
Es dauerte knapp zwei Stunden, bis die ganze Schule über Betty informiert war. Zuvor hatte es nur ein paar Gerüchte gegeben. Kurze Geschichten, die auf den Fluren die Runde machten und mit jeder Wiederholung etwas aufgeplustert wurden. Aber als Bettys Vater sie aus dem Sekretariat abholte, konnte sich niemand mehr zu den Unwissenden zählen.
„DAS SIND REINE UNTERSTELLUNGEN!“, schrie dieser aus.
Unruhig schaute Liane zur Tür. Ihr jetziger Unterrichtsraum lag zwei Etagen und eine Flurlänge vom Sekretariat entfernt und dennoch konnte sie den Mann schon seit einer Viertelstunde glasklar hören.
Als würde er neben ihr stehen.
„HABEN SIE DAFÜR ÜBERHAUPT IRGENDWELCHE BEWEISE? ODER REDEN SIE SICH AUCH MIT DEM GERUCHSINN EINER HÜNDIN RAUS?!“
Alle im Raum schauten unruhig zur Tür, dann wieder auf ihre Zettel. Eigentlich hatten sie einen Test zu schreiben. Über Formeln und Gleichungen. Nur schien sich keiner darauf fokussieren zu können.
„UND DIESE LIANE?! WIESO SITZT SIE NOCH IM UNTERRICHT, NACH ALLEM, WAS SIE MEINER KLEINEN BETTY ANGETAN HAT?!“
Sie zuckte zusammen. Die Worte halten wie Peitschenhiebe in ihren Ohren wider. Sie mochte es nicht, dass dieser Mann ihren Namen so ausschrie.
Seufzend setzte die Mathelehrerin ihre Brille ab und massierte sich die Stirn: „Ist irgendeiner von euch-“
„BESITZEN SIE ÜBERHAUPT GRAUE ZELLEN DA OBEN ODER TUEN SIE NUR SO? BEI IHRER SCHWESTER WÜRDE ES MICH JA NICHT WUNDERN!“, unterbrach Bettys Vater aus der Ferne.
Der Blick der Lehrerin verfinsterte sich. Angespannt lehnte sie sich zurück und trommelte mit den Fingern über den Tisch.
„Das war zu viel“, murmelte sie.
Diesmal dauerte es länger, bis man Bettys Vater wieder hörte. Keiner schaute noch auf seinen Test. Alle blickten in die ungefähre Richtung des Sekretariats. Die Ohren gespitzt. Die Brauen angespannt.
„SIE KÖNNEN MICH NICHT VON DER POLIZEI RAUSWERFEN LASSEN! ICH BIN-“
Stille.
Leise tickte die Uhr im Unterrichtsraum. Der Sekundenzeiger wanderte von der drei zur vier, zur fünf, zur sechs … Dann knallte eine Tür.
„Und das, meine lieben Langhälse, nennt sich Gebrauch des Hausrechts“, bemerkte ihre Mathelehrerin, „Ich glaube, Betty wird die nächsten Wochen nicht zur Schule kommen und nach all den Unterbrechungen … Der heutige Test wird nicht bewertet und wir werden morgen einen neuen versuchen. Oder hat irgendjemand von euch bereits die zweite Aufgabe gelesen?“
Liane blickte auf ihren Zettel.
Sie hatte noch nicht einmal die erste überflogen.
Draußen nahm sie eine Bewegung wahr und blickte aus dem Fenster. Dort lief Betty – und ein sehr breitschultriger Mann im Anzug. Er klebte am Handy. Schimpfend. Diesmal jedoch sehr viel gedämpfter.
„Können wir die Fenster wieder aufmachen? Es ist so warm“, fragte Shiloh.
Sie waren eh nur geschlossen geworden, um so auch hoffentlich das Geschrei aussperren zu können. Doch gebracht hatte es absolut nix.
„Ja, bitte.“
Eilig standen Liane und zwei weitere Schüler auf, um die frische Luft hinein zu lassen. Beim Hinsetzen blieb ihr Blick an Tina heften.
Sie saß hinten. Das Handy auf dem Schoß. Wie gebannt starrte sie darauf. Als müsste es jeden Moment losgehen … Hatte sie Angst? Wovor? Vor den angedeuteten Gerüchten? Oder davor, dass Betty sie anschreiben würde? Dass Betty sie verpetzen würde?
