K: Die Bürden eines Sohnes

Es kostete Tristen fast ein Jahr, ehe er sich wieder offen im Stützpunkt blicken lassen konnte. Freilich hätte er auch schon vorher durch die Gänge spazieren können, doch wollte er seine Tante LiJu und seinen Vater in dem Glauben lassen, dass er noch auf die Räucherstäbchen angewiesen war. Räucherstäbchen, die sie ihm regelmäßig aufs Zimmer schickten.

Räucherstäbchen, die er stets von LaNa entsorgen ließ, um bei Verstand zu bleiben.

„Die Namen sind heute eingegangen“, bemerkte seine Auxilius als er sein Mittag beendete, „Über Generälin LiJu, wohlbemerkt.“

Sofort wandte er sich ihr zu. Er kaute eilig runter. Stellte den Teller beiseite. Sammelte sich. Sobald er einen zweiten Auxilius besaß, dürfte er diesen Stützpunkt verlassen und sich auch an den Kämpfen beteiligen!

„Wie zu erwarten“, murmelte er dennoch, als wäre die Information kaum der Rede wert, „Irgendjemand dabei, den du dir als Partner vorstellen kannst?“

„Das dürfte ich mir nicht anmaßen“, entgegnete sie lächelnd, ehe sie die Namen auflistete.

Tristen ließ Steffen im Geheimen ihre Mimik beobachten, während er sich die Namen merkte. Wenn LaNa etwas nicht gefiel, zuckte ihre linke Augenbraue immer ein Stück nach oben. Daran wollte er sich orientieren, wenn sie schon nicht offen ihre Meinung kundtun durfte.

Denn LaNa war eine der wenigen Personen in diesem Stützpunkt, der er nach Valis Todeserklärung vollkommen vertraute.

Der gerade!, meldete sich seine andere Seele.

Der Rest ist in Ordnung?

Nein. Das ist der einzige, gegen den sie keine Vorurteile hat.

Das überraschte Tristen. Die Gespräche über seine zweite Leibwache zogen sich bereits vier Monate hin. War wirklich nur ein Name dabei, bei dem LaNa keine Bedenken hatte? Wieso? All diese Leute waren doch vom Generalstab abgesegnet worden!

Wir leben zu isoliert, schimpfte er in sich hinein.

Nein. Ich glaube eher, dass Tante LiJu und Vater die restlichen Generäle um den Finger gewickelt haben …

Steffens Gedanken bescherten ihm Bauchweh.

„Wer ist dieser ESi nochmal?“, hinterfragte Tristen den einzigen Namen, der keinen Missmut bei seiner Auxilius geweckt hatte und den er von irgendwoher zu kennen glaubte.

„Er … Um offen zu sprechen, ich weiß nicht, ob er schon bereit für die Aufgaben eines Auxilius ist“, bemerkte LaNa vorsichtig.

Tristen runzelte die Stirn. Warum sorgte sie sich? Nein. Um wen? Um ihn? Oder um den anderen Macian?

„Wieso?“, drängte er sie sanft.

„Edward Silvan ist mein Neffe. DaMo’s Sohn. Er hat es sich nicht verzeihen können, dass sein Vater beim Angriff auf den Shanai bei ihm war, statt der Floris beizustehen. Ich weiß nicht, ob …“, sie seufzte, „Ich glaube, dass er mal ein guter Auxilius werden würde. Ich glaube, dass er bereits jetzt seinem Alter weit voraus ist und Euch positiv überraschen würde. Doch weiß ich nicht, ob es wirklich hilfreich wäre, wenn er Euer Auxilius werden würde, Radix.“

Er ist der Sohn des Namenlosen! Des Mannes, der Mutter und Vali im Stich gelassen hatte, als sie ihn gebraucht hätten. Als-

DaMo hatte nicht wissen können, was geschehen wird, wies er Steffen zurück, ESi versucht wahrscheinlich nur die Schande seines Vaters reinzuwaschen. Etwas, was wir bei Vaters Ruf auch tun sollten, sobald wir ihn absetzen, oder?

Denn das sein Vater ein Mistkerl war, daran hegte Tristen keine Zweifel. Er sah es jedes Mal, wenn er dem Mann im Stützpunkt begegnete. Oder wenn er in dessen Unterricht musste. Lieber würde der Lyx jeden anderen Macian als fehlerhaft erachten, ehe er gar einen Makel bei sich in Erwägung ziehen würde!

