
Radius schluckte ihren Frust herunter, als sie sich der Halle näherte. In einer fließenden Bewegung schlüpfte sie aus den Ärmeln ihrer Jacke und band sie sich um die Hüfte. Gleich würde ihr schon warm werden. Und sie hatte keine Lust, dass der Stoff wieder an ihrer Haut klebte …
Mit festen Schlägen klopfte sie gegen die Tür. Sie wartete, bis Schritte auf der anderen Seite ertönten. Bis diese stoppten. Bis Schlüssel ratterten.
Dann schoss sie durch die hölzerne Pforte und drückte diese mit der Schulter auf.
„Du- Verda-“
Ehe der Mann weitersprechen konnte, hatte sie ihn bereits hingerichtet. Nichts stellte sich zwischen sie und ihre beste Freundin.
Gelassen schloss sie die Tür wieder und begutachtete ihre Umgebung. Drei Gänge. Gänge. In einer Lagerhalle. Hier stimmte etwas nicht. Der erste führte in eine kleine Nische, in der mehrere Schlüsselkästen hingen. Nicht ein, zwei oder drei. Nein. Das waren gut und gerne zwanzig Stück. Alle schön säuberlich beschriftet.
Der Anblick löste Unbehagen in ihr aus. Dennoch schluckte sie das Gefühl herunter. Gefühle bedeuteten Schwäche. Das hatten ihr Mona und Gemma seit jeher eingebläut …
Unschlüssig betrachtete sie noch einmal den Toten. Dann den Schlüssel, den dieser in die Tür gesteckt hatte. Weitere hingen am selben Bund. Wenn sie Glück hätte, wären auch ein paar Generalschlüssel darunter.
Damit schloss sie ab und zog sie das Metall aus der Tür. Zuerst nahm sie sich den rechten Gang vor. Einen, der in einen großen Konferenzraum führte. Ein fetter Tisch stand in der Mitte. Darauf zwei angefangene Gläser. Darum mehrere Schreibtischstühle. An der Wand standen kleine Kühlschränke mit Getränken. Daneben andere Regale mit Magazinen und Akten.
Neugierig nahm sich Radius eines der Magazine und stockte. Sie blätterte durch die Seiten. Hielt inne. Blätterte zurück. Spürte Panik in sich aufsteigen.
Das hier- Das waren Menschenhändler!
Hastig stopfte sie sich das Werbemagazin in den Ärmel und eilte den anderen Gang herunter. Es dauerte nicht lang, bis sie die ersten Stimmen vernahm. Doch die Schritte … das waren mehrere Personen, oder?
Cherry war zuletzt hier gewesen …
Eisern umklammerte sie ihre Waffe. Sie ließ ihren Schussarm sachte an ihrem Körper herunterhängen. Ließ ihn natürlich aussehen. Hörte, wie die eine Stimme wie ein Verkäufer klang. Sicher. Selbstgefällig. Herabblickend.
Die andere wirkte zögerlicher auf sie. Fragender. Aber genauso abfällig.
Radius hasste beide.
Es dauerte noch zwei Abbiegungen, ehe sie die Männer erblicken konnte. Sieben. Fünf kannte sie nicht. Die anderen beiden hatte sie jedoch schon ein paar Mal am Hafen gesehen. Keiner war Gemma unterstellt. Dann sollte sie auch keinen Ärger mit ihrem Vater bekommen.
Sollte er doch froh sein, dass sie den Abschaum aus seinem Vorgarten jätete!
Damit erschoss sie die ersten beiden, ehe der Rest reagieren konnte. Sofort stoben die anderen in unterschiedliche Gänge. Doch Radius verfolgte sie nicht sofort. Stattdessen fühlte sie ihr Magazin auf. Erst danach schob sie sich durch die Gänge.
Sie musste ihre Cherry finden.
Still schob sie sich in den nächsten Gang. Sie spürte, wie eine Hand sie greifen wollte und duckte sich. Die Zeit in den Tunneln von Merichaven hatte geholfen, ihr Umgebungsbewusstsein zu stärken. So reagierte sie einfach und rammte ihren Ellenbogen zur Seite.
Keuchen antwortete ihr. Keuchen. Dann ein ruckartiges Luftholen. Also würde der andere gleich ausholen, oder?
Radius wartete den Schlag nicht ab. Sie sprang zur Seite und schoss. Erst als der Körper auf den Boden schlug, sah sie ihn richtig. Zu sehr war sie in ihren Reflexen gefangen gewesen.
Reflexe, die ihr erneut das Leben gerettet hatten.
Sie überließ sich ihrem inneren Kompass. Spürte, wie eine neue Zielstrebigkeit von ihr Besitz ergriff. So tötete sie zwei weitere Männer, die ihr in den Gängen auflauerten. Doch mied sie dabei die Türen mit den Gitterfenstern. Es fühlte sich falsch an, hindurch zu sehen. Fast, als erwarte sie dahinter ein Abgrund, den sie nicht verkraften könnte.
Drei Ziele waren hier noch unterwegs. Und Mortes. Sie musste-
Ihr ganzer Körper blieb wie festgefroren stehen. Radius konnte sich ihre eigene Reaktion nicht erklären. Sie war aus dem Bauch herausgekommen. Und sie fühlte sich richtig an. Dabei musste sie doch eigentlich-
Cherrys Schrei riss sie aus ihrer Trance. Unwillkürlich näherte sie sich einer der Türen. Schaute unschlüssig durch das Gitterfenster. Erkannte ihre Freundin in zerrissenen Sachen auf dem Boden gekauert sitzen.
Sofort fummelte sie die gestohlenen Schlüssel hervor. Sie verglich alle daran mit dem Schloss. Probierte den ersten. Den zweiten. Den drit-
Klick.
