B: Seltsamer Schutzengel

Müde rieb sich Liane die Augen und schloss das Buch, in dem sie eigentlich noch lesen sollte. Es brachte nichts. Sie war fast zu Hause und die Busfahrt war einfach zu einschläfernd für diese Art der Lektüre. Die holprigen Straßen luden geradezu dazu ein, die Lider zu senken und sich den Träumen über andere Welten hinzugeben.

Welten, von denen einzig sie zu träumen schien.

„Zeitverschwendung“, knurrend steckte sie das Schulbuch in ihre Tasche und schielte auf ihr Handy. Kurz vor neun. Sobald sie zu Hause ankam, müsste sie sich ums Abendbrot kümmern, duschen und ins Bett. Ihr Vater würde nicht vor elf zurück sein und ihre Mutter?

Die Frau war doch schon seit zwölf Jahren überfällig! Seitdem sie Liane nach ihren Träumen ausgefragt und diese für zu anstrengend befunden hatte.

„Verzeihung?“

Irritiert sah Liane zu dem Mann schräg vor ihr. Er war klein. Etwas rundlich. Hohe Stirn. Kleine Augen. Kurzgeschorene Haare.

Seltsam.

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M: Prolog – Flucht I

Er rannte. Hechelnd versuchte er, mit seinem großen Bruder Schritt zu halten. Oder wurde er eher hinterhergezerrt? Er wusste nicht mehr, ob er aus eigener Kraft lief oder gezogen wurde. Ob das Adrenalin in seinem Körper echt war oder er schon zu den Toten gehörte und es nur noch nicht wusste …

Erneut konnte er sie hören. Die Schüsse am Ende des Flurs, die fluchenden Rufe, die erschrockenen Schreie, die wütenden Stimmen, vor denen sie flüchteten …

Und dann roch er es. Der beißende Gestank des Rauches, der an verbranntes Fleisch erinnerte. Geschmolzenes Plastik. Bittere Chemikalien … Es war der Geruch des Todes. Er versuchte, dem Jungen Tränen in die Augen zu treiben. Ihn innehalten zu lassen. Aber er wehrte sich.

Er würde sich immer wehren.

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AdHdEk: Die Geburt

Tod

Als er die Augen das erste Mal öffnete, erfüllte ihn ein Name. Es war ein sturer Name, der sein Wesen gänzlich einnahm. Ein Name, den er nicht verstand. Den er für böse hielt. Der richtig und falsch zugleich schien und – und dennoch! Dennoch spürte er, welche Rolle dieser Name im großen Ganzen spielte. Wenngleich er es nicht in Worte zu fassen glaubte-

Wenngleich er das große Ganze nicht zu begreifen erhoffte.

Was er wusste, war … Nichts. Und trotzdem fühlte er sich, als müsse er nur an einem einzigen Gedanken festhalten, um alles zu erfahren. Um diese trostlose Einöde zu verstehen, die ihn umgab. Diese … Erde? Diese zerrissene tote Erde, die kein Feuer in sich trug. Kein Wasser. Keinen Geist. Nicht mal eine Seele.

Eine Seele?

Was war eine Seele?

Warum kümmerte sie ihn?

Er wandte sich ab. Zog sich hoch. Fand heraus, dass sein Körper sich nicht entscheiden konnte. Dass sich seine Knochen noch formten. Dass das Fleisch sich noch wandelte. Experimentierte.

Erst hatte er ein Bein.

Dann plötzlich zwei.

Dann vier.

Seine Arme wurden erst länger.

Dann kürzer.

Sein Rücken juckte und er spürte etwas daran wachsen.

Er sah Flügel, spürte Hörner und einen Schwanz aus ihm sprießen.

Und dann?

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Erholende Ruhe

Inmitten von Geschrei, Geplär,
Hupen, Kreischen, dem ganzen Verkehr,
Den Tönen der Feuerwehr
Und so vielem mehr!
Kommt man heut‘
Zwischen all den Leut‘
Stets bereut
Nicht erfreut
Einfach
Nimmermehr
Zur Ruh.

Stets steht etwas an.
Stets wird man gerufen.
Stets gibt’s was zu tun.
Stets sitzt man auf den Stufen.

Aufgaben stapeln sich,
Die Arbeit wartet nicht,
Sie fordert dich!

Sie fordert dich
Ein,
Heraus,
An,
Immerzu,
Ohne Ruh.

Denn das Leben wurde durchgeplant.
Es hat sich Deiner nicht erbarmt.
Es hat die Jahre ermahnt.
Einen Zeitplan entsandt.

Erst hierhin
Dann dorthin.
Zieht es dich
Von A
Nach B
Zu C
Über D
Hinaus zu E
Hinfort zu F …

Der Schlaf ist auf die Minute datiert,
Das Träumen wurde dreifach halbiert.
Stattdessen nahm das Lernen zu,
Das bisschen Arbeit schaffe man doch im Nu!
Pausen wurden abgeschafft,
Der Tag streng gestrafft.

Erholung wäre überbewertet,
Die Herzen seien eh verhärtet!
Ach, wann werde ausgewertet:

Der Stress in jungen Tagen
Im Vergleich
Zu den erholsamen Jahren,
Die doch nicht jeder von uns
erreicht.

Kletternde Erwartung

Wie auf einer Skala
Rennt es hinauf.
Hitze obsiegt,
Gewinnt jeden Lauf.

Die Temperaturen steigen
Strich um Strich.
Mit ihnen vergeht
Ein sanftes Licht.

Phantasie ist zweitrangig,
Freude vergeht.
Dem Glück wird bange,
Spaß verweht.

Denn gefordert wird viel,
Gefordert wird alles,
Gefordert wird stets,
Die Seele des Krawalles.

So heißt es:
Lernen. Trainieren.
Üben. Musizieren.

So wird verlangt:
Werd‘ besser. Werd‘ besser.
Zur Not auch mit Messer!

Wird man schlechter,
Hat man versagt.

Wird man nicht gut,
Man hat es gewagt!

Gewagt zu verlieren.
Gewagt zu enttäuschen.
Gewagt diese Erwartungen,
Die täglich mehr verlangten,
Die täglich höher sprangen,
Die täglich fordernd langten,

Nicht zu erfüllen!

Egal sind die Umstände.
Irrelevant alle Einwände.
Und wenn man Ruhe fände,
Sich entfremde,
Bestände
Auf ein baldiges Ende,
Wird man gefragt:
Warum man sich denn abwände?

Warum verletzt man jene,
Die alles für einen gäben?
Wahrlich ist es nicht fair!
Erkennt man nicht den Segen?
Den Segen, den man durch sie erlangt,
Der sicherlich nicht zu viel verlangt!

Denn diese klitzekleinen Erwartungen,
Die ja nur mit dem Alter,
Die einzig mit dem Können,
Mit dem Erlernten und Obsiegten
Stiegen-
Sie waren doch sicherlich nicht zu viel?

Sie waren doch sicherlich
Rechtens und
Motivation,
Kein Grund zur folgenden
Separation.

Separation von Kindern
Zu ihren Eltern,
Zu ihren Lehrern,
Den drängenden Älteren,
Der inneren Stimme-

Oh, weh! Oh, weh!
Sollte man dieser nicht vertrauen?
Damit man mit deren Imagination,
Die Welt bringt zum Staunen?

Imagination,
Dessen Motivation
Verborgen in Isolation …

So frag‘ ich nun jene,
Die andere fordern,
Und stets herumbeordern:

War das Ziel,
Ein tödliches Spiel,
Nicht ein wenig zu viel?