K: Am Shanai II

„Ist … sie …“, hörte Tristen Steffen seine Mutter fragen.

Weiter kam sie nicht. Sie wagte es nicht den Tod auszusprechen. Das durfte sie nicht. Nicht als Floris. Aber als Mutter brauchte sie Gewissheit. Sie sorgte sich um ihre Tochter. Genauso, wie er sich um seine Schwester-

Sie lebt! Beeil dich endlich, Tristen! Sie lebt!

Die Worte ließen ihn erstarren. Wie sollte das möglich sein? Ihre Lippen … Sie waren so blau. So-

„Ich fürchte, ich kann nichts mehr tun“, entgegnete der Wassergeneral gepeinigt, „Ich bekomme das Wasser nicht-“

„Lügt nicht!“, schrie Tristen, als er die Starre überwand. Er sprang über das Loch – zu ungeduldig, um herum zu laufen. Für einen Moment gab der Boden unter ihm nach. Er glaubte, zu fallen!

Dann zog Julian ihn zu sich heran.

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Von zwei Seiten

Ausgehend von links,
Ausgehend von rechts,
Treffen sich beiderlei Schritte
Auf des Übergangs Mitte.

Die Brücke verbindet unsere Seiten,
Sie lässt uns hinüberschreiten.
Denn nirgends sonst ist ein Weg,
Und nirgends sonst ist ein Steg,
Über das endlose Gewässer
Mit Steinen wie Messer.

Fordernd recken sie sich empor,
Schauen aus Wellen hervor.
Sie besiegeln das Ende,
Wenn ich mich abwende,
Wenn das Geländer nicht wär‘,
Wenn ich die Lücken verehr‘ …

Schluckend blicke ich fort,
Sehe in der Ferne dein Ressort.
Es steht am Ende der Brücke,
Hinter der einst so weiten Lücke,
Die ich nun überbrücke!

Aber der Übergang ist federig.
Der Übergang ist wackelig.
Der Übergang ist moderig-

Auf meiner Seite.

Bei dir sieht es anders aus.
Bei dir fehlt der düst’re Graus.
Dort glänzt Marmor wie Mondenschein,
Während mein Holz hier vor Pein

Schreit,
Weint,
Stirbt …

Die Brücke hat zwei Pfeiler,
Zwei Seiten die sie stützt,
So wird der Übergang beschützt.

Die Brücke hat zwei Pfeiler,
Zwei Seiten – von jedem eine,
Zwei Seiten – auch von mir eine.

Die Brücke hat zwei Pfeiler,
Der drüben ist perfekt,
Während meiner schon verreckt …

M: Von Schuldgefühlen eingenommen

„Möchten Sie noch etwas Wasser?“, fragte die Bedienung lächelnd. Es war ein einladendes Lächeln. Eines, das in der Gastronomie als Einstellungskriterium verwendete. Dennoch kam Jane nicht umhin, es zu verachten.

Es war nur eine geschickte Lüge.

„Nein, danke“, erwiderte sie höflich und wies auf ihr noch volles Glas.

Erst als sie wieder allein war, schaute sie prüfend durch das Café: Zwei Gäste saßen am Tresen, ein weiterer am Fenster. Dazu noch die Bedienung und jemand in der Küche. Übersichtlich. Nun, es war immerhin ein ruhiger Samstagmorgen in Centy. Was hatte sie erwartet?

Und trotzdem war Jane gekommen.

Der Katzensprung war das Mindeste – selbst mit wachsendem Bauch. Sie musste ja nur die Treppen runterrutschen und über die Straße schlendern. Einzig, um die Angestellte zu treffen, die sich zu ihrer Schicht verspätete.

Mortes hatte seine Schwester doch immer aus allem rausgehalten!

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B: Aus der Ferne

Chem Wak beobachtete wie Lilith aus dem Fenster sah. Ihr Gesicht erschien ihm etwas blass. Aber vielleicht lag das auch am Schnee, der zwischen ihnen vom Himmel fiel. Durch das Weiß konnte man kaum etwas erkennen und-

Sie wirkte so abwesend. Verschlafen. Übermüdet.

Es war seine Schuld.

„Wie ich’s auch mache, ich mach’s verkehrt, oder?“, murmelte er still. Er dachte an seinen besten Freund zurück. An dessen Gesicht. An die Wut in dessen Augen, als er den Mörder seiner Schwester fand.

„Haben Sie etwas gesagt, Mr. Belial?“, fragte sein Fahrer.

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