
„Warum?“
Das Mädchen blinzelte Michael an. Sie schien sich selbst unschlüssig zu sein. Beinahe, als hätte sie ihn ganz vergessen. Als wäre ihr gar nicht klar gewesen, dass er ja hier war. Dass sie ja ihm geholfen hatte!
„Warum nicht? Soll ich dich etwa verbluten lassen?«, erkundigte sie sich und sammelte den Müll auf.
„Das hätten zumindest andere gemacht, lil‘ angel“, entglitt ihm lachend.
„Warum nennst du mich so?“
Michael schüttelte seinen Mantel aus, um nicht direkt antworten zu müssen. Warum eigentlich? Am Morgen hatte er es nur als Spaß gemeint. Weil sie kleiner als er war. Weil sie von der Mauer gefallen war. Weil es nicht passiert wäre, wenn sie geflogen wäre. Wie ein Engel halt. Nun jedoch?
Nun sah er sie eher als eine Art Schutzengel. Als jemand, der ihn, ohne Fragen zu stellen, verarztet hatte, während er am Boden lag. Doch das zu sagen, wäre zu viel des Guten, oder?
„Warum nicht?“, kopierte er daher ihre eigene Antwort.
Ihr Lachen klang so leicht, als hätte es eigene Flügel. Doch schwang auch eine Traurigkeit mit. Fast so, als käme es nicht viel raus. Als würde es sonst erstickt werden. Abgewürgt von der Welt da draußen.
„Vielleicht bin ich aber gar kein Engel! Oder siehst du irgendwo Flügel?“
Ihre alberne Pirouette entlockte ihm ein schiefes Lachen. Eines, das zu abrupt kam. Das ihn wieder schmerzte.
Sofort starrte sie auf seinen Verband.
„Du solltest damit aber wirklich dringend zu einem Arzt. Vielleicht musst du Antibiotika nehmen oder es muss genäht werden“
„Ich weiß …“, gab er zu. Mehr wollte er nicht sagen. Nicht, wenn er schon fast bei einem Arzt gewesen war. Er hatte seine Gesundheit ja nur aufgeschoben, um seine Kette zu suchen. Um-
Das kratzige Geräusch ließ ihn noch vor der Durchsage nach seiner Pistole greifen. Es war ein Megafon. Eines, das von der Straße aus erklang: „Michael. Sie sind umstellt. Legen Sie jegliche Waffen nieder und kommen Sie augenblicklich mit erhobenen Händen heraus!«
Michaels Finger glitten nicht wie gewohnt in den Griff seiner Waffe. Er wollte fluchen! Dabei musste er doch-
Sein Blick fiel auf das Mädchen. Wie alt sie wohl war? Ein oder zwei Jahre jünger als er? Genauso alt? Er konnte es schlecht einschätzen, da er sonst nur mit Erwachsenen zu tun hatte. Und dennoch hatte sie ihm geholfen. Dennoch-
Er konnte sie nicht in dieses Chaos zerren.
„Du solltest besser gehen“, murmelte er.
Ihr besorgter Blick traf seinen. Sie schien keine Angst zu haben. Sich nicht um ihre eigene Sicherheit zu sorgen. Sich eher um seine zu sorgen?
Nein. Das bildete er sich nur ein. So etwas gab es nicht! Jeder war sich selbst der Nächste. Das hatte er schon früh lernen müssen. Außer Lucifer hatte er niemanden. Und selbst dort sollte er, als jemand aus Merichaven, eigentlich Vorsicht walten lassen!
„Wenn sie den Laden umstellt haben, werden sie dich so oder so kriegen. Warum kämpfen? Warum die Gefahr eingehen, erschossen zu werden?“, erkundigte sie sich vorsichtig.
„Wenn ich festgenommen werde, könnte ich gleich Doppelsuizid begehen“, knurrte er und dachte an seinen Bruder, der ohne ihn nie das Wylston verlassen würde, „Außerdem komme ich hier schon raus.“
Letzteres war eine Lüge. Eine Lüge, die sie zu durchschauen schien. Mit einem stillen „Wie?“ suchten ihre Augen den Gang ab. Es erschrak ihn, wie besorgt sie dabei um ihn war. Um Michael. Einen für sie Fremden!