Nachdenklich setzte Liane sich wieder. Der Unterricht zog unbemerkt an ihr vorbei. Es waren Wiederholungen. Erklärungen, die rauschend in ihrem Kopf untergingen. Zu sehr beschäftigten sie ihre eigenen Gedanken. Tina. Betty …
Was Chemy wohl zu allem sagen würde?
„Hey, alles gut?“, riss Oliver sie irgendwann aus ihren Gedanken.
Blinzelnd bemerkte sie, dass der Unterricht schon zu Ende war. Sie hatte komplett abgeschaltet. Nichts mehr mitbekommen. Sogar bereits ihre Sachen eingepackt! Neben Oliver stand Shiloh – die Arme in die Seiten gestemmt.
„Wieder da?“, fragte sie grinsend.
Kopfschüttelnd stand Liane auf. Sie griff nach ihrer Tasche. Stieß sich dabei mit dem anderen Arm am Tisch. Schaute hinab.
Seit wann klammerte sie sich schon wieder an ihrem Talisman fest?
„Ja …“, hastig schüttelte sie sich nochmal, „Ja. Entschuldigung. Gedanken. Ich- Ich glaube, ich bin kurz weg gedriftet.“
„Kurz?“, Shiloh lachte auf, „Du warst wie ein Roboter!“
„Wegen Bettys Vater?“, fragte Oliver zugleich, „Alle reden davon. Er hat ja quasi die ganze Schule geupdatet. Aber dass er Miss Lavendel beleidigt hat … Whoa. Das wird noch ein Nachspiel haben.“
Er schauderte.
Unschlüssig runzelte Liane die Stirn. Sie wusste, dass die Sekretärin sehr beliebt war. Noch nie hatte sie ein böses Wort über die Frau vernommen. Jeder schien sie mit Respekt zu behandeln. Dennoch wäre das wohl kaum ein wirksamer Schutz vor wütenden Eltern, oder?
„Miss Lavendel“, betonte Shiloh, als sie Lianes unschlüssigen Blick bemerkte, „Ihre Mutter war die frühere Direktorin, ihr Großvater hat die Schule gegründet. Ihr Vater sitzt in der Stadtverwaltung. War über mehrere Jahre Bürgermeister. Ihr Bruder ist irgendein hohes Tier bei der Polizei. Sie selbst sollte eigentlich unsere neue Direktorin werden, hatte aber abgelehnt, weil sie mehr mit den Schülern zu tun haben wollte.“
„Du hast noch ihren anderen Bruder vergessen. Der Ehrenamtliche!“, fügte Oliver hinzu.
Shiloh rollte mit den Augen: „Ja. Und ihre kleine Schwester, die zur Sekte übergelaufen ist. Beide haben aber eher weniger Einfluss, oder?“
Zustimmend nickte er.
„Also, wird sie wegen ihrer Familie so respektiert?“, fragte Liane vorsichtig nach.
„Wegen ihrer Familie, wegen ihrer Art, wegen ihrer Verbindung zur Schule und wegen ihrer Unterstützung bei Sorgen und häuslichen Problemen der Schülerschaft. Sie bewirbt es zwar nicht, aber wenn man sich von ‘ner Stunde mit Bauchschmerzen oder so entschuldigt und bei ihr bleibt, fragt sie immer nach, ob es nur das ist. Sollte sie noch andere Probleme vermuten, bietet sie ein offenes Ohr oder einen Pep-Talk bei Prüfungsangst und so an. Ist echt cool“, Shiloh zuckte mit den Schultern.
Es wirkte, als wäre sie schon mehrfach da gewesen.
„Das ist … cool“, langsam konnte Liane das Geschrei von Bettys Vater aus ihrem Kopf verdrängen.
Und noch langsamer konnte sie ihre Hand aus der Hosentasche befreien.
Sofort hielt Oliver sie fest und begutachtete die Wunde daran.
„Was hast du denn da gemacht?“, Sorge sprach aus seinem Blick.
Sorge, die sie ihm nicht bereiten wollte.
„Nur ein Kratzer. Nicht weiter schlimm, ja?“, sie drückte seine Finger kurz, „Wollen wir endlich was essen? Ich fall‘ gleich um vor Hunger!“
Lachend verließen sie den Raum. Shiloh blieb links von ihr. Oliver rechts. Sie wirkten wie eine Barriere. Ein Schutzwall. Eine Mauer, die Liane vor dem Getuschel der Mitschüler bewahren sollte.
Dennoch spürte sie die misstrauischen Blicke.
Und wie sie sich in ihren Rücken bohrten.
