Märchenstunde: Das Königreich der Hexen III

Mira und Nyx waren beide gekommen, um den Prinzen anzuhören. Sie trafen sich mit ihm am Waldrand, während Nia und ihre anderen Geschwister zwischen den Bäumen ausharren sollten. Falls das Treffen sich in einen Hinterhalt verwandeln würde, könnten sie so alle zügig reagieren. Sie könnten einander beschützen. Sie könnten den Prinzen und das nächste Dorf dem Erdboden gleich machen, ehe diese gar wussten, wie ihnen geschah!

Aber zuvor wollten sie den Nacktaffen sprechen lassen.

Es dauerte mehrere Stunden, ehe Nyx Aurora zu sich rief und mit einer Aufgabe aussandte. Am liebsten wollte Nia näher herankommen, um die Worte auszumachen. Nur war ihre Aufgabe eindeutig gewesen.

Sie sollte im Schutz der Bäume Wache halten. Falls jemand aus der Ferne käme. Falls sie angegriffen werden würden. Falls Pfeile und Kanonenkugeln auf sie herabhageln würden. Immerhin war Nia die einzige, die ihre Familie mit reiner Luft beschützen konnte!

Kurze Zeit später kehrte Aurora zurück. Sie überreichte Mira einige Gräser. Gräser, die diese der alten Nia weitergab. Die diese dankend entgegennahm. Zumindest glaubte Nia, dass die alte Frau sich bedankte. Sie neigte immer wieder den Kopf. Lächelte. Lächelte so herzlich!

So hatte sie Zizi auch einst angelächelt, oder?

Noch während Nia die alte Frau beobachtete, neigte auch der Prinz den Kopf. Er legte dabei eine Hand auf den Knauf seines Schwertes. Für einen Moment befürchtete Nia, dass er gleich ihre Schwester hinrichten würde. Ihre Mira. Jene Frau, die sie das erste Mal durch den Wald geführt hatte. Der Nia ihr Treffen mit Nyx, mit der Magie, mit dem Herzen des Waldes zu verdanken hatte!

Doch schon stand der Prinz wieder. Die Hand geöffnet neben sich baumelnd. Als hätte er das Schwert während seiner Verbeugung nur stützen wollen.

Als er sich mit der alten Frau auf den Rückweg machte, kehrten Mira und Nyx auch in den Wald zurück. Dabei stieß ihre Mutter einen kurzen Schrei aus. Eine Aufforderung, wegen der sich Nia und ihre Geschwister durch das Unterholz schlängelten. Zu einer schmalen Lichtung. Dort trafen sie sich. Nickten sich stumm zu. Knieten nieder. Verschränkten Arme oder Flügel vor sich.

Erst dann war die Versammlung der Birchs eröffnet.

„Der Prinz will ein letztes Mal mit seinem Vater reden, während dieser bei Verstand ist. Aurora hat ihm das Heilkraut dafür besorgt. Jedoch haben wir unseren Preis eingefordert“, verkündete Nyx, „Ein Preis, der für alle Beteiligten bezahlbar sein sollte.“

„Werden die Nacktaffen sich endlich alle gegenseitig hinrichten?“, schimpfte Cula, die zweitälteste von Nias menschlichen Geschwistern.

„Nein“, mischte sich Mira ein, „Es wäre nicht richtig, ihre Bosheit mit Bosheit zu vergelten.“

„Sie haben es nicht anders verdient, Schwester!“, rief Cula aus.

„Alle von ihnen? Wir stammen von ihnen ab. Was ist mit jenen, die nur noch nicht verstoßen wurden, weil es bislang nicht passte? Die noch ausgebeutet werden? Die so sind wie du und ich?“

„Opfer wird es immer geben.“

„Bislang haben wir nur Tode gefordert, wenn die Gefahr in unser Reich drang.“

„Na und? Als ob Nacktaffen sich an Grenzen halten! Sie nehmen sich immer alles! Vielleicht sollten wir auch-“

„Genug!“, unterbrach Nyx die beiden.

Nia schluckte. Sie hatte es noch nie gewagt, in einer Versammlung so offen zu sprechen wie Mira oder Cula. Sie hatte sich stets zu viele Sorgen gemacht, von Nyx zurückgewiesen zu werden. Dass die beiden es jedoch immer wieder so belanglos taten … Es war ihr ein Wunder.

„Verzeihung, Mutter“, verkündeten Mira und Cula eilig.

Erst danach sprach der riesige Rabe weiter.

„Ich habe ihn darum ersucht, dass der Wald uns gehört und dass man uns als gleichwertig sieht. Ich habe gefordert, dass keine Mädchen mehr gefoltert oder ausgestoßen werden. Und ich habe verlangt, dass es uns jederzeit freisteht, an ihren Hof zu kommen und sie an diese Worte zu erinnern“, offenbarte Nyx so ruhig, dass Nia ihr nicht folgen konnte.

Nyx … Wollte sie ihre menschlichen Kinder verstoßen? Oder warum wollte sie die Wogen so aktiv glätten? Warum-

„Mutter! Wir müssen nicht von den Nacktaffen anerkannt werden. Es sind nur Nacktaffen!“, schrie Cula aus.