Sie erinnerte ihn an seine Mom. Diese hatte auch immer nur das Gute in allen gesehen. Einst hatte sie sich für Kranke und Schwache gleichermaßen eingesetzt. Sie hatte sich stets dafür ausgesprochen, zu helfen.
Fragen konnten am Ende immer noch gestellt werden.
Erschöpft presste er den Hilfeknopf, den er von dem Zigarettenverkäufer bekommen hatte, bis dieser nachgab.
„Ich brauche Zeit“, murmelte Michael geschlagen.
Etwas anderes blieb ihm nicht übrig. Nur so könnte er heile fliehen. Und nur so würde er das Mädchen nicht weiter in die Sache hineinziehen. Sie hatte hiermit nichts zu tun. Sie sollte hier rauskommen. Sich nicht von den Polizisten erschießen lassen. Gehen! Abhauen!
„Michael! Wenn Sie nicht innerhalb einer Minute auf den Bürgersteig treten, muss ich den Laden stürmen lassen!“, ertönte es wieder von der Straße aus.
Das Mädchen riss den Kopf wieder in seine Richtung. Michael bemühte sich, seine Sorgen zu verdrängen. Sie zu beruhigen. Damit sie sich den Polizisten zu erkennen geben würde. Damit sie hier rauskam!
Stattdessen begegnete ihm ein entschlossener Gesichtsausdruck. Einer, der Michael an Lucifer erinnerte. Dem er nicht widersprechen konnte.
„Du brauchst nur Zeit?“, fragte sie.
Sachte nickte er, damit sie endlich ging. Damit sie-
„Noch eine halbe Minute, Michael!“, unterbrach der Polizist seine Gedanken.
Endlich setzte sich das Mädchen in Bewegung. Sie hob die Hände. Trat in den breiten Gang. In jenen, aus dem sie anscheinend den Polizisten sehen konnte. Dennoch ging sie nicht weiter. Sie verharrte dort. Wirkte plötzlich so ängstlich, dass Michael verwirrt blinzeln musste.
„Bitte nicht schießen!“, schrie sie aus.
Erst danach schaute sie wieder zu ihm. Sorge huschte über ihre Züge. Sorge über ihn. Über sein Wohl. Weil er der Verwundete war?
Dann wirkte sie plötzlich wieder so verängstigt, wie bei ihrem Ausruf. Ihre Hände zitterten leicht. Ihr Blick glitt immer wieder zwischen Fenster und ihm hin und her. Doch erkannte Michael, dass sie es spielte.
Dass sie es für ihn spielte.
Er konnte nicht anders, als sachte zu nicken.
„Hallo, mein Name ist Sue“, meldete sich eine nun weibliche Stimme, „Wie heißt du, Liebes?“
„Sophie St-Strom!“, das Mädchen stotterte und wank leicht mit den Händen, „Bitte! Er hat eine Waffe! Und-“
Ihr Schluchzen schmerzte Michael. Er wusste, dass es gespielt war. Dass aber diese Fremde, diese Sophie, es für ihn tat? Dass sie sich so sehr für ihn einsetzte?
So etwas war neu für ihn.
„Schon gut, Sophie. Schon gut. Bist du verletzt? Ist noch jemand im Laden?“, hörte er die Polizistin wieder sagen.
„Nein. Nein. Nein“, Sophie verbarg ihr Gesicht hinter ihren Händen und suchte seinen Blick.
Sie wusste nicht, was sie tun sollte.
„Behaupte, ich würde nach einem Fluchtwagen verlangen. Er soll in spätestens einer Stunde da sein und die Cops sollen bis dahin verschwinden. Das sollte sie beschäftigen“, flüsterte er.
Sophie nickte sachte.
»E-er will einen Fluchtwagen! Innerhalb von einer Stunde und sie sollen bis dahin alle verschwinden!«, rief sie aus.
»Sie haben eine Viertelstunde Bedenkzeit«, fügte er hinzu.
Nachdem sie die Botschaft weitergegeben hatte, kehrte sie wieder zu ihm zurück. Sie atmete aus. Erschauderte leicht. Wirkte so zerbrechlich …
„Danke“, murmelte er.