Hastig war sie im Raum und schloss von drinnen wieder ab. Sie ignorierte die anderen fünf Frauen, die neben ihrer Freundin angekettet waren. Angekettet. Genauso wie Cherry selbst. Nicht an den Handgelenken.
Am Hals. Mit Ketten, die aus der Decke hingen. Damit die Frauen nicht einmal bequem knien konnten!
„Verdammter! Cherry. Hey. Hörst du mich? Hör-“
Die Hand ihrer Freundin krallte sich in Radius‘ Arm. Sie keuchte. Zitterte. Wies mit ihren Augen nach unten. Auf ihre Hose, den nassen Boden und-
„Er kommt“, hauchte sie tonlos hervor.
Alles in Radius stockte. Sie spürte, wie ein Zittern sie heimsuchte. Dennoch wies sie es streng zurück. Einen Arzt. Sie brauchten einen Arzt!
„Okay. Ja. Das schaffen wir. Warte. Ich-“, mit ihrer freien Hand tastete sie nach dem Schloss am Hals ihrer Freundin und verglich es mit den Schlüsseln am Bund, „Ich hole dich hier raus, ja? Du hast hier nichts zu suchen. Du hättest nie-“, ihre Worte stockten, als sie alle Schlüssel begutachtet hatte.
Keiner würde passen. Das war ein ganz anderer Schließmechanismus! Waren dafür die anderen Schlüsselkästen gewesen? Die Schlüssel darin hatten auch dicker gewirkt. Fast wie hier?
Ja. Sie müsste den richtigen von vorne holen. Dann könnte sie ihre Freundin hier rausholen. Sie bekämen einen Arzt. Sie-
„Geh nicht. Bitte. Bitte …“, Cherrys Stimme klang so gebrochen, „Ich kenne diesen Blick bei dir. Bit-“
Sie biss die Zähne so hart zusammen, dass es knirschte.
Radius wurde schwarz vor Augen. Ihre Freundin litt und sie sollte nur zusehen? Das konnte sie nicht!
Nicht bei ihr …
„Cherry. Du musst hier raus. Ich bringe dich zu Dr. Devison. Du-“
„Nein. Du bist alles, was ich brauche. Bitte. Versprich mir, dass du Lucas hier rausbringst. Bitte. Bleib und bringe ihn in Sicherheit. Bitte …“
Der Körper ihrer Freundin bebte erneut.
Radius zwang sich, sich nicht abzuwenden. Ihre Freundin sah so erschöpft aus. Das konnte sie nicht durchhalten, oder? Was, wenn irgendetwas passierte? Was sollte Radius tun, wenn die Geburt schiefging? Wenn ihre beste Freundin verblutete? Oder das Kind in ihren Armen verstarb. Das konnte sie nicht!
„Lucas?“, wiederholte sie stattdessen nur sachte.
„Ja. Ich hatte den Namen vorgeschlagen und Mortes mochte ihn auch. Und … er braucht einen Namen. Einen richtigen Namen … Bitte.“
Die nächste Wehe suchte ihre Freundin heim und unschlüssig beobachtete Radius, wie diese dabei andere Halsringe umklammerte, die von der Decke hingen und sich daran etwas hochzog, während sie ihren Schrei verschluckte.
„Ich weiß nicht, ob ich das kann …“, flüsterte sie aus, „Ich … töten, ja. Aber das hier … Es macht mir Angst. Es-“
„Ich weiß, dass du es kannst, Jane“, hauchte ihre Freundin so flach zurück, dass Radius die Worte kaum vernahm, „Du kannst und du wirst. Denn du bist seine Patentante. Du bist meine Familie. Und du bist nicht nur eine Waffe. Du bist ein Mensch.“
Die Worte zerbrachen etwas in ihr. Es fühlte sich wie ein Erdbeben an. Ein tiefes Zittern, dass sie daran erinnerte, wie sie früher in der Schule aufgerufen wurde. Jane Jade. Immer Jane Jade. Denn das war ihr eigentlicher Name. Radius … Radius war nur eine Waffe. Gemmas Waffe.
Dabei war sie ein Mensch.
„Ich versuch’s“, versprach sie und umarmte ihre Freundin sanft, „Ja?“
Ehe sie sich versah, presste ihre Freundin erneut. Sie keuchte vor Schmerz auf. Schrie jedoch nicht. Stattdessen sackte sie ein wenig zur Seite. Zitterte.
Radius ließ sich auf die Knie fallen. Begutachtete Cherrys nackte Beine. Dann die Hose auf dem Boden. Zuletzt das kleine Köpfchen, dass sich schon sichtbar hinausschob.
Sie atmete tief durch. Bemerkte nun erst, dass die anderen Frauen sie beäugten. Dass sie jedoch nichts sagten. Dass sie zu gebrochen waren.
Und so gebrochen durfte Cherry nie aussehen.
„Du schaffst es. Weiter pressen. Je früher wir ihn aus dir herausholen, desto früher kann ich die Schlüssel holen, um dich abzuketten. Komm schon. Das schaffst du.“
Erneut presste Cherry. Radius konnte es sehen. Sie sah, wie der Schweiß an den Oberschenkeln herablief. Wie dieses Köpfchen größer wurde. Wie es zu groß wurde!
Hastig streckte sie die Arme aus und stützte den winzigen Körper. Sie spürte, wie er sich glibberig anfühlte. Erschauderte bei dem Gefühl. Hörte das Kind erst Luft einsaugen. Dann schreien …
Mit großen Augen betrachtete sie dieses kleine Wesen. Lucas. Cherrys Sohn. Er … Er sah nass, verschrumpelt, mürrisch und dennoch so perfekt aus!
„Er ist wunderschön“, hauchte sie ihrer Freundin entgegen.