„Ja und nein“, Nyx seufzte, „Eines Tages werdet ihr euch vielleicht Kinder wünschen. Dafür werdet ihr einen dieser Nacktaffen brauchen. Doch werden eure Söhne keine Magie erhalten. Sonst würde in hundert oder zweihundert Jahren vergessen werden, warum ich sie einst in euch erweckt habe. Also können eure Söhne nicht im Wald überleben. Sie werden einen Ort unter den Nacktaffen benötigen. Und ihr? Ihr schlaft immer noch in meinem Nest oder in jenen mickrigen Häusern, die es im Wald eigentlich nicht geben sollte. Ihr seid ein Teil des Waldes. Aber zeitgleich gehört ihr nicht ganz dazu. Es ist eine unangenehme Wahrheit, der wir uns stellen müssen, meine Kinder.“

Dem stimmten Aurora und einige von Nyx anderen Vogelkindern still zu, indem sie die Köpfe senkten. Es brach Nia das Herz, ihre Geschwister so wehklagend zu sehen …

„Mutter will uns alle Chancen der Welt schenken, Cula“, ergriff Mira wieder das Wort, „Und der Prinz hat ihren Forderungen zugestimmt. Wir sollen uns ein halbes Jahr gedulden, damit alles in die Wege geleitet werden kann. Aber dann werde ich mit Aurora zum Schloss aufbrechen. Wir werden den Prinzen dort an sein Wort erinnern. Wir werden ihn immerzu an seinen Schwur erinnern. Damit wir alle, wir Kinder von Nyx, eine Familie bleiben können. Damit wir die Freiheit haben, unser Leben selbst zu wählen, Schwester.“

„Ich habe mein Leben gewählt, als ich Nyx getroffen habe. Ich werde nie-“

„Cula“, unterbrach der große Vogel ruhig, „Damit ihr für die zauberhaften Frauen gesehen werden könnt, die ihr seid, müssen Opfer gebracht werden. Und das ist eines davon.“

Die Bestimmtheit, die in den Worten mitschwang, war so erschreckend, dass Nia schluckte. Sie wusste, warum ihre Mutter Mira aussenden wollte. Mira war die älteste Miracula. Ihre Magie war am stärksten. Sie war besonnen. Herzlich. Aber auch bestimmt.

Und doch war ihre Magie an die Bäume des Waldes gebunden.

„Mutter? Mira? Bitte. Bitte entsendet mich stattdessen. Wind und Luft sind überall zu finden. Aber … Mira braucht den Wald, um ihre Magie wirken zu lassen. Sie braucht jene Bäume, von denen sie getrennt sein wird. Und selbst wenn nicht – ein Feuer und sie ist den Nacktaffen ausgeliefert. Ich … Ich bin eine bessere Wahl. Und ich habe mich in Zurückhaltung bewiesen, als ich den Prinzen nicht angegriffen habe und Euch geholt habe, als er hier auftauchte. Ich … Ich bin das bessere Opfer.“

„Ich weiß“, offenbarte ihre Mutter so leise, dass Nia schluckte, „Doch wollte ich dich nicht dazu drängen, solange du dich nicht bereit dafür fühlst.“

„Nun – ab sofort fühle ich mich bereit.“

Damit atmete Nia tief durch und bemerkte, dass sie zum ersten Mal während einer Versammlung gesprochen hatte. Dass all ihre Geschwister sie stolz ansahen. Dass in den Augen ihrer Mutter die Anerkennung strahlte.

„Es wird ein weiteres Opfer notwendig sein, mein Kind“, hauchte Nyx aus.

„Ich werde es erbringen“, erklärte Nia sofort.

„Bist du dir sicher? Denn damit sich das Königreich an den Schwur des Prinzen hält, muss unser Blut sich mit seinem vermischen. Kein anderes Blut darf dazwischen geraten oder überleben. Jegliche Hindernisse gehören entfernt. Damit die Erben ein Teil unseres Blutes in sich tragen. So kann gefordert werden, dass all eure Söhne einen Platz unter den Nacktaffen haben. Und dass all eure Töchter zu ihren Wurzeln zurückkehren müssen. Dass es keine Ausnahmen gibt. Damit unsere Familie, unser Zirkel, unsere Leben geschützt bleiben. Kannst. Du. Das. Nia?“

Sie atmete tief ein. Spürte, wie die Luft durch sie hindurch wedelte. Wie sie sie jedoch beruhigte. Wie sie sie stets beruhigte.

Und diese Magie verdankte sie nur Nyx.

„Ja. Meine Töchter kehren zurück. Meine Söhne bleiben beim Prinzen und lernen, die Miracula zu lieben. Sie werden lernen, den Wald zu achten. Sie werden ihre Köpfe vor dir neigen, Mutter. Und all unsere Kinder werden sich an den Schwur halten.“

„Und andere königliche Erben dürfen nicht existieren“, forderte der Vogel.

„Es werden nur meine Kinder sein, Mutter.“

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