Er rannte. Hechelnd versuchte er, mit seinem großen Bruder Schritt zu halten. Oder wurde er eher hinterhergezerrt? Er wusste nicht mehr, ob er aus eigener Kraft lief oder gezogen wurde. Ob das Adrenalin in seinem Körper echt war oder er schon zu den Toten gehörte und es nur noch nicht wusste …
Erneut konnte er sie hören. Die Schüsse am Ende des Flurs, die fluchenden Rufe, die erschrockenen Schreie, die wütenden Stimmen, vor denen sie flüchteten …
Und dann roch er es. Der beißende Gestank des Rauches, der an verbranntes Fleisch erinnerte. Geschmolzenes Plastik. Bittere Chemikalien … Es war der Geruch des Todes. Er versuchte, dem Jungen Tränen in die Augen zu treiben. Ihn innehalten zu lassen. Aber er wehrte sich.
Als er die Augen das erste Mal öffnete, erfüllte ihn ein Name. Es war ein sturer Name, der sein Wesen gänzlich einnahm. Ein Name, den er nicht verstand. Den er für böse hielt. Der richtig und falsch zugleich schien und – und dennoch! Dennoch spürte er, welche Rolle dieser Name im großen Ganzen spielte. Wenngleich er es nicht in Worte zu fassen glaubte-
Wenngleich er das große Ganze nicht zu begreifen erhoffte.
Was er wusste, war … Nichts. Und trotzdem fühlte er sich, als müsse er nur an einem einzigen Gedanken festhalten, um alles zu erfahren. Um diese trostlose Einöde zu verstehen, die ihn umgab. Diese … Erde? Diese zerrissene tote Erde, die kein Feuer in sich trug. Kein Wasser. Keinen Geist. Nicht mal eine Seele.
Eine Seele?
Was war eine Seele?
Warum kümmerte sie ihn?
Er wandte sich ab. Zog sich hoch. Fand heraus, dass sein Körper sich nicht entscheiden konnte. Dass sich seine Knochen noch formten. Dass das Fleisch sich noch wandelte. Experimentierte.
Erst hatte er ein Bein.
Dann plötzlich zwei.
Dann vier.
Seine Arme wurden erst länger.
Dann kürzer.
Sein Rücken juckte und er spürte etwas daran wachsen.
Er sah Flügel, spürte Hörner und einen Schwanz aus ihm sprießen.
Inmitten von Geschrei, Geplär, Hupen, Kreischen, dem ganzen Verkehr, Den Tönen der Feuerwehr Und so vielem mehr! Kommt man heut‘ Zwischen all den Leut‘ Stets bereut Nicht erfreut Einfach Nimmermehr Zur Ruh.
Stets steht etwas an. Stets wird man gerufen. Stets gibt’s was zu tun. Stets sitzt man auf den Stufen.
Aufgaben stapeln sich, Die Arbeit wartet nicht, Sie fordert dich!
Sie fordert dich Ein, Heraus, An, Immerzu, Ohne Ruh.
Denn das Leben wurde durchgeplant. Es hat sich Deiner nicht erbarmt. Es hat die Jahre ermahnt. Einen Zeitplan entsandt.
Erst hierhin Dann dorthin. Zieht es dich Von A Nach B Zu C Über D Hinaus zu E Hinfort zu F …
Der Schlaf ist auf die Minute datiert, Das Träumen wurde dreifach halbiert. Stattdessen nahm das Lernen zu, Das bisschen Arbeit schaffe man doch im Nu! Pausen wurden abgeschafft, Der Tag streng gestrafft.
Erholung wäre überbewertet, Die Herzen seien eh verhärtet! Ach, wann werde ausgewertet:
Der Stress in jungen Tagen Im Vergleich Zu den erholsamen Jahren, Die doch nicht jeder von uns erreicht.
Wie auf einer Skala Rennt es hinauf. Hitze obsiegt, Gewinnt jeden Lauf.
Die Temperaturen steigen Strich um Strich. Mit ihnen vergeht Ein sanftes Licht.
Phantasie ist zweitrangig, Freude vergeht. Dem Glück wird bange, Spaß verweht.
Denn gefordert wird viel, Gefordert wird alles, Gefordert wird stets, Die Seele des Krawalles.
So heißt es: Lernen. Trainieren. Üben. Musizieren.
So wird verlangt: Werd‘ besser. Werd‘ besser. Zur Not auch mit Messer!
Wird man schlechter, Hat man versagt.
Wird man nicht gut, Man hat es gewagt!
Gewagt zu verlieren. Gewagt zu enttäuschen. Gewagt diese Erwartungen, Die täglich mehr verlangten, Die täglich höher sprangen, Die täglich fordernd langten,
Nicht zu erfüllen!
Egal sind die Umstände. Irrelevant alle Einwände. Und wenn man Ruhe fände, Sich entfremde, Bestände Auf ein baldiges Ende, Wird man gefragt: Warum man sich denn abwände?
Warum verletzt man jene, Die alles für einen gäben? Wahrlich ist es nicht fair! Erkennt man nicht den Segen? Den Segen, den man durch sie erlangt, Der sicherlich nicht zu viel verlangt!
Denn diese klitzekleinen Erwartungen, Die ja nur mit dem Alter, Die einzig mit dem Können, Mit dem Erlernten und Obsiegten Stiegen- Sie waren doch sicherlich nicht zu viel?
Sie waren doch sicherlich Rechtens und Motivation, Kein Grund zur folgenden Separation.
Separation von Kindern Zu ihren Eltern, Zu ihren Lehrern, Den drängenden Älteren, Der inneren Stimme-
Oh, weh! Oh, weh! Sollte man dieser nicht vertrauen? Damit man mit deren Imagination, Die Welt bringt zum Staunen?
Imagination, Dessen Motivation Verborgen in Isolation …
So frag‘ ich nun jene, Die andere fordern, Und stets herumbeordern:
War das Ziel, Ein tödliches Spiel, Nicht ein wenig zu viel?