B: Hineingezogen und verdammt

„Wie konntest du diese Sauerei nicht mitbekommen?“, schimpfte Shiloh, während sie Lianes Hand begutachtete.

Die erste Stunde war nur schleppend vorbeigezogen. Immer wieder war Getuschel ausgebrochen. Niemand konnte sich auf Mr. Michels konzentrieren. Ab und zu hatte man ihren Namen geflüstert. Dann Bettys.

Es war so albern.

Erschrocken zuckte Liane zusammen, als Shiloh ein paar Papierhandtücher auf ihre Wunde drückte: „Hörst du mir überhaupt zu?“

„Ja“, so halb, „Aber es sieht schlimmer aus, als es ist“, beharrte sie.

Murrend schüttelte ihre Freundin den Kopf.

Sie hatte die Wunde erst zum Klingelzeichen bemerkt. Eigentlich hatte sie Liane ins Sekretariat bringen wollen. Aber dann hätten sie auch Betty getroffen … Also war es aufs Mädchenklo gegangen.

„Woran hast du dich überhaupt so doll geschnitten? Hast du irgendwo ein Taschenmesser versteckt?“, schimpfte Shiloh.

Still schaute Liane auf den Boden. Ihre Freundin wusste von den Bildern. Von ihren seltsamen Gedanken. Aber der Talisman? Dieser greifbare Brief, der keine Einbildung, keine Erinnerung war? Konnte sie diesen mit ihr teilen?

Wäre Chemy damit einverstanden?

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M: Die fremde Frau

Lucas ging zügig durch die weiten Flure. Bloß nicht rennen. Sein Vater hatte darauf bestanden, dass er ruhiger lief. Wenn er es nicht tat, wie sollte sich sonst sein jüngerer Bruder etwas Ruhe angewöhnen? Matt platzte ja förmlich vor Energie!

Erst vor der Küchentür hielt Lucas inne. Er lauschte, ob das gewohnte Klackern erklang, ehe er einen Blick hinein riskierte. Nur war der Raum leer.

Nachdenklich schaute er sich um. Eigentlich hätte seine Mutter hier sein müssen. Sie zog sich immer hierhin zurück, wenn sie etwas für die Zeitung schreiben sollte. So konnte sie sich leichter mit einem Keks motivieren.

Heute jedoch nicht.

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K2: Prolog – Die Ankunft

© Medra Yawa

Fiona Katja stürzte zitternd auf den Waldboden. Obwohl sich ihr Desson an sie schmiegte, ließ der Druck nicht von ihr ab. Das Ungleichgewicht ihrer Chakren zerriss ihre Seelen. Dabei spürte sie sonst den Sog ihrer Magie kaum! Aber nun? Es war ja nicht nur ihr Sahasrarachakra, das verrückt spielte. Viel eher fühlte es sich an, als würde der Kern ihres Seins zerrissen und neu zusammengesetzt werden. Als würde er hierhin gehören-

-und gleichzeitig fort müssen.

Angst strömte aus Katja heraus. Angst, die Fiona zu verdrängen versuchte, um eine Art Balance zu finden.

Stattdessen huschte ein stummer Schrei über ihre Lippen. Weißer Nebel entstieg ihrem Mund. Sie selbst mochte die Farbe. Ihre andere Seele nicht. Katja hatte sie seit jeher verabscheut. Weiß wäre zu rein für eine Welt, die von Leid und Schmerzen geprägt wurde!

»Langsam«, meldete sich jemand plötzlich.

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B: Reingelegt? II

Mr. Michels war ein genervter, aber effizienter Lehrer, der selten seine Geduld präsentierte. Er forderte Shiloh als erstes auf, ihre Tasche auszuhändigen, doch schob Liane ihre dazwischen.

Sicher ignorierte sie den besorgten Blick ihrer Freundin. Was man auch finden würde, würde eben gefunden werden. Es hinauszuzögern brachte nichts.

Griesgrämig öffnete der Lehrer ihre Schultasche. Seine Augen verengten sich. Er schloss die Tasche wieder. Knurrte.

„Dann darfst du Miss Lavendel gleich einmal begleiten, Liane“, bemerkte er.

„Dürfte ich erst erfahren, weswegen?“

Verärgert schüttelte er den Kopf: „Weswegen?“

„Ja“, sie umklammerte ihrem Talisman fester, „Ich möchte-“

„Ach, nun hör schon auf und geh einfach mit! Wir haben keine Zeit für deinen Mist!“, rief Betty von hinten.

Shiloh fauchte etwas zurück. Jemand lachte.

Liane wandte ihren Blick nicht von dem Lehrer ab.

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M: Im Rotwein

Sophie blickte ungerührt auf den Fernseher. Marie hatte sich den Film ausgesucht. Es war so ein gezeichneter Familienfilm. Irgendein Märchen, in dem sich am Ende alle in die Arme fielen und glücklich bis an ihr Lebensende sein würden. Zuvor musste der Prinz im roten Umhang jedoch seine Geliebte retten. Er würde den riesigen Drachen mit den drei Feen bekämpfen und ihn bezwingen, um sein Traummädchen zu befreien.

Marie klammerte sich an Sophies Arm, als der Held sein Schwert ergriff.

„Ich habe Angst“, flüsterte sie ihr zu.

Automatisch schloss sie ihre Zwillingsschwester in die Arme. Sie drückte Marie leicht an sich. Doch konnte sie sich nicht ganz auf die andere konzentrieren. Ihre Ohren lauschten zu sehr in Richtung Küche.

Das Gespräch war interessanter als dieser langweilige Film.

„Könnten sie sich nicht geirrt haben?“

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