B: Aus der Zeit gerissen

„Bis nachher“, rief Liane hastig in die Küche, während sie in ihre Schuhe schlüpfte.

„Alles gut?“, verwundert eilte ihr Vater herüber, „Ich dachte, wir frühstücken zusammen?“

„Ich muss noch etwas vor dem Unterricht erledigen. Wir sehen uns später!“, sie versuchte normal zu klingen. Als hätte sie einfach nicht genug Zeit, um zu quatschen. Als wäre alles in Ordnung.

Erst dann sprang sie raus und rannte die Straßen entlang.

Wenn sie länger geblieben wäre, wären die Fragen über sie hergefallen. Dann hätte sie ihn anlügen müssen. Aber das fühlte sich falsch an. Sie wollte nicht lügen. Sie konnte nicht …

Erst als sie die anderen Teenager sah, verlangsamte sie ihr Tempo und schlüpfte zwischen die fremden Gesichter. Kaum eines kam ihr bekannt vor. Wie auch? Ihre Mitschüler lagen ja noch selig im Bett, um ihre Ausfallstunden zu verschlafen.

Sie war viel zu früh dran …

Und dennoch war es vielleicht schon zu spät.

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B: Konsequenzen

Chem Wak begutachtete das Haus unruhig. Es würde nie seinen Geschmack treffen, doch das musste es ja auch nicht. Es war nicht seines …

Ein Fenster im ersten Stock wurde geöffnet. Er konnte Umrisse dahinter ausmachen. Ein Mädchen. Allein.

Sachte klopfte er gegen den Beifahrersitz und sofort setzte sich das Auto in Bewegung.

Es war noch nicht soweit.

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B: Die Zeichnungen

„Papa?“, rief Liane durch das große Haus, „Ich bin wieder da!“

Eine ungewohnte Stille antwortete ihr. Sie fühlte sich vertraut und gruselig zugleich an. Wie eine unförmige Erinnerung.

Unsicher stellte das Mädchen ihre Schuhe neben der Tür ab und schlich sich in die Küche. Alles andere wäre ihr falsch vorgekommen. Sie wollte hier keinen noch so kleinen Mucks von sich geben. Jedes Rascheln erschien ihr so endlos laut. Jeder Schritt wie Hufgetrampel. Es hatte etwas von einem Gewitter, das sich über ihr zusammenbraute.

Schaudernd trat Liane in die Küche. Sie mochte keine Gewitter. Wenn der Himmel die Beherrschung verlor, fühlte es sich immer wie eine tobende Apokalypse an. Niesel, Regen, Hagel ließen sie gleichermaßen erschaudern.

Nur Schnee war in Ordnung.

Schnee hatte sie schon immer gemocht …

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B: Die Lüge im Spiegel

„Guten Tag. Mein Name ist Lia- Nein. Ich meine, ich heiße Lian- Argh! Es freut mich, euch kennenzulernen. Ich bin Lia-“, wütend fuhr sie sich durch die offenen Haare und wandte sich vom Spiegel ab.

„Liane. Liane. Liane. Lian… Lili-“

Hastig biss sie sich auf ihre Zunge. Nein. Sie war nicht Lilith. Sie war Liane. Benannt nach der Mutter ihres Vat-

Vat-

Vate-

Erschöpft ließ sie sich auf ihr neues Bett fallen. Auf dieses neue Bett. In diesem viel zu großen Zimmer. In diesem viel zu großen Haus. In diesem Haus, das sie von Isa Silver geerbt hatte. Von Isa Silver, die ihre Mutter gewesen sein sollte. Die sich nicht wie ihre Mutter anfühlte … Es fühlte sich so falsch an. Alles fühlte sich so falsch an!

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B: Aus der Ferne

Chem Wak beobachtete wie Lilith aus dem Fenster sah. Ihr Gesicht erschien ihm etwas blass. Aber vielleicht lag das auch am Schnee, der zwischen ihnen vom Himmel fiel. Durch das Weiß konnte man kaum etwas erkennen und-

Sie wirkte so abwesend. Verschlafen. Übermüdet.

Es war seine Schuld.

„Wie ich’s auch mache, ich mach’s verkehrt, oder?“, murmelte er still. Er dachte an seinen besten Freund zurück. An dessen Gesicht. An die Wut in dessen Augen, als er den Mörder seiner Schwester fand.

„Haben Sie etwas gesagt, Mr. Belial?“, fragte sein Fahrer.

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