Minki und Kitty I

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

Zusammengerollt kauerte Minki auf seinem Hocker und blickte auf den Boden herab. Er musterte seine Umgebung intensiv. Bedachte jede nicht vorhandene Bewegung mit so viel Aufmerksamkeit, wie schon lange nicht mehr. Die Zweibeiner wurden ausgeblendet. Dieser Gast, der ihm sonst immer etwas zum Naschen mitbrachte, wurde ausgeblendet. Sogar sein Retter wurde ausgeblendet!

Sie waren alle nicht von Bedeutung.

Nicht, solange sie da war.

Etwas berührte ihn am Schwanz und erschrocken fie… ehm, sprang er natürlich von dem Hocker, der seinen Thron darstellte. Seine Augen wanderten zu dem fremden Wesen hinüber, das ihm so ähnlich sah und doch so fremd erschien.

Sie war klein. Spitze Ohren zuckten auf ihrem Kopf herum. Ein brauner Fleck zierte ihr Näschen. Darunter, am Hals, baumelte ein rotes Halsband mit einem stillen Glöckchen.

Ja, still. Denn Minki hatte es bislang kein einziges Mal vernommen, während sie ihn geärgert hatte. Während die Zweibeiner nur dasaßen und nichts unternahmen. Während sie ihre Gespräche über sein Wohl stellten!

Beleidigt streckte er seine Nase in die Höhe und wandte sich von der fremden Katze ab. Zumindest glaubte er das. Jedoch musste er wieder nicht mitbekommen haben, wie sie durchs Zimmer schlich. Denn plötzlich saß sie auf seinem Hocker. Sie saß auf seinem Thron! Direkt vor ihm! Sodass er zu ihr hinaufschauen musste!

Ihr Schwanz kräuselte sich erhaben um ihre Pfoten. Ihre Augen betrachteten ihn gelassen. Und dann putzte sie einfach eine ihrer Vorderpfoten!

Das konnte nicht wahr sein.

Einen Augenblick lang wägte der Kater ab, ob er sich seinen Platz zurückerobern sollte. War es die Mühe wert? Was, wenn die komischen Zweibeiner gleich wieder gingen? Und wenn sie natürlich dieses fremde Kätzchen mitnahmen? Sollte er sich dann gar noch behaupten müssen?

Als wären seine Gedanken bei den Felllosen angekommen, standen diese plötzlich auf und gingen zur Haustür. Einer von ihnen kraulte das Kätzchen, nannte sie Kitty, verabschiedete sich und dann-

Waren sie auch schon weg.

Verdutzt blickte Minki auf den leeren Flur.

Was war gerade passiert?

Eine Pfote erwischte ihn zwischen seinen schwarzen Ohren und erschrocken flüchtete er sich um den Hocker herum.

Das konnte nicht ihr ernst sein!

Eine zweite Pfote schoss von der anderen Seite des Hockers auf ihn hinab.

Sogar sein Retter ließ ihn zurück?

Diesmal wurde sein Schwanz gehauen.

Minki fauchte die Luft hinter ihm an, aber da war niemand. Kein Köpfchen guckte über den Hocker hinweg. Keine Pfote wartete darauf, ihm eine zu verpassen.

Wo war sie hin?

Vorsichtig drehte er sich im Kreis, als ihm plötzlich – aus dem Nichts – wieder eine gelangt wurde.

Das konnte nicht wahr sein! Was erlaubte sich dieses fremde Kätzchen? Wo war sie? Was wollte sie hier? Warum waren die Zweibeiner verschwunden? Warum hatten sie diese … diese Kreatur in seinem Reich Einzug gewähren lassen? Warum hatten sie sie zurückgelassen?!

Minki sprang auf den Tisch, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen und grinsend blickte ihn Kitty vom Sofa aus an.

Da war sie also! Seine Nemesis. Das Übelste vom Übelsten. Der schlimmste Horror seit den Flatterviechern!

Er musste sie verjagen. Er musste sein Heim und Hof beschützen. Er musste das Ungeheuer verscheuchen, ehe es auf böse Gedanken kam! Und dafür fiel ihm nur eine Lösung ein. Eine Lösung, die sich auch gegen alle anderen Besuchermonster bewährt hatte.

Er fauchte. Er fauchte und spuckte. Er stellte seinen Schwanz auf. Machte einen Buckel. Legte seine ganze Verachtung in seine Gestik.

Und sie?

Sie mauzte ihn in ihrer zärtlichen hohen Stimme an.

Minki zog den Schwanz ein und rannte ins Nachbarzimmer.

Warum hatte es nicht geklappt? Warum war sie nicht geflohen? Was wollte sie von ihm? Warum hatte sie gemauzt?

Sie machte ihm Angst.

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