Minki und Kitty I

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

Zusammengerollt kauerte Minki auf seinem Hocker und blickte auf den Boden herab. Er musterte seine Umgebung intensiv. Bedachte jede nicht vorhandene Bewegung mit so viel Aufmerksamkeit, wie schon lange nicht mehr. Die Zweibeiner wurden ausgeblendet. Dieser Gast, der ihm sonst immer etwas zum Naschen mitbrachte, wurde ausgeblendet. Sogar sein Retter wurde ausgeblendet!

Sie waren alle nicht von Bedeutung.

Nicht, solange sie da war.

Etwas berührte ihn am Schwanz und erschrocken fie… ehm, sprang er natürlich von dem Hocker, der seinen Thron darstellte. Seine Augen wanderten zu dem fremden Wesen hinüber, das ihm so ähnlich sah und doch so fremd erschien.

Sie war klein. Spitze Ohren zuckten auf ihrem Kopf herum. Ein brauner Fleck zierte ihr Näschen. Darunter, am Hals, baumelte ein rotes Halsband mit einem stillen Glöckchen.

Ja, still. Denn Minki hatte es bislang kein einziges Mal vernommen, während sie ihn geärgert hatte. Während die Zweibeiner nur dasaßen und nichts unternahmen. Während sie ihre Gespräche über sein Wohl stellten!

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Zum Mond

Einsam stehe ich hier,
Blicke in endlose Gier,
Rasend wie ein Tier,
Schier!
Ein wütender Stier.

Die endlose Dunkelheit.

Die Arme umschlingen den Leib.
Sie verbieten den Neid.
Sie lassen das kleine Boot ziehen,
Können blind nicht fliehen,
Können nur niederknien.

Erstreckt sich weit und breit.  

Der Mond bekümmert,
Er strahlt zertrümmert,
Er flimmert und wimmert,
Glimmert und Schimmert,
Heller noch
Als das Loch
Hinter mir.

Sie nimmt Geborgenheit.

Denn der Leuchtturm ist kalt,
Er ist düster und alt.
Er knirscht und knarrt
Von altem Verrat.

Wandelt sie hilfsbereit.

Verrat, den das Meer beging,
Als es den Kahn empfing,
Als es mein Urteil verhing.

Bei jeder Gelegenheit.

Und die Glühwürmchen
Aus dem Türmchen
Lockt.

In Einsamkeit.

Nun sind sie im Himmel,
Bedecken ihn mit Gewimmel
Mit diesem Mond,
Der dort oben wohnt.
Der so grell und hell erstrahlt
Und meine Glühwürmchen bemalt.

M: Prolog – Flucht I

Er rannte. Hechelnd versuchte er, mit seinem großen Bruder Schritt zu halten. Oder wurde er eher hinterhergezerrt? Er wusste nicht mehr, ob er aus eigener Kraft lief oder gezogen wurde. Ob das Adrenalin in seinem Körper echt war oder er schon zu den Toten gehörte und es nur noch nicht wusste …

Erneut konnte er sie hören. Die Schüsse am Ende des Flurs, die fluchenden Rufe, die erschrockenen Schreie, die wütenden Stimmen, vor denen sie flüchteten …

Und dann roch er es. Der beißende Gestank des Rauches, der an verbranntes Fleisch erinnerte. Geschmolzenes Plastik. Bittere Chemikalien … Es war der Geruch des Todes. Er versuchte, dem Jungen Tränen in die Augen zu treiben. Ihn innehalten zu lassen. Aber er wehrte sich.

Er würde sich immer wehren.

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B: Bürokratische Hürden

„Wie war nochmal der Name?“

„Enoch Belial“, antwortete er der Sozialarbeiterin ruhig, wenngleich ihm dieser Ort nur Unbehagen bescherte und er am liebsten fliehen wollte.

Vor über zehn Jahren war er zuletzt hier gewesen. An genau dieser Stelle hatte er gesessen, während die damaligen Sozialarbeiter ihn umzingelten. Sie hatten ihn mit Fragen bombardiert. Hatten sein unsicheres Schweigen als Zugeständnis der Schuld ausgelegt. Hatten ihm das hilflose Mädchen aus den Armen gerissen, das er begleiten sollte. Hatten ihn in ein Heim geworfen.

Er hätte es vorhersehen müssen.

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Das erste Licht

Vor den ersten Strahlen ist die Welt am …
Kältesten,
Dunkelsten,
Fürchterlichsten.

Sie ist …
Rau,
Flau,
Gefangen im Tau.

Durch Glieder in Knochen
In deine Seele gebrochen –
Zerrt sie an dir.

Versucht dich zu halten,
Dich zu erkalten –
Wie ein bestialisches Tier.

Fängt es dich?
So reißt es dich!
Frisst dich?

Gib Acht, du Bestienvieh!
Das Leben, das verwirkst du nie!
Denn schon ist das Licht erblüht.
Glanz um Liebe bemüht.

Erleuchtet es das erfrorene Herz,
Verdrängt den grausamen Schmerz.
Die ersten goldenen Sonnenstrahlen
Mögen es übermalen.

Die Bestie hier!
Die nichts weiter ist,
Als ein süßes Tier.