
Als die letzte Schulstunde endlich endete, hätte Lilith am liebsten aufgeseufzt. Zügig packte sie ihre Sachen ein und blickte in derselben Bewegung erneut zu Tina.
Das andere Mädchen schaute nur schwerfällig auf. Sie wirkte blass. Und angespannt. Als hätte die Glocke eher Pein als Erlösung gebracht.
„Ach ja. Wollte ich dir schon gestern sagen: Ich muss gleich noch meiner Mom mit ihrem Hochzeittaggeschenk helfen. Sie hat das Datum schon wieder verpeilt und muss alles bis heute Abend fertig haben, wenn Dad heimkommt“, bemerkte Shiloh, „Kommst du klar?“
„Denke. Ich wollte eh gleich zu Oli“, entgegnete sie still.
„Aber kommst du klar?“
„Ja, doch“, das Lächeln tat weh, dennoch wusste Lilith, dass ihre Freundin ohne eines nicht gehen würde.
Viel zu langsam verabschiedete sich Shiloh von ihr. Ihr Blick blieb jedoch besorgt. Fast, als glaube sie den Worten nicht richtig. Und wie sollte Lilith es ihr verübeln? So oft, wie sie mit den Gedanken abgeschweift war …
„Der Unterricht ist zu Ende“, wandte sie sich an Tina, als Shiloh weg war.
„Stimmt“, das andere Mädchen schaute nicht auf, „Aber ich habe das hier noch nicht so gut verstanden“, sie klopfte mit dem Bleistift gegen eine offene Buchseite, welche zwei Kapitel weiter hinten geöffnet war.
„Waren die Erklärungen zu schnell?“, fragte Lilith dennoch.
Sie selbst hatte die Seiten vor zwei Tagen versehentlich aufgeschlagen, ehe Shiloh sie korrigiert hatte. Sie fielen bei ihrem Buch immer wieder auf. Als wäre das Papier an dieser Stelle schief gebunden.
Ob das bei Tina genauso war?
„Eher zu sprunghaft“, entgegnete das Mädchen.
Lilith erschauderte, als sie die offensichtliche Lüge nicht nur hörte, sondern auch spürte. Die Worte schienen sie in den Boden zu drücken. Sie hielten ihre Eingeweide umklammert. Schürten ihr die Luft ab!
Genauso wie sonst, wenn jemand ihren so genannten Vater als Vater betitelte.
„Obwohl wir das erst in ein, zwei Monaten durchnehmen werden?“, rang sie hervor, um das Gefühl abzuschütteln.
Tina zuckte zusammen. Eilig schlug sie das Buch zu und schloss die Augen. Sie sog leise Luft ein. Dennoch konnte Lilith sehen, wie ihre Finger auf dem Einband leicht zitterten.
„Ich arbeite nur etwas vor. War zu interessant. Und die Erklärungen im Buch … Nun ja. Detailliert sieht anders aus“, behauptete sie.
Lilith schaute sich im Raum um. Der Lehrer ordnete noch seine Tasche. Von der restlichen Schülerschaft waren außer Tina und ihr nur noch ein Junge aus der letzten Reihe übrig, der aufgeregt durch seinen Hefter blätterte. Dabei bat er den Lehrer um einen Moment Geduld. Die anderen waren bereits verschwunden.
„Vorarbeiten ist ziemlich fleißig. Machst du das, weil du Montag so oft fehlst?“, fragte sie leise weiter.
Tina zuckte zusammen. Ihre Finger krallten sich in das Buch. Hastig riss sie es vom Tisch und schmiss es in ihre Tasche.
„Reiner. Zufall.“
Lilith glaubte ihr nicht. Zu abgehackt waren ihre Bewegungen. Zu schroff ihr Tonfall. Zu ängstlich ihr Blick. Und dann war da noch dieses Gefühl, das Tina ausstrahlte …
Irgendetwas stimmte nicht!
„Was machst du heute nach der Schule? Oder am Wochenende?“, versuchte sie die Stimmung zu lockern.
„Ganz im Ernst“, Tina schmiss ihre Sachen achtlos in die Tasche, während sie ihre Stimme senkte, „Nicht jeder hat ein schickes Leben, weißt du? Kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen?!“
„Und wenn ich dir helfen möchte?“, fragte Lilith leise, „Ich … Man sieht dir doch an, dass etwas nicht stimmt und dass-“
„Und dass es nicht deine Sache ist“, sie seufzte, „Lass mich in Ruhe, ja?“
Ein Teil von Lilith wollte zustimmen. Sie spürte, dass es Tina wichtig war. Dass sie wirklich nicht wollte, dass irgendjemand sich in ihr Leben einmischte. Aber … warum klang dann jedes Wort wie ein Hilfeschrei?
Ehe sie etwas entgegnen konnte, eilte Tina bereits auf den Flur. Sie schlürfte dabei ein bisschen. So, als würde sich ihr rechtes Bein nicht ganz heben lassen wollen. Als wäre es verletzt?
Nachdenklich schulterte Lilith ihre eigene Tasche und verließ das Klassenzimmer. Sie schaute sich auf dem Flur nochmal nach Tina um, doch war diese nirgends zu sehen. Ein Blick aus dem Fenster offenbarte jedoch, dass das Mädchen sich nun gegen die Mülltonnen lehnte und mit der flachen Hand dagegen schlug.
Allein. Einsam. Verzweifelt.
