoch. Sein Retter, der ihn sicher durch den Sturm trug. Sein Retter, der ihn schützend zu den anderen Zweibeinern brachte. Sein Retter, der ihn nach all diesen wunderbaren warmen Tagen zurück nach Hause fuhr.

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