M: Leerer Paketdienst II

Lucifer beobachtete, wie Kim vor dem Fenster auf und ab tigerte. Er selbst hatte sich an die Wand neben der Tür gelehnt. So konnte er am besten lauschen, wie die Bewohner ins Haus kamen. Wie die Schwangere sich auf das Drängen der anderen hinsetzen musste. Wie sie gefragt wurde, ob sie ordentlich getrunken hätte …

Auf ihr „Geht so“ fühlte sich Lucifer erneut zurückgerissen. Er musste wieder an seine Mutter denken. Und wie sein Vater ihn stets dazu verdonnert hatte, sich mit um sie zu kümmern. Sobald ihr der Mann wegmusste, war Lucifer dafür verantwortlich gewesen, auf sie und Michael aufzupassen. Er hatte ihr damals immer wieder Wasser gebracht. Er hatte mit Michael geschimpft, falls dieser zu laut wurde und ihre Mutter Kopfschmerzen hatte. Und er hatte die Zeitungen versteckt, wenn auf den ersten Seiten zu gruselige Fotos abgedruckt waren …

Das „Danke“ riss ihn aus seinen Erinnerungen. Vorsichtig spähte er durch den offenen Türspalt zur Treppe. Dort konnte er sehen, wie die Schwangere nun wieder stand.

„Hast du … Hast du dir schon Gedanken über die Geburt gemacht?“, lauschte er einer anderen Stimme.

Angeline. Das musste Angeline gewesen sein! Seine Faust bebte, als ihre Worte durch seinen Kopf echoten. Wie konnte sie sich um das Kind ihrer Schwester so sorgen, jedoch nicht um Michael? Hatte sie nicht mal gemeint, dass sie sich nicht so gut mit ihrer Schwester verstehen würde? Ja! Stattdessen hieß es stets, Tyler, Tyler, Tyler!

Langsam entfernten sich die Stimmen. Doch war es Lucifer gleich. Er hatte ihnen nicht weiter folgen können. Er hatte ihnen nicht weiter folgen wollen!

Viel lieber hatte er Angeline auf der Stelle zerreißen wollen. Nur …

Da war die Schwangere.

„Sicher, dass du noch die Samthandschuhe willst?“, erkundigte sich Kim leise.

„Ja“, presste Lucifer hervor.

„Wenn wir sie jetzt überfallen, sollten wir zügig durch sein“, bemerkte seine Partnerin dennoch, „Ich bezweifle, dass Angelines Geschwister sich großartig wehren können. Und die Polizistin vermutet uns noch nicht hier. Wenn wir sie jetzt überraschen-“

„Könnten wir im schlimmsten Fall mit unserem Auftreten Frühwehen auslösen und das mache ich nicht mit“, er musste sich bemühen, nicht lauter zu sprechen, „Oder willst du ein kreischendes Neugeborenes wiegen?“

Hastig schüttelte Kim den Kopf und wandte sich ab.

Gut. Lucifer hatte eh keine Lust, mit ihr zu diskutieren. Von daher musste seine Partnerin auch nicht wissen, wie lange so eine Geburt normalerweise ging. Er wusste, dass sie sich bei dem Thema eh am liebsten schreiend die Ohren zuhalten würde.

Und das Geschrei würde nur ihre Position verraten.

„Wir warten auf eine geeignete Chance. Dafür muss die Schwangere den Raum verlassen. Vielleicht reist auch noch die Polizistin ab. Im Optimalfall kommen die Eltern erst sehr spät heim“, überlegte er.

„Du meinst in so drei, vier Stunden?“

„So wie ich unser Glück kenne: in maximal einer.“

„Wollen wir wetten?“

Lucifer nickte stumm. Dann schloss er die Augen, um sich besser auf das Belauschen des Erdgeschosses zu konzentrieren, während Kim draußen alles im Blick behielt. Sie würden aufmerksam sein müssen. Aufmerksam und übervorsichtig-

„Huh. Sprich von unserem Glück. Ich glaube, Daddy kommt jetzt schon nach Hause?“, vermutete Kim kurz darauf.

„Hm?“

Sie schien etwas draußen zu beobachten, ehe sie zur Tür deutete. Also spähte Lucifer erneut durch den offenen Spalt. Dort konnte er sehen, wie der Schatten der Haustür über die Stufen glitt. Jemand trat ein. Er konnte sehen, wie der Schatten durch den Flur schlich. Wie er in Richtung Wohnzimmer verschwand? Nein. Dann hätten die anderen auf den Neuankömmling reagiert. Er musste ins Nebenzimmer getreten sein. In die Küche!

