M: Prolog – Flucht I

Er rannte. Hechelnd versuchte er, mit seinem großen Bruder Schritt zu halten. Oder wurde er eher hinterhergezerrt? Er wusste nicht mehr, ob er aus eigener Kraft lief oder gezogen wurde. Ob das Adrenalin in seinem Körper echt war oder er schon zu den Toten gehörte und es nur noch nicht wusste …

Erneut konnte er sie hören. Die Schüsse am Ende des Flurs, die fluchenden Rufe, die erschrockenen Schreie, die wütenden Stimmen, vor denen sie flüchteten …

Und dann roch er es. Der beißende Gestank des Rauches, der an verbranntes Fleisch erinnerte. Geschmolzenes Plastik. Bittere Chemikalien … Es war der Geruch des Todes. Er versuchte, dem Jungen Tränen in die Augen zu treiben. Ihn innehalten zu lassen. Aber er wehrte sich.

Er würde sich immer wehren.

Weiterlesen

B: Bürokratische Hürden

„Wie war nochmal der Name?“

„Enoch Belial“, antwortete er der Sozialarbeiterin ruhig, wenngleich ihm dieser Ort nur Unbehagen bescherte und er am liebsten fliehen wollte.

Vor über zehn Jahren war er zuletzt hier gewesen. An genau dieser Stelle hatte er gesessen, während die damaligen Sozialarbeiter ihn umzingelten. Sie hatten ihn mit Fragen bombardiert. Hatten sein unsicheres Schweigen als Zugeständnis der Schuld ausgelegt. Hatten ihm das hilflose Mädchen aus den Armen gerissen, das er begleiten sollte. Hatten ihn in ein Heim geworfen.

Er hätte es vorhersehen müssen.

Weiterlesen

Das erste Licht

Vor den ersten Strahlen ist die Welt am …
Kältesten,
Dunkelsten,
Fürchterlichsten.

Sie ist …
Rau,
Flau,
Gefangen im Tau.

Durch Glieder in Knochen
In deine Seele gebrochen –
Zerrt sie an dir.

Versucht dich zu halten,
Dich zu erkalten –
Wie ein bestialisches Tier.

Fängt es dich?
So reißt es dich!
Frisst dich?

Gib Acht, du Bestienvieh!
Das Leben, das verwirkst du nie!
Denn schon ist das Licht erblüht.
Glanz um Liebe bemüht.

Erleuchtet es das erfrorene Herz,
Verdrängt den grausamen Schmerz.
Die ersten goldenen Sonnenstrahlen
Mögen es übermalen.

Die Bestie hier!
Die nichts weiter ist,
Als ein süßes Tier.

K: Die Stimme

Leise stand Jenny auf. Sie erschauderte, als ihre nackten Füße den kalten Holzboden berührten. Doch verbat sie es sich, irgendwelche Geräusche über ihre Lippen zu lassen. Sie musste still bleiben. Das hatte sie sich vorgenommen. Nur so konnte sie hinter die Wahrheit kommen. Nur so konnte sie ihrem Onkel Fred helfen …

Fröstelnd zog sie sich eine viel zu große Jacke über ihr Nachthemd. Die Betreuerin des Waisenhauses hatte sie ihr gegeben. Genauso wie die anderen Kleidungsstücke. Genauso wie das tägliche Brot. Genauso wie das Dach über ihrem Kopf und die Freunde, die sich ihre Stieffamilie schimpften …

Doch im Gegenzug hatte man Jenny ihren Onkel genommen.

Weiterlesen

B: Monster oder Beschützer?

„Geht es dir wirklich gut, Liebling?“, fragte der Vater seine Tochter noch einmal besorgt.

Das kleine Mädchen lächelte unbekümmert.

„’Türlich, Papa! Du kannst die Tür heute Nacht ruhig wieder zu machen“, freudig kuschelte sie sich in ihr Kopfkissen und der ältere Mann wagte einen flüchtigen Blick auf den winzigen Tisch im Kinderzimmer seiner Tochter.

Er starrte auf die Zeichnungen. Auf diesen Dämon, den das Mädchen immer wieder zeichnete. Von dem sie behauptete, dass er sie nachts besuchen käme. Das Wesen, das ihr versprochen hätte, sie zu beschützen. Sie in Sicherheit zu bringen …

Er schluckte unsicher. Seine Frau hatte es als Einbildung abgetan. Als einen imaginären Freund. Aber wenn dem so war … warum sollte dieser seiner kleinen Tochter anbieten, sie in Sicherheit zu bringen? Fühlte sie sich hier etwa nicht wohl?

Warum?

Weiterlesen