
Timmy kam erst in den frühen Abendstunden zurück. Begeistert erzählte er Julie von seinem Tag. Und von dem Fischer, dem er helfen durfte. Er wäre ziemlich streng gewesen. Aber er hatte ihm einen guten Lohn gezahlt, dafür, dass er eine bloße Schriftrolle überbrachte. Genug, damit er ein ganzes Laib Brot kaufen konnte!
Stolz brodelte geradezu aus ihm heraus, während er jedes Detail wiedergab. Es war nur eine kleine Aufgabe gewesen – aber er hatte sie allein erfüllt. Und er hatte sich dadurch etwas Essbares verdienen können!
Unschlüssig schob ich meine Erkenntnisse über unsere Nachbarn beiseite, während er mit Julie aß. Ich wollte sie nicht ablenken. Dennoch bemerkte ich, wie Timmy immer wieder fragend zu mir herüber sah. Als würde er ahnen, dass ich mich unwohl fühlte.
„Später“, murmelte ich nach einer Weile, mit einem Blick auf seine kleine Schwester, „Nicht jetzt.“
Damit war das Thema erstmal erledigt. Timmy wandte sich wieder Julie zu und fragte sie über ihren eigenen Tag aus. Sie sprachen über Beeren und Gräser. Über Pläne für ihre Zukunft und wie sie sich dem Winter stellen wollten. Wie einem möglichen Sturm. Julie schien sich darum zu sorgen, weil die Wellen heute näher an ihre Hütte gerollt waren.
Sofort beruhigte Timmy sie. Er würde sich etwas einfallen lassen. So schwer würde es schon nicht sein. Das schien sie wieder zu beruhigen.
Erst als Julie schlief, konnte ich mich an Timmy wenden. Es fiel mir schwer, die Wahrheit zu gestehen. Zumal ich ja eigentlich auf Julie aufpassen sollte, während Timmy arbeiten war. Dennoch zwang ich mich da durch. Er musste von den Piraten wissen!
Still flüsterte ich ihm meine Beobachtungen zu. Ich erzählte von unseren Nachbarn. Von dem gefangenen Mädchen. Von den Lösegeldforderungen.
„Es ist nicht sicher“, schloss ich nach einer Weile, doch schien Timmy mir nicht mehr zuzuhören.
„Meinst du, ich käme ungesehen hinein?“, fragte er.
„Wie bitte?!“, ich musste mich verhört haben!
„Na, um sie rauszuholen. Wenn ihr Vater Lösegeld für sie bezahlt und die Piraten sie Madam nennen, dann muss die Familie reicher sein. Bestimmt könnte ich für ihre Rettung entlohnt werden und dann könnte ich meine und Julies Zukunft besser sichern“, erklärte der Junge.
Fassungslos starrte ich ihn an. Ich war nicht einmal wütend. Eher erschüttert.
„Das … Das ist viel zu gefährlich! We-“
„Das ganze Leben ist gefährlich“, murmelte er ungehalten.
„Schon, aber-“, ich erschauderte, „Wenn sie dich erwischen, dann war es das. Wer passt dann auf Julie auf? Mich kann sie weder hören noch sehen. Sie würde meine Warnungen nicht mitbekommen. Sie wäre also auf sich allein gestellt. Hilflos.“
„Wenn sie mich erwischen“, Timmy starrte mich so ernst an, dass ich glaubte, er sähe durch mich hindurch, „Mit deiner Hilfe könnte ich ungesehen reinhuschen und wieder entkommen – mit dem Mädchen. Wir müssten anschließend nur noch hier wegkommen. Ohne Aufzufallen, meine ich.“
Ja. Da war schon etwas dran. Doch konnte ich ihm nicht so einfach zustimmen. Es erschien mir zu gefährlich. Dieser Pirat, der mit der alten Frau gesprochen hatte … er könnte Timmy gewiss mit einem einzigen Hieb töten!
„Ich weiß nicht. Es ist zu riskant und …“
„Natürlich ist es riskant. Wir bräuchten einen Plan. Aber wir könnten es schaffen. Immerhin kannst du sie ausspionieren und notfalls für mich einheizen. Ich müsste nur zusehen, dass ich das Mädchen sicher rausführe und nach Hause bekomme. Dort hätten wir sicherlich ein besseres Leben – keine Hütte, von der Julie denkt, dass sie beim nächsten Sturm fortgeweht wird.“
Mir gefiel die Idee nicht, doch hörte ich Timmys Stimme an, dass er sich schon zu sehr in die Sache verrannt hatte. Ich musste ihn irgendwie ablenken. Oder andere Lösungen finden. Genau! Irgendetwas, wo er sich nicht direkt mit den Piraten anlegte …
„Reicht es nicht aus, wenn wir einen verdeckten Hinweis an ihren Vater schicken? Oder uns an die Wachmänner der Stadt wenden?“, bemerkte ich unschlüssig.
„Du meinst, die Wachmänner, die am Hafen arbeiten? Die dort mit den Fischern gemeinsame Sache machen und auch Piraten sein können? Wir sind immer noch neu hier. Wenn wir die falschen Leute um Hilfe bitten, können wir uns gleich einen Strick umbinden!“
Julie streckte sich seufzend und angespannt erstarrten wir. Sofort strich Timmy über ihren Rücken und flüsterte leise Worte herab. Worte, die schöne Träume versprachen. Worte, die von einer Zukunft sprachen.
Und Worte, die in einem so großen Gegensatz zu seinen Vorschlägen standen.
„Ich kann nicht behaupten, dass ich dein Vorhaben begrüße“, murmelte ich und starrte in die lodernde Flamme, „Aber wenn du wirklich dorthin musst, dann werde ich mitgehen. Überstürze es bloß nicht, ja?“
Dazu nickte der Junge schwach.