Für einen Moment drehte sich alles in Lilith. Sie glaubte ein anderes Wesen zu sehen. Eines, mit grüner Haut und tanzenden Haaren. Es war anfangs auch allein gewesen. Dann hatte es ihr vertraut. Es hatte sich hinter ihr versteckt. Hatte dennoch nie seine Angst vor den anderen abgelegt. Hatte sich immer wieder zu Lilith zurückgezogen, um seine Erinnerungen zu verdrängen. Hatte sie Mama genannt. Hatte sich selbst dann zu ihr geflüchtet, wenn Chemy sie kritisierte. Oder wenn Liliths Bruder …
Ihr Bruder? Nein. Lucas war nicht dabei gewesen.
Wie eine Seifenblase zerplatzten ihre Gedanken. Eilig krallte sich Lilith am Fensterrahmen fest, um nicht zu stürzen. In ihr drehte sich alles. Sie schauderte. Alles war für einen Augenblick so klar gewesen! Sie hatte sich beinahe an ein Gesicht erinnert!
Frustriert versuchte sie den Weg zurück in diese verschobenen Erinnerungen zu finden. Sie brauchte einen Anker. Etwas, was verwirrend gewesen war und was sie trotzdem nicht angezweifelt hatte. So wie der Name, mit dem sie von diesem einsamen Wesen gerufen worden war.
Mama.
Warum hatte sie dieses Wesen so genannt? Oder war das nur ein Hirngespinst? Drehte ihr Unterbewusstsein langsam durch? Oder wollte es ihr sagen, dass sie sich für Tina verantwortlich fühlte? Oder fühlen sollte? Wie eine Mama? Weil sich das Mädchen erst nach dem Vorfall mit Betty so zurückgezogen hatte? Weil der Vorfall mit Betty auch in ihrer Verantwortung lag? Weil-
„Lilith?“, riss Oliver sie aus ihren Gedanken, „Alles gut?“
„Hm“, sie schüttelte sich, „Ich habe nur …“, sie schaute wieder aus dem Fenster.
Tina war nicht mehr zu sehen.
„Du siehst etwas blass aus“, murmelte ihr Freund, „Und wackelig.“
„Ich glaube, ich wäre eine schlechte Mutter“, platzte es aus Lilith raus, „Ich weiß nicht, ob sich irgendjemand auf mich verlassen könnte. Weder du noch ein Kind, weißt du?“
„Wo … wo kommt das her?“
„Aus …“, sie erinnerte sich erneut an das einsame Wesen mit den tanzenden Haaren, „Ich glaube, es ist so eine Art Gefühl?“
„Nun. Ich glaube, dass du dich maßlos unterschätzt“, behauptete Oliver.
Überrascht wandte Lilith sich ihm zu. Sein Lächeln überraschte sie. Es war so frei. So … entspannt? Ja. Ohne eine Sorge der Welt.
„Und wenn wir wirklich zusammenbleiben? Wenn ich aber nie Kinder haben wollen würde?“, fragte sie.
„Dann haben wir eben nie welche“, er zuckte mit den Schultern, doch schlich sich ein kleiner Funken Schmerz in seine Augen, „Hör zu. Ich habe gesagt, dass ich bei dir bleiben werde. Klar, würde ich gern in ein paar Jahren unsere Familie gerne vergrößern wollen. Doch das kann man auch mit Hunden oder so.“
Lilith lauschte jedem Wort aufmerksam. Ja. Sie konnte seine Enttäuschung spüren. Doch war da auch Verständnis. Und Belustigung. Warum? Weil es ihm noch so entfernt vorkam? Weil …
Moment. Warum sprachen sie schon so über die Zukunft, als ob sie ein verheiratetes Paar waren?!
„Entschuldige! Ich bin irgendwie abgeschweift. Also: Zuerst war Tina da. Und sie sah so einsam aus. Wie ein verlorenes Kind. Und dann musste ich mir vorstellen, dass meine Kinder genauso enden würden, wenn ich immer so abwesend bin und dann-“, sie atmete durch, „Weißt du, was mit Tina ist?“
„Tina?“, Olivers Lachen war wie ein Anker, der sie ans Hier und Jetzt kettete, „Warte. Die hier?“
Zu ihrer Überraschung zog Oliver sein Handy aus der Tasche. Er öffnete einen Chat mit einem Mitschüler und scrollte nach oben. Bis zu einer Nachricht vom letzten Freitag.
Nur Pfirsiche für TinTin!
„TinTin?“, fragte Lilith unschlüssig.
„Na, Tina Tinte. TinTin“, erklärte er, „Die meinst du doch, oder?“
„Hm“, erneut las Lilith die Worte und fragte sich dabei, wie die Eltern auf diese Namenskombination gekommen waren, „Aber warum nur Pfirsiche für sie?“
„So umschreibt Phil immer homosexuelle Mädchen“, erklärte Oliver, „Er macht schon seit Jahren Buschfunk für Jungs, die eine Begleitung für irgendwelche Schulbälle suchen. Dann schreibt er einem immer, wer nicht mehr zu haben ist oder was man bei einem Date beachten sollte.“
„Wie ein … Beziehungsratgeber?“
„So in etwa?“, Oliver lachte beschämt und zeigte ihr einige der anderen Nachrichten:
Man solle zuhören. Man solle sich nicht aufdrängeln. Man solle zuhören. Man solle respektvoll bleiben. Man solle zuhören. Man solle die Finger von einer MappleD lassen. Man solle auf jeden Fall zuhören …
„Ich glaube, du solltest besser zuhören“, murmelte sie.
„Nah. Scheint nicht so wichtig zu sein“, scherzte Oliver zurück.
Lilith konnte nicht anders: Lachend ließ sie sich gegen ihren Freund fallen. Er war mehr als ihr Anker. Er war derjenige, der sie an die Gegenwart band.
Derjenige, der sich an sie ketten wollte, damit sie sich nie wieder in Luft auflösen würde.
