Timothy – Die Einladung

Es dauerte drei Wochen, ehe Maria ihre Antworten an Alexander eigenständig verfassen konnte, doch kam mir dieselbe Zeit wie drei Jahrzehnte vor. Viel zu schwerfällig griff das Mädchen nach Pergament und Feder. Dabei hätte ich ihr die Gegenstände am liebsten selbst in die Hände geschoben!

Julies Geduld beeindruckte mich dabei zutiefst. Stets wiederholte sie ihre Bitten oder Fragen oder las Alexanders Briefe auch ein sechstes Mal vor. So lange, bis Maria sich endlich darauf konzentrierte.

„Meinst du, Vater wird ihn herlassen? Damit wir uns treffen können?“, fragte Maria eines Tages, als sie von Alexanders neuster Post aufsah.

„Warum nicht?“, erkundigte sich Julie lächelnd.

„Weil … Er hasst mich. Das weiß ich. Er … Würde er mich nicht am liebsten hier verrotten lassen?“

Für sich genommen, mochte das wahrlich stimmen. Doch wenn Elisabeths Abschiedsworte stimmten, so war die ältere Schwester einen Handel für die jüngere eingegangen. Demnach würde ihr Vater Maria nun loswerden wollen, damit er sich anschließend seinen eigenen Abscheulichkeiten hingeben könnte.

Dinge, von denen ich vor allem Julie wegwissen wollte.

„Ich glaube, er würde sich viel mehr über etwas Freiraum freuen. Und solange du – und damit auch ich – hier leben, versorgt er uns ja. Wir zwängen ihn ein. Gewiss freut er sich, wenn er unsere Kosten irgendwann abgeben kann. Und wie soll er eine Partie für dich finden, wenn er dich einzig auf dieses Zimmer hier sperrt“, gab Julie zu bedenken.

„Kosten“, wiederholte Maria mit gerümpfter Nase, „Das ist doch alles, was ich für meinen Vater bin. Ein Haufen Kosten sowie eine Allianz mit an-wen-auch-immer-er-mich-verkauft …“

Der energische Ausspruch gefiel mir. Glucksend schwebte ich um Julie herum und lauschte ihren beschwichtigten Worten. Worten, die beiden Mädchen einst von dem Hauslehrer aufgezwängt worden waren.

Erst als Julie darauf hinwies, dass Maria ja wenigstens fragen könne, ob Alexander zu Besuch kommen könne, wurde das Gespräch wieder interessant. Sie wies darauf hin, dass Maria sich ja über jeden seiner Briefe zu freuen schien. Dass sie endlich wieder lächeln würde.

Gewiss würden die zwei glücklich werden.

Dennoch dauerte es noch vier weitere Tage, ehe Maria sich traute, ihren Vater zu fragen. Unschlüssig kritzelte sie dafür einige Zeilen auf ein Pergament. Anders wollte der Mann nicht mehr mit seiner jüngsten Tochter kommunizieren.

Er könne ihren Anblick nicht mehr ertragen.

Die Zustimmung kam noch in derselben Stunde zurück.

Ungläubig reichte Maria sie siebenmal an Julie weiter, damit diese die Worte bestätigte. Um sicher zu gehen, dass sie sich die Antwort nicht einbildete. Dass ihr Vater ihr wirklich gestattete, Alexander nicht nur für den erfragten Nachmittag einzuladen. Stattdessen hatte ihr Vater verfügt, dass Alexander über eine Woche bei ihnen hausieren sollte. Am Ende könne er Maria gerne mitnehmen.

Nachdenklich musterte ich die schroffen Zeilen noch einmal. Die Feder war an einigen Stellen so hart übers Papier gefahren, dass sie Furchen hinterlassen hatte. Tiefe Rillen, die Löcher ins Pergament rissen. Die Worte klangen dabei nicht wie die seinen. Nicht wie die kalten, die ich sonst von dem Mann mitbekommen hatte.

Stattdessen las ich Elisabeths Umsicht heraus.

„Ich glaube, dein Vater weiß nur nicht ganz auszudrücken, wie er einer baldigen Hochzeit zustimmen würde“, vermutete Julie leise.

„Er möchte mich loswerden“, behauptete Maria direkt, „Ich bin nur irritiert, dass er so nett dabei geblieben ist.“

„Du meinst, weil er noch kein Traualtar zur Ankunft vorgeschlagen hat?“, hinterfragte Julie.

„Unter anderem“, Maria nahm die Antwort wieder an sich, „Meinst du, Vater würde mich vermissen, wenn ich weg bin?“

„Ich …“, Julie stockte, „Ich glaube, er ist zu tief in seiner Trauer gefangen, um irgendwen derzeit zu vermissen.“

Als Maria für eine längere Zeit schwieg, fischte Julie den Brief erneut aus ihren Fingern. Entschieden faltete sie das Papier mehrere Male, ehe sie es in das Nähdöschen ihrer Freundin stopfte.

„Was-?“

„Falls er seine Meinung nochmal ändert, oder? Sicher ist sicher.“

Das riss Maria aus ihren Gedanken. Sie folgte Julie zum Schreibtisch. Griff leichthändig nach der Feder. Zog gleich drei Seiten Pergament heran. Öffnete das Tintenfässchen.

„Dann sollte ich lieber auch die Einladung so schnell wie möglich verfassen, oder?“, sie beugte sich in Julies Richtung, „Irgendwelche Ideen?“

„Hm … Wie wäre es mit Mein allerliebster Alexander-spatz?“

„Ich hätte nicht fragen sollen!“, lachend setzte sich Maria endlich allein ans Schreiben. Es war das erste Mal seit Elisabeths Tod, dass sie so aufgeregt dabei erschien.

Dass sie sich über jeden Tintenfleck zu freuen schien.

„Es geht ihr wieder besser, oder?“, hauchte Julie aus.

Obwohl keine Kerze brannte, fühlte ich mich angesprochen. Und so tat ich das nächstbeste, um ihr zu antworten: Sachte strich ich durch die leeren Finger ihrer linken Hand.

Julie lachte erleichtert auf.

„Ja?“, unterbrach Maria unseren Moment.

„Nichts. Nur ein Gedanke. Über das Leben und das Glück.“

Schulterzuckend wandte sich Maria ab und schrieb weiter.  

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