„ESi ist der beste Kandidat“, entschied Tristen sicher.

„Radix, wenn Ihr Euch an seinem Vater rächen möchtet-“

„Nein. DaMo ist … kompliziert. Und ESi hat mehr als nur eine Chance verdient. Lade ihn ein und lasse den Generalstab danach über meine Entscheidung informieren“, erklärte er.

Sie musterte ihn einen Moment schweigend. Dann nickte sie. Als hätte sie etwas gesehen, was sie in ihrem Glauben bestärkt hätte. Still entschuldigte sie sich, ehe sie sich auf den Weg machte.

Kommt es nur mir so vor oder wirkte sie erleichtert?, erkundigte sich Steffen.

Nein, Tristen begutachtete die geschlossene Tür, Mir war auch so. Und da die anderen Namen ihr alle nicht zugesagt hatten … Meinst du, Tante LiJu hat etwas damit zu tun? So … besitzergreifend, wie sie hier ist?

Definitiv. Von ihr kamen auch die Räucherstäbchen. Und sie hat Vater davon überzeugt, Vali als Tote zu listen!

Ja …, er ließ Steffen schimpfen, während seine Gedanken abschweiften.

Es war nicht ungewöhnlich, dass alle im Stützpunkt auf den zuständigen General hörten. Genauso war es beim Shanai gewesen. Dennoch hatte es ihn überrascht, wie viel offener und herzlicher der Umgang am Shanai gewesen war: Die Macian waren aufeinander zugegangen und nicht aneinander vorbei. Auch war der General dort über die Beziehungen der Macian nur informiert worden. Hier jedoch?

Tristen wusste noch, wie befremdlich es ihm erschienen war, als er bei seiner Rückkehr gehört hatte, wie seine Tante LiJu über die Liebschaften der anderen Macian über eine Tasse Tee entschieden hatte.

„Radix?“, SteMa eilte ohne Ankündigung in seine Gemächer.

„Cousin“, TriSte entfloh ein Lächeln, als der andere Junge sich neben ihm aufs Sofa fallen ließ.

Was würde er nur dafür geben, sich auch einmal hinlümmeln zu können!

„Als ich LaNa draußen gesehen habe, wollte ich mal die Gunst der Stunde packen“, er zog vier Fläschchen mit je einem Samen aus der Tasche, „Die habe ich aus Mutters Büro. Wollen wir schauen, was draus wird?“

„Du hast sie gestohlen?“, Tristen zog eine Augenbraue hoch.

„Geborgt“, korrigierte SteMa, „Wir lassen sie wachsen, sammeln die neuen Samen und packen sie wieder zurück. Was sagst du?“

Mir gefällt das nicht, mischte sich Steffen ein, Wenn sie es bemerkt, werden nicht wir den Ärger dafür einheimsen.

Wenn sie es bemerkt, oder?, gab Tristen zu bedenken.

Denn viel Unterhaltung hatte er in diesem Stützpunkt nicht. Wenn sein Spielkamerad also herausfinden wollte, welche Samen seiner Mutter so am Herz lagen – warum nicht?!

„Zeig her“, er ließ sich zwei Flaschen geben und betrachtete die kleinen schwarz-braunen Körner darin nachdenklich, „Hast du eine Vermutung?“

„Bei den Dingern? Nicht ganz. Das da könnte ein Baum werden“, SteMa wies auf eines seiner Fläschchen, „Das vielleicht eine Blume?“, er deutete auf eines in TriSte’s Händen.

„Hm.“

Tristen brach sein Siegel als erster. So wäre es sicherer für seinen Spielkamerad. Weil er sich rausreden konnte, dass er nur den Radix kopiert hätte. So hatten sie es immerzu gehandhabt. Nun. Fast immerzu. Vor ein paar Jahren hatte er SteMa mehrfach auflaufen lassen. Weil dessen Mutter SteMa mit TriSte’s Schwester vermählen wollte. Damals hatte Steffen geglaubt, dass sein sonst so freundlicher Cousin von ihrem Plan gewusst haben musste. Doch seither?

Sein Spielkamerad hatte ihm nie irgendeinen Grund geliefert, um an diesem zu zweifeln. Stets fielen ihm lustige Spiele ein oder er wartete, bis LaNa weg war, damit TriSte sich nicht mehr so vornehm und erhaben geben musste.

Und er hatte den Radix auch nicht verraten, als dieser sich in die Generalsversammlung schleichen wollte. Das war eine andere Macian gewesen. Eine, deren Umsetzung TriSte zügig gefordert hatte.

