„Er wirkt total ausgewechselt“, flüsterte Shiloh ihr zu, sobald sie allein waren.
Liane schaute dennoch zur Küche herüber. Dorthin, wo ihr Vater verschwunden war. Um etwas Obst aufzuschneiden, ehe er losmüsse. Nur um sicher zu gehen.
„Das geht nun schon zwei Wochen so“, erklärte sie ihrer Freundin, während sie sich hinter einem Schulbuch versteckte, „Seit dem Sturm.“
„Du meinst, seit du bei Oli warst? Oder seit der Sache mit Betty?“, erkundigte sich ihre Freundin wieder.
„Du bist ja so spät dran“, brummte ihr Vater viel zu leise.
Liane hielt kurz inne, um aufzusehen. Erst dann schlüpfte sie aus ihrem zweiten Schuh und stellte das Paar neben die Treppe. Sie mochte es nicht, wenn er so ungeduldig klang. Es verunsicherte sie. Zumal sie ihre verwundete Hand in der Hosentasche verbergen musste!
„Wir waren noch bei Oli … War ein langer Tag“, murmelte sie, „Viel passiert.“
Sie wollte nicht Bettys dummen Streich ansprechen. Nicht Tinas Verhalten. Nicht das Geschrei von Bettys Vater. Nicht die Sorgen ihrer Freunde … Aber würde ihr Vater das zulassen? Er stand viel zu ungehalten im Flur. Als hätte er seit Stunden auf ihre Ankunft gewartet!
„Dann hättest du mir ruhig mal schreiben können, was los war“, erklärte er, „Weißt du eigentlich, wie viele Sorgen ich mir mache, wenn du nicht da bist, wenn ich nach Hause komme?! Du weißt doch, dass du dich nicht rumtreiben sollst!“
Liane stockte. Ihr schlechtes Gewissen meldete sich. Ja. Bestimmt war das Warten eine reine Tortur für ihren Vater gewesen … Sie hätte-
Valerie Maggie lief ruhig und bedacht durch die dunklen Flure zu ihrer Spielgefährtin. Nichts anderes würde man von ihr erwarten. Das hatte ihre Lehrerin oft genug betont. Sie müsse sich stets ehrenhaft präsentieren. Auch wenn sie keine Lust darauf hätte.
Wenigstens diesmal blieb ihr jedoch der Druck dabei erspart. Da sie noch im Kindesalter war, besaß sie keine eigenen Auxilius, die auf sie aufpassten. Und von den beiden Leibwächtern ihrer Mutter war einer unterwegs. Der andere musste bei ihren Eltern bleiben, während sich diese stritten. Und ihr Bruder? Der saß gerade in seinem eigenen Unterricht und könnte sie nicht verpetzen!
Es war ihre erste Chance seitdem sie hier wohnten!
Vielleicht sollten wir es dennoch sein lassen? Mama sah so unglücklich aus, bemerkte Maggie zögerlich.
Das kann nicht dein Ernst sein! Du wolltest dir doch den Fluss ansehen! Wir sind vor Monaten hergezogen und durften nicht ein einziges Mal hoch. Das ist viel zu bescheuert!
„Noch nicht“, belehrte ihn Alpe erneut und mürrisch richtete die Wolke ihre Augen in die Höhe.
„Ich weiß“, beharrte Fuji, „Aber je mehr du mich warten lässt, desto neugieriger werde ich!“
„Na, na. Du willst dir doch nicht deine eigene Überraschung kaputt machen, oder?“
Seine eigene Überraschung … Das gefiel der Wolke! Bislang hatte sich noch nie jemand darum bemüht, ihn zu überraschen. Gewiss war es den Sternen nicht in den Sinn gekommen und die anderen Wesen … Die anderen Wesen kannte er ja gar nicht richtig. Er hatte sich nie ernsthaft mit ihnen beschäftigt. Stets hatte er seinen Fokus auf die Sonne oder die Erdoberfläche gelenkt. Er war den Vögeln ausgewichen, hatte nie das Gespräch mit den anderen Wolken gesucht, war einzig an den bunten Blumen und Bäumen interessiert gewesen …
Bis er gesehen hatte, dass sie auf dem trockenen Boden nicht gedeihen konnten.
„Okay. Planänderung“, bemerkte eine von Lianes neuen Mitschülerinnen, „Ms. Lebeau mag keine Rosen. Also ist der Kuchen hinfällig.“
Irritiert blickte Liane zwischen den anderen Schülern umher. Sie hatte keine Ahnung, wovon die Rede war und wenngleich sie recht nett begrüßt wurde, so scheute sie sich noch davor, Fragen zu stellen.
„Wie wäre es mit Pralinen? Die von ChoNotte?“, fragte der Junge, der an der Tür aufpasste, ob irgendwer kam.
„Die sind alle mit Alkohol. Das ist ein riesiges Tabu“, erklärte das Mädchen von vorne wieder.
„Und ein Gutschein? Für einen schönen Wellnesstag?“