B: Aus der Zeit gerissen

„Bis nachher“, rief Liane hastig in die Küche, während sie in ihre Schuhe schlüpfte.

„Alles gut?“, verwundert eilte ihr Vater herüber, „Ich dachte, wir frühstücken zusammen?“

„Ich muss noch etwas vor dem Unterricht erledigen. Wir sehen uns später!“, sie versuchte normal zu klingen. Als hätte sie einfach nicht genug Zeit, um zu quatschen. Als wäre alles in Ordnung.

Erst dann sprang sie raus und rannte die Straßen entlang.

Wenn sie länger geblieben wäre, wären die Fragen über sie hergefallen. Dann hätte sie ihn anlügen müssen. Aber das fühlte sich falsch an. Sie wollte nicht lügen. Sie konnte nicht …

Erst als sie die anderen Teenager sah, verlangsamte sie ihr Tempo und schlüpfte zwischen die fremden Gesichter. Kaum eines kam ihr bekannt vor. Wie auch? Ihre Mitschüler lagen ja noch selig im Bett, um ihre Ausfallstunden zu verschlafen.

Sie war viel zu früh dran …

Und dennoch war es vielleicht schon zu spät.

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B: Überfürsorglichkeit

„Wie war die Schule?“, fragte ihr Vater beim Abendbrot.

Es war eine tägliche Frage. Eine altbekannte. Und eine, die zu einem Gespräch einlud, für das Liane derzeit keine Nerven hatte …

„Ganz okay“, schulterzuckend schob sie sich einige Nudeln in den Mund.

„Wirklich? Du wirkst irgendwie so … abweisend? Ist etwas passiert?“

Ihr Vater sah sie unschlüssig an. Er wirkte besorgt. Unsicher. Ängstlich? Ja … Ängstlich. Er musste spüren, dass sie ihm etwas aktiv verheimlichte. Aber es ging nicht anders! Diese Zeichnungen …

„Nur in Gedanken“, erklärte sie und immerhin entsprach das ja auch irgendwie der Wahrheit, „Wird schon wieder. Mach dir keinen Kopf.“

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B: Die Zeichnungen

„Papa?“, rief Liane durch das große Haus, „Ich bin wieder da!“

Eine ungewohnte Stille antwortete ihr. Sie fühlte sich vertraut und gruselig zugleich an. Wie eine unförmige Erinnerung.

Unsicher stellte das Mädchen ihre Schuhe neben der Tür ab und schlich sich in die Küche. Alles andere wäre ihr falsch vorgekommen. Sie wollte hier keinen noch so kleinen Mucks von sich geben. Jedes Rascheln erschien ihr so endlos laut. Jeder Schritt wie Hufgetrampel. Es hatte etwas von einem Gewitter, das sich über ihr zusammenbraute.

Schaudernd trat Liane in die Küche. Sie mochte keine Gewitter. Wenn der Himmel die Beherrschung verlor, fühlte es sich immer wie eine tobende Apokalypse an. Niesel, Regen, Hagel ließen sie gleichermaßen erschaudern.

Nur Schnee war in Ordnung.

Schnee hatte sie schon immer gemocht …

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B: Lianes erste Freundschaft

„Tschüss!“, rief Liane hastig durchs Haus.

„Soll ich dich nicht noch-“

Geflissentlich ignorierte sie ihren Vater und zog den überraschten Oliver mit sich zur Straße. So sehr sie ihren alten Herren auch liebte, wenn er erstmal Mutterhenne spielen würde, kämen sie garantiert nicht mehr rechtzeitig los!

„Komm schon“, drängte sie – nur um drei Schritte später ihre Richtung zu korrigieren.

Denn Oliver zeigte stumm nach links statt nach rechts.

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B: Der Brief

Liane starrte auf die Tabletten, die ihr der Arzt verordnet hatte. Irgendwelche Antidepressiva, die ihr laut dem alten Mann helfen sollten, keinen Unfug mehr zu zeichnen. Sie sollte sie täglich zweimal nehmen. Mittags und abends. Immer zu denselben Uhrzeiten. Immer direkt vor den Mahlzeiten.

Entschlossen nahm sie sich ihre paar Pillen und warf sie in den kleinen Karton, der in ihrem Zimmer als Sammelsurium für winzige Objekte diente. Büroklammern, ein paar Stifte, zwei Würfel und diverser Krimskrams tummelten sich darin mit den Tabletten der letzten Tage.

Es war der einzige Ort, der ihr als Versteck in den Sinn gekommen war.

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