Er hatte damals ja nur wissen wollen, ob sie irgendein Lebenszeichen von Vali gefunden hätten …

Mit einer geübten Handbewegung ließ er das erste Samenkorn gedeihen. Im Nu entstand eine wunderschöne orangene Blume. Sie war groß. Roch betörend. Beinah besitzergreifend!.

Kopfschüttelnd wandte er sich SteMa zu: „Und du?“

„Ich dachte, ich kann noch deine zweite sehen“, bemerkte dieser jedoch.

„Nach deiner“, entschied Tristen.

Ich mag den Geruch nicht. Sie stinkt, meldete sich Steffen.

Ja. Nicht der beste Geruch, aber- Aber-

Seine Gedanken schwankten. Der Duft erinnerte ihn an die Räucherstäbchen. Er ähnelte ihnen so stark! Doch fehlte etwas. Der Geruch vermisste noch einen herben Teil. Einen … Einen zweiten … der …

Tristen bekam kaum mit, wie SteMa mürrisch sein Bäumchen sprießen ließ. Es war nichts Besonderes. Nur ein alltäglicher Stamm mit Blättern. Ein Ahorn? Hm. Zumindest etwas, was nicht in einem Fläschchen weggeschlossen werden müsste … Nicht so, wie diese orangene Blume …

Als TriSte‘s Finger sich an dem nächsten Glas zu schaffen machten, krachte ein Windstoß durchs Zimmer. Erschrocken sprang SteMa auf. Der Geruch blies ihn mittig ins Gesicht entgegen. Sein Freund taumelte. Sackte in sich zusammen. Krachte auf den Boden.

Ehe Tristen reagieren konnte, wurde die orange Blume von der Erde verschluckt und zerquetscht.

„Ich hoffe, ihr seid wohlauf, Radix“, meldete sich LaNa von der Tür aus.

„Das …“, er schüttelte sich und starrte auf das zweite Fläschchen.

Der Samenkorn lag bereits in seiner Hand. Er müsste ihn nur gedeihen lassen. Er glaubte zu wissen, dass sich darin die fehlende Komponente versteckte. Der zweite Teil, der in den Räucherstäbchen seiner Tante versteckt war!

„Ich nehme das“, seine Auxilius streckte fordernd die Hand nach dem offenen Fläschchen aus.

Jeder andere wäre allein für die Worte hingerichtet worden. Doch LaNa hatte stets sein Wohl im Sinn. Ihr vertraute er. Und sie …

Ihr Windstoß hat uns geholfen. Schau dir SteMa an!, erkannte Steffen.

Artig überreichte er ihr das Glas mit Samenkorn. Er konnte nicht anders. Dafür verstörte ihn der Anblick seines Cousins zu sehr. Mit offenen Augen lag der Macian da. Er starrte ins Nichts. Murmelte unsinnige Worte. Als würde er unter einem Bann stehen!

„Sah ich nach den Räucherstäbchen genauso aus?“, fragte Tristen leise.

„Teilweise“, LaNa runzelte die Stirn, als sie dem anderen das letzte Fläschchen abnahm, „Direkt von der Blume war die Dosis wohl zu konzentriert …“

„Er hat sie aus Tante LiJu’s Büro geklaut. Um mich zu unterhalten. Verpetz ihn bitte nicht?“, fragte Tristen eilig.

„Hm …“, sie musterte ihn nachdenklich, „Du weißt, ich bin nur früher zurückgekommen, weil Generälin LiJu mich sprechen wollte.“

„Dann … Wieso bist du nicht zu ihr?“, fragte er unschlüssig.

„Weil sie mich so plötzlich und so dringend sprechen wollte. Es erschien mir zu drängend. Deswegen bin ich zuerst hierher. Und … Es wäre doch gut möglich, dass SteMa die Samen auch mit ihrem Wissen entwendet hat. Oder dass er wusste, was sie bewirken …“

„Das …“, Tristen konnte nicht über ihre Worte nachdenken – dafür fühlte er sich noch zu verwirrt, „Nein. LaNa, SteMa ist ebenso wie ESi zwar der Sohn seiner Eltern, aber das heißt nicht, dass sie wie ihre Eltern sind. Oder dass ich wie mein Vater werde! So wie ESi seinen Posten nicht verlassen wird, wird SteMa mich nicht betrügen. Das … Das muss so sein, weißt du?“

„Wie Ihr meint.“

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