B: Der alte Babybruder

„Bist du dir wirklich sicher?“, fragte Oliver leise. 

Liane nickte. Sie hatte sich noch nie so sicher bei etwas gefühlt. Und vor allem aufgeregt! Vielleicht war es doch ganz gut gewesen, dass Olivers Vater sie gefahren hatte. Ihre Gedanken waren immer noch so wirr, dass sie kaum klar denken konnte. Wie hätte sie ihre Umstiege mit dem Bus einhalten sollen? Wie sich nicht verlaufen? Denn immerzu hatten sich die Artikel über die Bachfamilie in ihre Gedanken geschlichen. Sie hatten vergessene Bilder in ihrem Kopf zum Leben erweckt. Bilder, die sich realer anfühlten als ihr Freund Oliver, der die ganze Zeit an ihrer Seite blieb und ihre Hand hielt.

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Timothy – Die Hitze der Schwestern

Das Leben in Frankreich war anders.

Noch am ersten Tag forderte Elisabeths Vater, dass sich Julie anpassen müsse. Sie habe die Sprache zu lernen. Habe ihren Namen zu ändern. Habe jegliche Benimmregeln zu verinnerlichen, wenn sie als Gefährtin für seine andere Tochter dienen wolle.

Und so wurde aus Julie Julia.

Am liebsten hätte ich sie gefragt, ob sie damit auch glücklich war. Ich wäre jederzeit bereit, sie dieser Hölle zu entreißen. Wenn sie es so wollte, verstand sich. Denn ich wollte ihr Leben nicht schon wieder auf den Kopf stellen. Nicht, wenn sie sich so entschlossen durch ihren Unterricht kämpfte. Wenn sie endlich wieder lächelte, während sie mit Maria spielte. Wenn sie zum ersten Mal in ihrem Leben immer drei warme Mahlzeiten bekam …

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M: Verzweifelte Suche I

Michael wollte schreien! Er hatte seinen Weg zurückverfolgt. Jeden einzelnen Schritt. War wieder über die Mauer gestiegen. War dahinter kurz zusammengebrochen. Hatte sich dennoch zusammengerissen. Hatte die Schmerzen verdrängt, die die Tabletten noch nicht bändigen konnten. War sogar fast wieder in das Haus eingebrochen, in dem er den verrückten Polizisten zurückgelassen hatte, um dort nochmal nach seiner Kette zu suchen!

Doch vereitelte ein Nachbar seine Pläne. Er hatte den Verrückten gehört. Hatte die restliche Polizei verständigt. Jene Personen, vor denen Michael sich verstecken musste …

Erschöpft lehnte er sich gegen einen Baum ein paar Grundstücke weiter.

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Märchenstunde: Der neue Pakt I

Liber erschauderte, als er das Meer erblickte. Er war endlich am Hafen. Bei den schwankenden Booten und singenden Möwen. Er spürte, wie die Leute ihn beobachteten. Nicht nur der Diener, der ihm hierher gefolgt war. Auch die Fischer und Dorfleute. Immerhin war er derjenige, der er als Nachfahre Gioves gepriesen wurde. Er war derjenige, den sie als ihren König besingen wollten. Er war einer der drei Überlebenden seiner Linie …

Vor drei Jahren hatte er seine Reise zum Manne an diesem Hafen angetreten. Er hatte sich in ein kleines Segelboot gesetzt und die Insel umrundet. Er hatte Bellona getroffen. Und er hatte als erster seit Salacia ihren Test bestanden. Für seither hatte sie ihn nicht nur durch ihre Meere ziehen lassen – sie hatte sogar seine Boote in den Stürmen beschützt. Doch hatte diese friedliche Geste seine Cousins übereifrig werden lassen. Sechs von ihnen hatten darauf bestanden, dass der „dumme Liber“ nicht besser sein könne, als sie selbst. Sie hatten sich am Hafen verabredet. Hatten sich Boote von den Fischern gestohlen. Hatten die Insel eigenständig umfahren wollen. Hatten daraus sogar ein unbedachtes Wettrennen veranstaltet!

Keiner von ihnen überlebte Bellonas Prüfung. 

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K: Die Gäste II

Es dauerte mehrere Tage, ehe Linda unbeaufsichtigt war. Erst hatte ihre Mutter sie pausenlos in Beschlag genommen. Dann war sie mit CiLu und Generälin VaVi’s Schülerinnen ständig oben gewesen, um ihre Windmanipulationen zu verbessern. Auch hatte sie wieder in den Benimmunterricht gemusst, der für die Kinder des Stützpunktes verpflichtend war. Nur hatte sie eine andere Mentorin bekommen, da sie laut den Generälen nun öfter mit der Floris zu tun hätte.

Sie sollte sich nicht im Tonfall vergreifen. Niemals.

Still schlich sie sich an ihrer schlafenden Mutter vorbei. Eigentlich sollte sie sich ausruhen. Wie jeden Nachmittag zu dieser Zeit.

Nur hatte sie andere Pläne.

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