M: Janes Gewissen

Still schlich sich Jane durch die düstere Wohnung. Die Schatten krochen an ihr hoch. Umwoben sie wie eine sanfte Liebkosung. Eine Zärtlichkeit, die ihr doch so vertraut war. Die sie weiter den Flur entlanglaufen ließ, obwohl sie nur schwer die Formen in der Schwärze ausmachen konnte.

Sie war bereits viel zu spät dran. Wenn ihr Vater daheim wäre, wenn er bemerken würde, dass sie nun erst nach Hause käme, würde er sie nicht nur belehren. Er würde einige der angedrohten Konsequenzen wahrmachen – vielleicht noch ihre Schwester mit hineinziehen!

Ihre Schwester, die zwar älter war, aber dennoch um so vieles zerbrechlicher, naiver. Dieser Mistkerl von einem Vater würde sie-

„Du bist spät dran“

Die weibliche Stimme, die weder ihrer Mutter noch ihrer Schwester gehörte, beruhigte sie mehr, als sie bereit gewesen wäre, zuzugeben. Ihre Augen fanden den schlanken Körper, der sachte an einer Wand lehnte, der auf sie zu warten schien, der sie nie zuvor bedroht hatte.

„Ich brauchte noch etwas frische Luft“, behauptete Jane sicher, während sie gelassen näherkam und alles andere hinter sich zurückließ.

Die Sekretärin ihres Vaters, ihr Kindermädchen, war niemand, den sie fürchten musste. Sie war nicht so streng wie ihre Mutter. Nicht so unwissend wie ihre Schwester. Nicht so herzlos wie ihr Vater. Sie war ein offenes Ohr, eine sachte Belehrung, eine helfende Hand.  

Neben dem Arzt, der sich immer wieder um Jane kümmerte, dessen Frau und ihr waren diese drei Personen wohl die ehesten, die sie als Familie bezeichnet hätte. Die drei… und vielleicht noch ihren Halbbruder…

Ein prüfender Blick musterte sie einmal von oben bis unten, ehe die Frau es gut sein ließ. Seufzend kam sie näher und öffnete die Tür zu Janes Zimmer. Ein Zimmer, das falscher nicht aussehen konnte. Das so normal erschien. Das einen solchen Kontrast zu ihrem restlichen Leben darstellte. Das Janes größte Lüge war.

„Wenn du etwas Abstand brauchst, kann ich mir sicherlich etwas einfallen lassen. Es ist nur normal, dass Kinder ihren eigenen Weg finden wollen und Freiraum brauchen“

„Also würdest du dich freiwillig gegen Vater stellen?“, fragte sie die Frau unbekümmert, wenngleich auch übereilt.

Jane wandte ihr zügig den Rücken zu und drehte das Licht an. Sie wusste, dass sie wahrscheinlich zu weit gegangen war. Niemand würde sich gegen ihren Vater auflehnen. Er war zu perfekt. Genoss ein viel zu hohes Ansehen in der Öffentlichkeit. Wenn er nach einem Herzen verlangen würde, würden mehrere Leute ihre herausreißen. Ihre eigene Mutter würde ihr Leben wegwerfen!

Was sollte da schon die Frau sagen, die er von der Straße aufgelesen hatte? Die ihm alles verdankte? Die selbst ihre eigenen Kinder seiner Sache verschrieben hatte? Die Jane gelehrt hatte-

„Dir etwas Atemluft zu beschaffen bedeutet nicht, ihn zu hintergehen, Liebes. Wenn du mich es ihm erklären lässt, kann ich dir ein paar Tage Ruhe verschaffen. Ein paar Tage, in denen du dann auch mal etwas Zeit mit deiner Freundin unternehmen kannst. Lisa, richtig?“

Erschrocken fuhr Jane herum. Sie starrte in das lächelnde Gesicht. In dieses liebevolle Gesicht, das alles zu wissen schien. Das von ihrer einzigen Freundschaft wusste. Eine, die sie so angestrengt vor ihrem Vater verbarg. Die sie ihn nicht sehen lassen durfte. Die ihre Freundin doch nur in Gefahr bringen würde!

„Ich weiß nicht, wovon du redest“, bemerkte sie gelassen, obwohl sie wusste, dass Mona sie bereits durchschaut hatte.

„Ihr wurdet viel zu oft gesehen. Und es passt nicht zu dir, so oft in einer langweiligen Bibliothek zu verschwinden“, ruhig kam die Frau näher und legte ihre Hände sicher auf Janes Schultern ab, „Ich werde ihm nichts sagen. Aber du musst dich wieder einkriegen.

Ich weiß nicht, was Niklas dir erzählt hat oder was in deinem hübschen Köpfchen vor sich geht, doch dein Vater braucht dich. Du bist ein Teil von dem, was er dieser Stadt hinterlassen will. Etwas, was nur funktioniert, wenn du dein Mitgefühl wieder verlierst. Du darfst nicht zögern. Du darfst nicht wieder innehalten, wenn der entscheidende Moment kommt. Im Auge des Teufels geht es nur um das Überleben“

Mona drückte noch einmal sachte die Schultern der Jüngeren, ehe sie von ihr abließ und im dunklen Flur verschwand.

Erschöpft brach Jane auf ihrem Bett zusammen. Sie schloss sich selbst in die Arme. Erinnerte sich zurück. An eine Zeit, in der alles noch einfacher gewesen war. Bevor sie ihre Freundin kennengelernt hatte. Bevor sie sich mit ihrem Halbbruder unterhalten hatte. Bevor sie angefangen hatte zu zweifeln. An damals.

Als sie noch kein Gewissen hatte.

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