„Du bist kein schlechter Mensch“, entgegnete sie still, während sie ihn musterte. Erst danach griff sie in ihre Hosentasche und zog seine Kette raus.
Michael musste sich zurückhalten, sie nicht anzuspringen. Dabei wollte er das Schmuckstück am liebsten aus ihren Händen zerren! Angestrengt vorsichtig streckte er die Hand danach aus. Wartete, bis das vertraute Metall wieder bei ihm war. Bis er die Finger darum schließen konnte.
Die Erleichterung brach schlagartig über ihn ein.
„Ist also deine?“, holten ihn die Worte wieder zurück.
„Wo hast du sie gefunden?“
„An der Mauer“, erklärte das Mädchen und wandte sich ab.
Obwohl sie nichts tat, erinnerte sie ihn nun viel eher an einen Engel. Ihr Spitzname kam ihm plötzlich bedeutsamer vor. Doch erschien sie ihm nicht mehr klein.
„Danke, Sophie“, griff er daher auf jenen Namen zurück, den sie vor der Polizistin genannt hatte.
Sie runzelte kurz die Stirn, ehe sie sachte nickte.
„Wie willst du hier raus? Sie könnten zwar auf deine Forderungen eingehen, aber was, wenn sie Scharfschützen irgendwo positionieren? Oder wenn sie das Auto verfolgen? Du bist immer noch verletzt und …“, sie stoppte, als er ihr eine Hand auf die Schulter legte.
„Du sorgst dich die ganze Zeit nur um mich. Aber was ist mit dir?“, entgegnete Michael stattdessen.
Sie schüttelte so hastig den Kopf, dass seine Hand fast ihren Halt verlor. Erneut loderten die Schmerzen auf, als sein Arm leicht mitschwang.
„Lenk nicht ab. Ich habe kein Loch in der Schulter. Also bist du derjenige mit den größeren Problemen“, Sophie stach leicht mit ihrem Zeigefinger in seine Brust. Jedoch auf der anderen Seite. Dort, wo er nicht verwundet war.
Michael lachte wieder auf, um die Pein zu überspielen.
„Schon gut, lil‘ angel“, murrend verschränkte sie ihre Arme, „Das Auto war nie von Belang“, fügte er dann hinzu, ehe er seine Kette einsteckte.
Er wollte ihr nicht erklären, dass er damit die Polizisten nur weiter hinhalten musste. Dass er auf seinen Kontaktmann wartete. Dass er diesen sogar schon getroffen hatte, aber nur wegen seiner fehlenden Kette aufgeflogen war …
„Also willst du laufen?“
Ein leises Klopfen erklang plötzlich. Stoppte. Und trommelte erneut durch den Laden. Es war ein Morsecode. Endlich fertig, Myles?
„Moment“, Michael unterdrückte seinen Frust, während er dem Geräusch folgte und einen Teil des Teppichs beiseite rollte. Der Geheimgang überraschte ihn. Doch sollte wohl auch eine Kleinstadt wie Raptioville ihre Geheimnisse hüten. Vor allem, wenn sie seine Flucht ermöglichen konnten.
Eine Metallplatte kam unter dem Teppich zum Vorschein. Doch war kein Griff zu erkennen. Also klopfte er seine eigene Nachricht dagegen.
Fertig mit Rauchen?
Die Metallklappe kam ihm mitsamt einiger Bodendielen entgegen. Michael musste ausweichen, um die Falltür nicht abzubekommen. Doch fühlte sich sein Kopf dadurch leichter an.
Der Schwindel kehrte zurück.
„Hast du dich nu verdoppelt oder wat is‘ los?“, grüßte der Zigarettenverkäufer.
„Ich habe gefunden, wonach ich gesucht habe“, erklärte Michael, während er sich an seinem Bewusstsein festklammerte und klopfte sachte gegen seine Manteltasche, „Nur das zäh-“
Irgendwie hatte er bei der Bewegung seinen Verband schief erwischt. Seine Welt schwankte abrupt. Er spürte, wie die Schwerelosigkeit ihn überfiel. Wie er nach vorne stürzte. Wie da jedoch auch Hände waren. Hände, die ihn stützten. Die ihm halfen. Die ihn durch die sichere Dunkelheit trugen.
In Sicherheit.
