B: Mutter, Vater, Kind und Traum

Lianes Vater blieb schweigsam, bis sie im Auto saßen. Er hatte nur ein paar Worte zur Verabschiedung gemurmelt. Für mehr hatte er zu müde gewirkt. Zu ausgelaugt. Zu angespannt.

So ähnlich wie Mr. Brume, wenn sie so darüber nachdachte.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Liane, als das Auto auf die Straße bog.

„Huh?“

„Mit dir und … Hast du dich mit deinem Kollegen gestritten? Ihr wirktet beide so … schroff?“, erkundigte sie sich weiter, „Oder ist es, weil ich bei Oliver war? Ich wollte nicht-“

„Du kannst nichts dafür“, unterbrach er sie, „Es ist nur ein kleines Missverständnis. Nichts weiter. Ja?“

Dennoch hörte es sich nicht nach der Wahrheit an. Es fühlte sich schlimmer an. Als würde nun ein schweres Gewicht auf seinen Schultern lasten.

Das war sie nicht gewohnt.

„Aber ihr habt euch anfangs doch so gut verstanden?“, fragte sie.

„Liane. Es reicht“, seine Stimme klang so schroff, dass sie zusammenzuckte.

„Entschuldige“, sie versank in dem Beifahrersitz und starrte in den Himmel. Mittlerweile war die Sonne untergegangen. In den Wolkenlöchern konnte sie die Sterne ausmachen. Kleine schimmernde Punkte, die in weit entfernten Galaxien träumten.

„Es war schön“, erzählte sie nach einer Weile, „Olivers Mutter ist … toll. Ich hatte nicht genug Wechselsachen dabei und sie hat mich einfach an ihren Schrank gelassen, damit ich mir aussuche, was ich brauche. Und sie ist so offen und herzlich und lustig. Das hat mich daran erinnert, dass meine Mom … also, ehe sie uns verlassen hat, dass sie nicht so war, weißt du?“

Sie beobachtete seine Gesichtszüge. Die gerunzelten Falten über seinen Augen. Dieser nachdenkliche Blick, in dem sich immer wieder die anderen Scheinwerfer und Laternen zu reflektieren schienen.

„Möchtest du wieder eine Mutter haben?“, fragte er nach einer Weile.

„Hm … Ich glaube nicht. Also, nicht direkt“, offenbarte Liane ehrlich, „Ich meine, wenn du nochmal jemanden findest, mit dem du dein Leben teilen möchtest, muss die Person zu dir passen. Nicht zu mir. Und …“, sie nahm ihren Mut zusammen, „Ich fühle mich bei Janet wohl. Und sie ist glücklich verheiratet. Das will ich auf keinen Fall zerstört sehen. Aber ich würde sie gerne öfter besuchen. Also, wenn ich darf.“

Für einen Moment schienen sich seine Hände am Lenkrad zu verkrampfen. Sie sahen blasser aus. Fast weiß. Dann trat er auf die Bremse und Liane erkannte, dass sie Zuhause angekommen waren.

Die Fahrt hatte sich viel zu kurz angefühlt!

„Ich weiß nicht, Mrs. Brume hat bestimmt genug zu tun“, bemerkte er.

„Sie meinte, es wäre in Ordnung. Sie …“

Ob sie sagen sollte, dass die Frau ihr bereits angeboten hatte, dass Liane sie Mom nennen könne? Nein. Das wäre zu viel des Guten. Ihr Vater würde es gewiss gegen sich auffassen und ausflippen!

„Wenn du unbedingt möchtest“, räumte er so plötzlich ein, dass sie kaum ihren Ohren trauen konnte.

„Si- Sicher?“

„Ja“, er verschränkte die Arme vor der Brust, „Sobald sie dir aber seltsame Fragen stellt oder du dich bei den Brumes nicht mehr wohl fühlst, geht es nach Hause. Ohne Widerworte!“

„Ehm. Klar. Ja?“

Er stieg aus und knallte die Autotür zu.

Liane folgte ihm unschlüssig. Sie riskierte nochmal einen Blick in den Himmel. Die Luft fühlte sich so schwer an. Und es nieselte noch leicht. Trotzdem konnte sie nun sogar den Mond ausmachen, ehe die Wolken ihn wieder verschluckten.

Eilig huschte sie zum Haus.

„Ist etwas passiert? Hast du ausreichend geschlafen, als ich weg war? Du wirkst, als ob du die letzten drei Tage durchgemacht hast“, bemerkte sie still.

Er antwortete ihr nicht direkt. Stattdessen schloss er stumm die Haustür auf und legte das Chaos dahinter frei.

Jacken und Schuhe lagen auf dem Boden verstreut oder hingen über dem Geländer. Weiter hinten brannte noch Licht und offenbarte so die Pfützen, die im Flur verteilt waren. Zwei vergessene Teller lagen im Flur rum – einer auf der Treppe, einer auf einer kleinen Anrichte. Hinter dem letzten lag noch ein umgeworfenes Glas, das knapp vor dem Rand stehengeblieben war. Irgendwo in der Ferne konnte sie den Fernseher ausmachen. Aber auch noch etwas anderes. Lief noch das Radio aus der Küche?

