M: Die Dinos

Philip wusste nicht mehr, wann die Tradition in ihrer Familie Fuß gefasst hatte. Sie war irgendwie schon immer Teil seines Lebens gewesen. Seit er gar denken konnte! Nur dafür verabschiedete er sich jeden Abend von seinen Plastikdinos und wünschte ihnen eine erfolgreiche Nacht. Anschließend holte er sich seine Gute-Nacht-Küsse ab und eilte ins Bett, damit die Dinos ihre eigenen Abenteuer erleben konnten.

Mittlerweile wusste Philip, dass die Spielzeuge nachts nicht lebendig wurden. Er wusste, dass sein Dad die Spielzeuge jeden Abend neu platzierte. Er wusste, dass sein Papa manchmal ganze Kulissen aufbaute. Er wusste, dass all die Reisen seiner kleinen Dinos nur Märchen waren. Fantasievolle Geschichten, die nichts mit der Realität gemein hatten. Er wusste es, seitdem er in die Schule ging. Seitdem er dort von den Wichtelmännern und Osterhasen gehört hatte. Das hatte ihm die Augen geöffnet.

Dennoch hatte er sich weiterhin jeden Morgen auf ihre Tradition gefreut.

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M: Schrei dich in Sicherheit

Der Mann lief den dunklen Flur entlang. Sein Zeigefinger glitt lautlos über die Klinge eines Messers. Ein Lächeln schlich sich auf sein Gesicht.

Nebenan zog sich das Mädchen aus. Sie ließ Wasser in eine große Badewanne laufen. Sie summte.

Der Mann öffnete die Tür einen Spalt. Er hob die Klinge, grinste, seine Augen strahlten wie die eines Wahnsinnigen. Er-

Philip schrie panisch auf und versteckte sich hinter dem Sofakissen. Sein Papa lachte unbeholfen. Sein Dad fluchte. Kurz darauf verstummte der Film.
Die Deckenlampe erstrahlte und kitzelte den Jungen mit ihrem sanften Licht.

Dennoch zuckte er zusammen, als sich eine Hand auf seinen Rücken legte.

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M: Vom Tageslicht verschluckt II

„Auf dein Zimmer“, befahl das Kindermädchen, noch ehe die Tür ins Schloss fiel.

Sie nickte. Ihre Hand lag noch immer auf der schmerzenden Wange. Stumme Tränen hatten sie befeuchtet. Stumme Tränen, die einfach nicht enden wollten.

Stephanie hasste diese Frau!

Wortlos ging sie nach nebenan und warf sich auf ihr Bett. Sie kickte dabei die dämlichen Klamotten runter. Diese hässlichen Fummel, die doch für den ganzen Mist mit verantwortlich waren! Am liebsten wollte sie die Sachen verbrennen! Sie wollte sich von allem nur noch lossagen!

Von Becky. Von ihrem Kindermädchen. Ja, selbst von ihrem Vater!

Nur ihre Mutter hatte sie verstanden.

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M: Vom Tageslicht verschluckt I

„Steph! Kommst du bitte?“

„Ja!“, grinsend strich das Mädchen ihre Haare zurecht. Erst in die eine, dann in die andere Richtung. Mit dem Haargel ihres Dads sah das Schauspiel sogar recht lustig aus. So steif und schwerfällig!

Kichernd bürstete sie die Haare nach oben und ahmte ein Gitarrensolo nach.

„Steph! Wir müssen endlich los. Sonst kommen wir zu spät zu deiner Freundin“, diesmal klopfte ihr Kindermädchen an die Badezimmertür.

Das Mädchen zog eine Schnute. Sie hatte keine Lust, einzukaufen. Aber noch weniger freute sie sich auf die Geburtstagsparty ihrer Freundin. Becky war so eine eingebildete Ziege! Das Mädchen musste immerzu über alles und jeden lästern. Es war zum Kotzen! Es war-

„Steph!“

„Ich mach‘ ja schon“, brummte sie durch die geschlossene Tür zurück.

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M: Kollateralschaden

Erschrocken schnappte Matt nach Luft, als die kleine Flamme am Herd wirklich aufloderte. Er hätte sie eigentlich erwarten müssen. Sie hatten hier ja einen Gasherd und das leuchtende Feuerchen erschien jedes Mal, wenn seine Mutter kochte. Nur …

Seine Mutter schlief noch selig nebenan.

„Meinst du, das muss noch doller?“, fragte sein Bruder leise und drehte unruhig am Knauf herum.

„Hm … Je heißer es ist, desto schneller müsste das Essen fertig sein und desto früher können wir Mama wecken, oder?“, gab Matt zu bedenken.

Das schien Lucas zu überzeugen. Sicher drehte er den Knauf auf die höchste Stufe und warf Eier und Speck in die Pfanne.

„Du machst dafür Kaffee“, flüsterte der Ältere.

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