Lucifer wartete einen Moment ab, ehe er sich aus dem Zimmer in Richtung Treppe schob. Dabei achtete er darauf, sich leise zu bewegen und keinen Schatten auf die Treppe zu werfen. Der Schatten des vermeintlichen Vaters war ihm zu vorsichtig erschienen. Zu … was war das?!

„Möchte noch jemand einen Snack? Oder Eiscreme?“, lauschte er plötzlich einer Stimme.

Vom Klang her hätte er Angeline dahinter vermutet. Doch als er kurz darauf den rundlichen Schatten sah, der das Wohnzimmer verließ …

Mit einem schnellen Winken forderte er Kim auf, ihm zu folgen.

Sie hatten nicht viel Zeit. Deswegen mussten sie sich als erstes auf die Leute im Wohnzimmer konzentrieren. Dann kämen der Vater und die Schwangere ran. Hoffentlich, noch ehe diese bemerken würden, was vor sich ginge.

„Seit wann bist du denn da?“, „Ihr wirktet so konzentriert“, hörte Lucifer noch aus der Küche.

Dann stand er bereits im Wohnzimmer. Den Lauf seiner Waffe hatte er auf den Jungen gelegt. Auf diesen Tyler. Dennoch bemerkte ihn vorerst niemand. Selbst Angeline blickte nicht auf. Erst als Kim ihm folgte und er auf die Polizistin deutete, hob sich ihr Kopf.

Lucifers Zeigefinger befand sich sofort auf seinen Lippen. Er lächelte Angeline kalt an. Wartete, bis Kim weiter in den Raum getreten war, um die Aufmerksamkeit der Polizistin auf sich zu lenken. Eine Frau, die Lucifers Partnerin kaum registrieren konnte, ehe er schräg hinter ihrem Sessel stand und ihr den Griff seiner Waffe über den Kopf zog.

Augenblicklich sackte die Polizistin zusammen und polterte zu Boden.

„Ihr solltet lieber ganz leise sein, ja?“, fragte er an Angeline gerichtet, während seine Waffe wieder auf Tyler deutete.

Sie nickte erschrocken.

„Kim? Kannst du die restliche Sicherung übernehmen?“, erkundigte sich Lucifer sogleich, ohne die Augen von seinem Ziel zu nehmen.

„Liebenswürdig“, murrte diese nur, ehe sie die Handschellen der Polizistin nahm und ein Ende bereits an deren Arm zuschnallen ließ. Dann hievte sie die Frau zurück in den Sessel. Ehe sie jedoch auch das zweite Ende der Handschellen an ihr befestigte, rollte sie eine Hantel herüber, die sie mit der Metallkette einmal umwickelte, damit die Polizistin nicht einfach aufstehen konnte, sobald sie wieder zu sich kam.

Als sie sich gerade abwandte, um zur Küche zu gehen, hielt Lucifer Kim noch ein letztes Mal zurück.

„Samthandschuhe“, erinnerte er sie still.

Als Antwort zeigte sie ihm nur den Mittelfinger. Doch wusste er, dass sie sich daran halten würde. Seine Partnerin war einzig genervt …

Stumm wartete Lucifer. Dabei behielt er seinen Blick auf Angeline fokussiert. Angeline, deren Hand immer wieder in Richtung ihres Brüderchens zuckte …

Dann war diese Art des Druckaufbaus wohl doch die beste Entscheidung gewesen.

„Stress soll für Schwangere bekanntlich nicht gut sein, oder?“, fragte er die zwei vor sich mit kaltem Lächeln, „Von daher können wir hier gewiss ruhig miteinander reden, oder?“

Unschlüssig nickten diesmal beide. Dabei war ihnen jedoch der Unglauben ins Gesicht geschrieben. Unglauben, der Lucifer kaum kümmerte.

Denn er hörte schon, wie Kims Stimme durch das Haus polterte.

„Rüber und Klappe halten.“

Sie hatte nicht laut gesprochen. Das musste sie nicht. Das musste sie noch nie. Dafür forderte ihr Auftreten meist zu viel Respekt ein. Wer nicht beim ersten Mal ihren Anweisungen Folge leistete, war eh totgeweih-

„Du auch!“

Lucifer musste sich ein Stirnrunzeln verkneifen. Hatte sie nun den Vater oder die Schwangere angesprochen? Wer hatte nicht sofort auf sie gehört?

Und wieso?

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