„Ich habe dich die ganze Zeit vermisst“, murmelte ihr Vater. Sobald er die Tür geschlossen hatte, brach er auf dem Treppenansatz zusammen.

„Du …“, Liane stellte ihren Rucksack ab und schaute in die Zimmer, die sie vom Flur aus einsehen konnte, „Du brauchst auch Schlaf. Das weißt du, oder?“

Er antwortete nicht.

Still schlich sie sich zu ihrem Vater und kniete sich herunter. Seine Augen waren zugefallen. Sein Kopf ruhte auf seiner Hand. Der Ellenbogen auf seinem Knie. Es wirkte wie eine Denkerpose.

Seufzend legte sie ihm ihre Jacke über die Schultern und begann mit dem Aufräumen. Sie musste. Es war immerhin mit ihre Schuld, oder? Sicherlich hätte sich ihr Vater nicht so hängen gelassen, wenn sie Zuhause geblieben wäre. Wenn sie auf ihn gewartet hätte. Wenn sie-

War es wirklich mit ihre Schuld?

Nachdenklich warf sie einige Handtücher auf die Pfützen und suchte nach der Quelle des Wassers. Aber das nasse Element schien weder aus der Decke noch aus dem Bad zu kommen. Stattdessen fielen ihr die Regensachen über dem Geländer wieder auf.

War er so verzweifelt gewesen, weil sie bei ihrem Freund war, dass er während des Sturms rausgegangen war? War er denn noch bei Trost? Auch, wenn er sie vermisst hatte, dieser Unfug war allgemeingefährlich!

Aber war es ihre Schuld?

Die Frage schlich sich immer wieder ungefragt an sie heran. Still schrieb sie Oliver und auch Shiloh, dass sie wieder daheim war. Sie verriet keinem, wie chaotisch es aussah. Das behielt sie lieber für sich. Genauso wie ihr Putzen und ihren nun auf der Treppe schlafenden Vater.

Erst gegen zwei Uhr morgens hatte sie das Haus wieder in einen vernünftigen Zustand bekommen.

Noch einmal versuchte sie, ihren Vater zu wecken und ins Bett zu lotsen, ehe sie sich endlich in ihr Zimmer zurückzog. Sie hatte keine Kraft mehr, darauf zu beharren, dass er aufstehen solle. Erst recht nicht, solange sich dieselbe Frage immer wieder anschlich und ihr Gewissensbisse bereitete.

War es ihre Schuld?

Müde fiel sie ins Bett und starrte ihre Zimmerdecke an. Sie hatte dieselbe Farbe, wie das Gästezimmer bei Oliver. Aber die Lampe war eine andere. Ihre war eckig. Mit kaltem Licht. Die bei ihrem Freund war rund gewesen. Und mit warmen Licht, oder?

Oder bildete sie sich das nur ein?

Erst nun wurde ihr bewusst, dass ihr Talisman noch im Rucksack war. Sie hatte ihn weggelegt, weil sie ihn bei Oliver nicht gebraucht hatte. Und selbst jetzt noch fühlte sie sich relativ entspannt.

Eine Entspannung die nun nachließ, da sie nichts mehr zu tun hatte.

Ächzend quälte sie sich vom Bett hoch, um den einlaminierten Brief zu holen und ihn zwischen den Händen hin und her zu drehen.

„Wieso brauche ich dich hier wieder so sehr?“, fragte sie den Gegenstand.

Doch schwieg er nur.

Was erwartete sie auch!

Seufzend drückte sie den Brief an sich und schloss die Augen. Sie wünschte sich den Schlaf herbei. Einen Zufluchtsschlaf. Einen-

Abrupt sprang Liane im Bett auf. Ein Zittern erfasste ihren Körper. Sie hatte sich eigentlich nur weggewünscht, um eine kurze Pause zu haben. Wie aus dem Nichts hatte ihr Kopf an die Berge denken müssen. Berge, in die ihr Vater vor wenigen Tagen noch campen fahren wollte. Berge, in denen die Schlammlawinen beim Unwetter ausgebrochen waren.

Sie hätte tot sein können. Nur weil ihr Vater sich weggewünscht hatte. Nur weil er eine Pause wollte …

Sie durfte sich keine Pause zugestehen!

Damit kniete sie sich auf ihr Bett. Sie presste ihren Talisman an sich. Hoffte, dass alles besser werden würde. Dass die Alpträume ausblieben. Dass ihr Vater zur Vernunft käme. Dass sie sich weiterhin bei Oliver und seinen Eltern wohlfühlen könne. Dass Shiloh ihre Freundin bliebe. Das ihre Familie mal funktionierte …

Erst als Liane aus Erschöpfung umkippte, empfing sie der traumlose Schlaf.

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