
Es dauerte zwei Tage, bis der Prinz und die alte Frau wieder auf dem Pfad auftauchten. Nia saß wieder oben in den Bäumen. Sie beobachtete, wie die Nacktaffen am Waldrand herumlungerten. Fast so, als würden sie auf etwas warten. Oder auf jemanden? Vielleicht auf den Soldaten vom letzten Mal? Oder einen anderen? Er war ja diesmal nicht bei ihnen. Dabei war sich Nia sicher, dass sie ihn nicht zu stark verwundet hatte!
Kurz nach Sonnenhoch machten die Nacktaffen kehrt und liefen zum nächsten Dorf zurück.
„Was sie wohl wollten?“, fragte Aurora, die sich zu ihr gesellt hatte.
„Beim letzten Mal hat die Alte einen Busch inspiziert“, offenbarte Nia, ohne den gewaltigen Vogel, ihrer Schwester, auch nur einen Blick zu schenken, „Ich glaube, sie suchen etwas …“
„Nun, der König der Nacktaffen soll krank sein“, überlegte ihre gefiederte Schwester.
Nia runzelte die Stirn. Das hatte sie bislang noch gar nicht gehört. Aber es würde Sinn ergeben. Im Wald befanden sich die besten Heilkräuter. Und die alte Frau hatte einst auch Nias Wunden versorgt. Gewiss galt sie in ihrem Dorf als eine Art Heilerin.
Wenngleich niemand besser heilen konnte als ihre Aurora!
„Weißt du, was er hat?“, erkundigte sich Nia nach einer Weile.
„Vergesslichkeit und Fettleibigkeit, behaupten die Gerüchte“, ein schwarzer Flügel breitete sich über Nia aus und so bemerkte diese erst, dass ein Regenschauer eingesetzt hatte.
Aurora war immer so herzensgut, wenn sie sich um ihre menschlichen Schwestern kümmerte …
Von da an kamen die alte Frau und der Prinz alle zwei Tage zum Waldrand zurück und warteten dort. Sie betraten das Reich der Birchs, der Miraculas, nicht mehr. Jedoch schienen sie auch nicht aufgeben zu wollen. Als wollten sie etwas aus dem Wald ihr eigen nennen und warteten nur darauf, dass ihnen eine Chance geboten wurde!
Eine Chance, die Nia ihnen bei ihrem vierten Besuch einräumte, da sie die ständigen Besuche leid war.
„Was wollt Ihr?! Sprecht und verschwindet!“, forderte sie den Prinzen auf, während sie die alte Frau angestrengt ignorierte.
„Ich- Guten Tag!“, verkündete dieser überrumpelt, „Ehm, wir, ich meine, ich, ja, ich suche eine Pflanze. Eine Heilpflanze. Für meinen Va-“
„Haben wir nicht. Verzieh dich!“, unterbrach sie ihn, ehe er das Wort Vater beenden konnte.
„Zizi, er will nur-“
„Zizi ist tot“, korrigierte Nia die alte Frau schroff, „Sie ist gestorben, als die Nacktaffen ihr ein glühendes Eisen auf die Stirn gepresst hatten. Nicht, dass sie davor je ein richtiges Leben geführt hatte! Schuften. Putzen. Sich verprügeln lassen … So etwas hat keiner verdient.“
„Du hast Recht“, murmelte der Prinz, „Die alte Nia hat mir erzählt, was dir passiert ist. Sie hat mir erzählt, wie es jenen Mädchen aus den Dörfern ergeht, ehe sie verstoßen werden. Ich wusste das nicht. Ich wusste, dass viele Mädchen sterben, wenn die Hungersnöte unsere Ländereien heimsuchen. Doch hatte ich keine Ahnung, dass Eltern dafür extra ihre Mädchen aussetzten oder willentlich verhungern ließen. Ich wusste nicht, dass diese Mädchen dann zu jenen Hexen wurden, über die Vater immer seine Berichte erhält. Hexen, die als pure Boshaftigkeit bezeichnet werden, dabei sind sie doch eigentlich nur … verlassene Kinder, oder?“
Nia war von seiner Einsicht überrascht. Sie verschränkte nachdenklich die Arme. Sog still die Luft ein. Nur ein bisschen. Um sie mit Magie anzureichern, ehe sie diese sachte ausatmete.
Sie spürte, wie die beiden Nacktaffen ihre Luft atmeten. Wie diese in ihre Körper drang. Wie sie jedoch in beiden ruhig blieb.
Weil keiner von ihnen aufgeregt war.
Das beruhigte Nia ein wenig. Immerhin war die Luft dabei von niemanden sonst eingeatmet worden. Sie waren also wirklich allein. Es war kein Hinterhalt. Es-
Sie musste etwas tun.
„Wartet hier …“, murmelte sie still, „Ich bin … gleich zurück.“
Damit zog sie aus, um ihre ältere Schwester und Mutter zu unterrichten. Mira wusste immer, was zu tun war. Und notfalls würde Nyx ihnen weiterhelfen. Sie würde sehen, was niemand sonst erkennen konnte. Sie konnte stets die silberne Kette in einem Berg aus Asche finden.
Und was auch immer diese silberne Kette von Nia verlangen würde zu tun – sie würde ihrem Schicksal nachkommen.
Für ihre Familie.
